Rettich reinigt das Gehirn

Ich atme jedes Jahr durch, wenn der Jahresanfang überstanden ist: die Fastenzeit, die Osterzeit und dann noch die Heiltumsweisung.

Weil es jetzt wieder Eier, Lämmer, Milch, Rettiche und das erste frische Grünzeug gibt, ja, ja, – doch, natürlich ist das wichtig (“Bleib bei der Wahrheit, Stainlinger”, sagt Margret über ihrem Haushaltsbuch und runzelt die Stirn, ob meinetwegen oder wegen eines Eintrags im Buch, weiß ich nicht.) Ja, ein Stück Lamm statt der ewigen Fischpasteten auf dem Teller, und Rettich wirkt Wunder gegen Husten und reinigt das Gehirn – und das haben wir nötig nach der Osterzeit, ihr wisst gar nicht, wie sehr.

Die Fastenzeit ist schlimm genug, der Gerstenbrei macht die Leute kirre, wenn sie nicht ohnehin ihre Vorräte aufgebraucht haben und am Hungertuch nagen, was sie auch nicht friedlicher macht. Und dann kommt die Karwoche und mit ihr die Bettelmönche und ihre Bußpredigten, und ich schicke Streifen durch die Rotschmied- und die Judengasse, da, wo die Judenhäuser sind.

Nicht, um die Nürnberger Juden daran zu erinnern, dass sie besser in ihren Häusern bleiben – das machen die in der Karwoche sowieso. Aber du weißt nie, was den Leuten einfällt; nicht den Juden, unseren Leuten. Die Juden fangen vor Ostern ein Christenkind, schlachten es, so wie sie unseren Herrn geschlachtet haben, und verbacken das Blut in ihren Mazzen, die sie zum Pessachfest essen.

Seit die Geschichte des kleinen Simon von Trient in hundert Flugblättern und sogar Büchern nachzulesen ist, auch hier in Nürnberg, denken die Leute überhaupt nicht mehr nach. Braucht man nicht mehr, die Geschichte ist ja bekannt.

Die Juden essen kein Blut; das weiß im Grunde jeder. Und überhaupt, wer glaubt schon solche Schauergeschichten? Ich will es auch sagen: Nicht jeder, aber fast jeder. Die Leute glauben nicht, was man beweisen kann, sondern das, was man an jeder Ecke hört. Alles klar?

Und diese Bettelmönche in ihren schmierigen Kutten gießen Öl ins Feuer, mit ihren Predigten gegen den Judenwucher. Jedesmal, wenn ich einen dieser Kerle auf der Straße predigen höre, möchte ich ihn in den nächsten Wassertrog stecken. Ja, die Zinsen sind Wucherzinsen. Und wie viel davon landet als Judensteuer beim Kaiser oder in den Kassen der Fürsten und Städte, an die der Kaiser seine Judensteuer verpfändet, he?

Zu kompliziert, Stainlinger, sagt Margret. Die Leute wollen es einfach haben. Was erwartest du? Dass die Leute freiwillig das Hirn einschalten? Willst du die Menschen ändern?

Sie schaut von ihrem Haushaltsbuch auf.

“Wenn du das willst, Stainlinger, dann schicke ich besser nach noch mehr Rettichen für dich. Rettiche reinigen das Gehirn, wie du weißt.”

Mittfasten

Mittfasten, und es gibt noch Hoffnung in dieser Welt.

Es ist ein böser Winter gewesen dieses Jahr, eine große Kälte und der Schnee so tief, dass Pferde fast bis zum Bauch einsanken. So habe ich mir das jedenfalls erzählen lassen; die Zeiten, in denen ich im Winter auf den Straßen unterwegs sein musste, sind gottseidank vorbei. Aber einen harten Winter merkt man auch in der Stadt, auf den Märkten und in den Gassen, aber auch an den Preisen und den Totenglocken.

Die Preise für Brotgetreide sind gestiegen, mit ihnen die Preise für Linsen, Schmalz, Gerste, Erbsen und Fleisch. Im Rat wird diskutiert, ob wir die Kornspeicher öffnen und Armenbrot backen lassen sollen. Aber ich fürchte, den Leuten in den Kellerlöchern um Sankt Jakob herum fehlt selbst für Armenbrot das Geld. Und dann kommt der Deichsler zu mir, Bierbrauer und Bettelherr, und sagt: Stainlinger, wisst Ihr, wie viel stadtfremdes Bettelvolk wir gerade in der Stadt haben? Und wir haben doch so viele eigene Arme. Kann ich nicht ein paar Stadtknechte haben, um sie auszuweisen?

Jetzt? Die Straßen sind grundlos, und in den Nächten friert es Stein und Bein. Ich habe ihm gesagt, ich kann gerade  keinen Stadtknecht entbehren, und er soll sich ein wenig gedulden. Er hat gemurrt, hat sich aber auch nicht getraut, mir zu widersprechen. Manchmal möchte ich den Kerl in seinen Gärbottich stecken.

Wenigstens das Gebimmel der Totenglocken hat aufgehört, seit zwei Tagen. Es sterben natürlich immer noch Leute – das gibt es in einer großen Stadt immer – aber das große Sterben, das heuer so viele Kinder mit sich gerissen hat, das scheint vorbei. Die armen Würmer, sie husteten die Nächte durch und konnten nicht schlucken, und nach drei, vier Tagen waren sie tot. Aber jetzt hat es aufgehört.

Es ist schon merkwürdig, so ein Sterben wütet wochenlang, manchmal monatelang in der Stadt, es zieht von Viertel zu Viertel, und fast von einem Tag auf den anderen ist es vorbei. So, als hätte Gott genug von unseren Tränen. Und vielleicht ist es ja so, vielleicht ist er für eine Weile tränensatt. Margret und ich, wir haben selbst drei Kinder begraben, habe ich euch das gesagt? Das ist lange her, wahrscheinlich habe ich es deshalb nicht erwähnt.

Margret und Anna lachen unten in der Küche. Sie bereiten eine Eierspeise zu und haben ein Stück vom Ochsen auf den Spieß gesteckt. Mittfasten heißt nicht zuletzt, dass du wieder einmal etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommst. Mittfasten ist ein Feiertag. Mittfasten deutet schon auf Ostern.

“Papa”, sagt Anna, “warst du heute schon in der Messe?”

Das hat mir gerade noch gefehlt, meine eigene Tochter, die mich zum Kirchgang anhält. Ich brumme.

“Du solltest auf alle Fälle hingehen”, sagt sie. “Weißt du, was für ein Messgewand der Priester heute anhatte? Es war rosa.”

Sie verdreht die Augen wie ein Fallsüchtiger.

“Ein rosa Messgewand, wirklich. Das ist unglaublich bescheuert .”

Ach so. Und ich hatte schon befürchtet, meine kleine Anna sei fromm geworden.

Junge Dinger

Was geht unseren Linhard eigentlich diese Kölnerin an?

»Martha, hast du noch Rettiche?« Dabei ein Gesicht, das vor Besorgnis so lang ist wie der Weg zum heiligen Jakob.

Typisch, diese jungen Dinger, nichts im Kopf. Die Ratten haben nicht ihre Rettiche gefressen, sondern ihren Verstand, sonst hätte sie ihre Rettiche da, wo die Ratten hinkommen, nicht hingetan. Und jetzt zur alten Martha gelaufen kommen.

Aber was soll ich machen, soll sie ihre Rettiche haben, diese dahergelaufende Kölnerin mit ihren Seidentüchlein und ihrer Patriziertochter als Lehrmädchen und ihrem Gerstenwasser, das jeder genausogut selber machen könnte, nur für den halben Preis. Auf dem Markt stehen, mit jedem schäkern und lachen und gut Freund sein, vor allem mit den jungen Männern aus den guten Familien. Und dabei meinen, über den Herrgott könnte man nachdenken, wenn man mal Zeit dafür hat.

Ja, wenn ein Kind auf den Tod krank liegt, dann werden sie kleinlaut, sogar die stolzen Kölnerinnen.

Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Hustenrettich

Status

Alit ist seit Tagen nicht mehr auf dem Markt gewesen, und ich bin einfach mal bei ihr vorbeigegangen; ich kann eine kleine Menge Ingwer günstig bekommen, das wäre vielleicht was für sie.

Alit öffnet mit Ringen unter den Augen und einem Bündel an der Brust. Das Bündel wimmert.

“Alit?”

Sie macht eine Kopfbewegung, komm ins Haus. In der Stube setzt sie sich, nein, fällt sie auf die Ofenbank.

“Ist das dein kleiner Neffe?”, frage ich, und sie zieht das Tuch ein wenig zur Seite. Ein gelbes Gesichtchen kommt zum Vorschein. Das kann doch nicht der Junge sein, für den ich vor ein paar Tagen erst einen Haselstecken abgeschält habe, weil er unbedingt ein weißes Pferd haben wollte?

“Er glüht”, sagt Alit, “er isst nicht, er trinkt nicht, er hustet, er bekommt fast keine Luft mehr. Ich bin durch die halbe Stadt gelaufen, um wenigstens ein paar Rettiche aufzutreiben, meine haben die Ratten gefressen. Jetzt hab ich ihm einen Saft angesetzt, hoffentlich nimmt er den. Wein ninmmt er nicht, er ist ja noch so klein.”

Alit schießen die Tränen in die Augen. Sie legt ihre Backe auf den Kopf des Kleinen und wiegt ihn hin und her.

“Er ist so ein lieber, gescheiter kleiner Kerl”, sagt sie. “Er kann sogar schon zählen.”

Ich weiß, er hat es mir aufgesagt. Eins zwei drei vier fünf sieben elf neun zehn!!! Die Zehn mit einem Jubelschrei, und dann schüttete er sich aus vor Lachen und lief Alit in die Arme, ein kleines, kompaktes Bündel Lebenskraft. Das war wann, vor drei, vier Tagen?

“Wenn man doch helfen könnte”, sagt Alit.

Jetzt weint sie wirklich.

Lichtmess

Status

Mariä Lichtmess ist das schönste aller Feste, für mich jedenfalls. Weihnachten ist ein Versprechen; jeder weiß, dass die Tage ab Weihnachten wieder länger werden, aber du merkst es nicht.

Lichtmess ist ein Beweis. Du stehst morgens auf und es wird hell, und an den Nachmittagen kannst du eine Arbeit nicht nur anfangen, sondern auch zu Ende bringen. Die Sonne sagt: Ich bin wieder da. Und du weißt: Es geht aufwärts.

Schembartkostüm, Nürnberg 1490

Schembartkostüm Nürnbeg 1490, Quelle: http://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/image/PPN504316125/106/

So kurz vor der Fastnacht fiebert die Stadt dem Schembart entgegen. Die Leute wetten auf die Kostüme der Läufer – letztes Jahr waren sie blau, was wird es wohl dieses Jahr sein? Das muss eins der am besten gehüteten Geheimnisse der Stadt sein, eher erfährst du noch, was im kleinen Rat verhandelt wird. So ganz klar ist mir nicht, wieso das so wichtig sein soll.

Der Schembart ist schon ganz nett, aber die Nürnberger sollten mal nach Köln kommen. Der Schembart ist, wie so vieles in Nürnberg, eine große, zentrale Veranstaltung, und es sind die jungen Burschen aus den ratsfähigen Familien und die Ehrbaren, die laufen. Es sieht so aus, als ob es drunter und drüber ginge, aber die Papas gucken schon, dass der Nachwuchs es nicht zu wild treibt ;(

In Köln läuft das ein wenig anders. Wir treffen uns in Gruppen auf der Straße, in Kneipen oder bei Freunden, und jedes Grüppchen hat seine eigenen Szenen und Kostüme. Auf den Straßen siehst du Pfeifer und Schneider, Gaffelsitzungen und Reliquienprozessionen, saufende Mönche und beinschwingende Nonnen, und du musst schon zwei- oder dreimal hinschauen, wenn du wissen willst, ob der Mönch auf dem Bierfass nun echt oder kostümiert ist. Denn er könnte echt sein. Das ist Karneval.

Das hier in Nürnberg, das ist eine Veranstaltung. Über-die-Stränge-schlagen, organisiert von den Ehrbaren und vom Rat genehmigt. Ich würde mich nicht wundern, wenn der Stainlinger die Hauptleute der Schembartgesellschaft vor dem Schembartlauf zum Rapport bestellt.

Das sollte er mal in Köln probieren. Würde schon daran scheitern, dass er nicht wüsste, wen er einbestellen sollte. Die ganze Stadt?

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Winterstürme

Status

Gestern ist ein Schneesturm über Nürnberg weggefegt. Er hat solche Schneemassen über uns ausgeschüttet, dass er die Stadt schier unter sich begraben hat. Nürnberg ist ein Berg, ein ganzes Gebirge aus Schnee; als hätten wir nicht eine Stadt gebaut, sondern Gänge und Kuhlen in den Schnee gegraben wie die Mäuse.

Da ist es gut, dass ich so nah am Weinmarkt wohne. Ich brauche nur aus dem Haus zu gehen, dann habe ich die Sebalduskirche vor Augen. Sechzig Schuh hoch ist das Schiff (und dann kommt noch das Dach), zweihundert, zweihundertvierzig Schuh hoch reckt sie ihre Türme in den Himmel. Kein Schneesturm kann unsere großen Kirchen zuschütten, nicht vor dem Ende der Welt. Und das beweist dann doch, dass wir Menschen sind und keine Schneemäuse, oder?

Auf den Gassen allerdings liegt der Schnee einen Stadtschuh hoch, wir kommen mit dem Schaufeln gar nicht hinterher, und die Pegnitz ist zu einer Schlammflut angeschwollen. Die Nägeleinsmühle hat den Mahlbetrieb eingestellt, höre ich.

Arbeit habe ich mehr als genug. Von meinem Gewürzwein kann ich gar nicht so viel herstellen, wie die Leute kaufen wollen. Die Leute könnten ihn zwar alle selber machen, so schwierig ist das nicht, aber es hat sich herumgesprochen, dass Frau Hoevels’ Gewürzwein besonders gut und gesund ist. Da steckt natürlich die Stainlingerin dahinter; seit ihre Tochter bei mir Lehrtochter ist, kann sie gar nicht mehr aufhören, meinen Wein zu loben. Wahrscheinlich muss sie sich ständig rechtfertigen, weil sie ihre Tochter zu einer Weinhändlerin in die Lehre gibt. Da erklärt sie den Leuten eben, dass ich eine besondere Weinhändlerin bin. Das bin ich nicht, aber die Leute glauben der Stainlingerin. 

Ich kann also nicht klagen, Schneemassen hin oder her. Es ist zwar alles mühselig – das Holz- und das Wasserholen, das Reinigen der Becher und Kannen undsoweiter – aber wir sind alle gesund, auch die Kinder, und in meiner Küche ist es warm. Und ihr könnt sicher sein: Ich habe einen Topf Ochsensuppe auf dem Herd stehen :)

Schnee

Status

Heute Nacht hat es geschneit.

Ich öffne das Haustor, und die Kälte beißt mir in die Backen, eine klare, belebende Kälte, wie junger Wein. Die Gasse schimmert, die Häuser haben dicke Mützen auf und aller Schmutz, aller Abfall und  Unrat der vielen Menschen ist unter dem Schnee verschwunden.

Die Stadt ist still, das Frühmessläuten klingt gerade aus, unter meinen Schuhen knischt der Schnee. Von Norden weht es in die Stadt hinein, ein scharfer Wind, der den Menschen- und Tiergestank aus den Gassen treibt, und es riecht endlich einmal nach nichts, oder doch, es riecht nach Nachthimmel und Sternen und Kälte und Schnee, es riecht… sauber. Ich atme durch.

Foto: © Helene Souza, pixelio

Ich laufe mit meinen Ledereimern zum Tiergärtnertor, am Fröschturm vorbei und an den Weberhäusern, die noch dunkel sind, hinüber zum Treibberg, zu meinem kleinen Gärtchen. Heute ernte ich die letzten Schlehen.

Ich habe so ein Glück gehabt, dass ich dieses kleine Stückchen Garten innerhalb der Mauer pachten konnte.

Mein alter Garten lag vor der Stadt, und ich musste immer warten, bis die Stadttore aufgemacht wurden. Und wehe dir, du bist abends zu spät. Einmal ist mir das passiert, ich war zu spät und allein, und der Torhüter am Wöhrder Törlein wollte mich nicht einlassen. Ich will euch nicht sagen, was der Kerl als Gegenleistung verlangt hat. Der Rat will das nicht, da bin ich mir ziemlich sicher, aber es gibt wirklich ein paar üble Kerle unter den Scharwächtern. Ich habe dann letztlich vor der Stadt in einem Schafstall geschlafen. Ich war von oben bis unten verdreckt, aber das ist die Art von Dreck, die sich abwaschen lässt.

Die Schlehenernte ist meine letzte Gartenarbeit für dieses Jahr. Das Wintergemüse habe ich vor Wochen schon heimgeholt und im Keller in Erde eingeschlagen, die Wurzeln, den Lauch und den letzten Kohl. Jetzt sind da nur noch die Schlehen, pralle blaue Beeren, die dick an dick auf den Ästen sitzen, wie Paternosterperlen. Sie brauchen erstmal einen richtigen Frost, bevor man sie überhaupt essen kann, aber dann sind sie lecker, herb und süß zugleich. Heute Nacht, das sollte gereicht haben. Mein Busch hängt übervoll und ich freue mich schon auf Hirsebrei mit Schlehenmus. Kennt ihr das? Mmm…

Das Mönchlein

Status

Ja, das Gerede über Hannes und seinen Preis beim Schützenfest hat ein Ende gefunden. Manchmal fügt sich alles (fast) wie von selbst.

Wir waren auf dem Heimweg von der Lorenzer Seite, Hannes, die beiden Stumpf-Brüder und ich. Es war ein lustiger Abend gewesen, es war sehr, sehr spät, oder, anders gesagt: Es war nicht einmal mehr sonderlich früh. (“Was wollt ihr?”, sagte Ott Stumpf. “Solange man vor dem Tagmessläuten zu Hause ist, ist es keine Sünde.”)

Die Gastgeber verabschiedeten uns mit den üblichen Ermahnungen. “Passt auf eure Laterne auf, damit ihr heil heimfindet!”, und “Fallt mir nicht in die Pegnitz!”

Unsere Laterne warf nur einen kleinen Lichtkegel um unsere Füße; eine schmale Mondsichel ließ die Mietskasernen um uns herum noch schwärzer und höher erscheinen als sie sind, und sie sind bei Tag schon finster genug, vier, fünf Stockwerke und mehr, bis in die Keller und unter die Treppenaufgänge vollgestopft mit Bettelvolk und Tagelöhnern und ihren Familien. So tief im Jakober Viertel bin ich schon tagsüber nicht gern; Hannes und den Stumpf-Brüdern machte das nichts aus, sie sangen noch ein bisschen. Der Ratschlag mit der Laterne erwies sich als berechtigt, aber vergebens; kaum waren wir ein paar hundert Meter gegangen, stolperte unser Laternenträger über seine Füße.

“Hoppla. Warum ist es hier so finster?”

Hannes stellte ihn wieder auf die Füße. “Nicht so laut. Willst du, dass uns die Nachtwächter erwischen, ohne Laterne?”

“Grad hatte ich doch noch eine”, sagte Uelein. “Ich will meine Laterne wiederhaben. Hannes, mein Freund, gib mir meine Lat-”

“Schschsch!!!!”

Jetzt hörte ich es auch: Ein Riegel wurde zurückgeschoben, eine Tür schrappte über den Boden, und ich spürte mehr als ich sah, dass neben uns jemand aus einem schmalen Durchlass auf die Gasse trat.

Der Jemand trug einen Mantel oder einen Umhang und prallte zurück, als er uns wahrnahm; aber bevor er wieder zurückschlüpfen konnte, hatten schon vier, fünf, sechs Fäuste nach ihm gegriffen.

Darunter meine. Das ist ein Reflex; wenn dir in einem Viertel wie Sankt Jakob nachts jemand vor die Füße läuft und dann versucht wegzurennen, packst du ihn erstmal.

“Oha”, sagte Ott. “Nicht so ungesellig. Was treibst du hier in der Nacht ohne Laterne? Das ist verboten, weißt du das nicht?”

Der Mann im Umhang stand wie festgefroren.

“Lasst ihn los”, sagte Hannes. “Das ist der Hintereingang vom Frauenhaus, und der Kerl hat eine Kutte an. Wollt ihr euch an einem Mönch vergreifen?”

“So, so, ein Mönchlein.” Ott Stumpf schüttelte seinen Gefangenen ein wenig. “Was hast du bei den freien Töchtern verloren, noch dazu in der Nacht zum heiligen Sonntag, he? Wenn du ein Bürger wärst, könnte dir das den Stadtverweis einbringen. Aber an euch Pfaffen kommt ja keiner ran.” Ott, das habe ich schon öfter festgestellt, ist kein Freund der Priester und Mönche. 

“Lasst ihn los”, sagte Hannes noch einmal. “Das gibt nichts als Ärger.”

“Gleich”, sagte Ott. “Erst will ich sein Gesicht sehen. Morgen steht er wieder auf der Kanzel und macht uns die Hölle heiß. Hat denn keiner von euch ein Feuerzeug dabei, dass wir uns diesen Hurenbock mal betrachten können?”

Ich hörte Hannes seufzen, aber er kramte seinen Funkenschläger heraus. Er hielt den Feuerstein mit dem glimmenden Zunder dem Mönch ins Gesicht.

Und jetzt waren wir alle erst einmal sprachlos. 

Hannes hakte den ertappten Sünder unter und zog ihn ein Stück die Gasse entlang.

“Sixtus”, sagte er im Plauderton, “du stimmst mir doch sicherlich zu, dass es viel, viel besser ist, wenn der Rat nicht erfährt, was du da in der Nacht zum heiligen Sonntag treibst? Oder dein Onkel?”

Und so hat das böse Gerede über Hannes endlich aufgehört.

Ein komischer Monat

Status

Der Dezember ist ein komischer Monat. Als ob die Tage alle krank wären: Morgens kommen sie nicht aus dem Bett, und kaum haben sie sich ein paar Stunden dahingeschleppt, fallen sie wieder in sich zusammen. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich Auberlin beschäftigen soll. Wir müssen den ordentlichsten Holzschuppen, die am gründlichsten gestriegelten Pferde, das aufgeräumteste Lager in ganz Nürnberg haben.

Im November war das anders, da haben wir die Waren und Bestellungen von den Herbstmessen abgearbeitet, und außerdem habe ich mal wieder festgestellt, wen Linhard in dieser Stadt alles kennt – praktisch jeden, und der größere Teil von diesen Jeden hat uns im November mindestens einmal eingeladen. Wir sind kaum nachgekommen, wirklich ;)

Das Getratsche in der Stadt wegen des Preisgeldes beim Schützenfest hat übrigens aufgehört. Ich hab mit Sixtus gesprochen.

Nein, nicht was ihr jetzt wieder denkt – alles friedlich und in allen Ehren. Fragt Linhard, wenn ihr mir nicht glaubt. Der war bei dem Gespräch dabei.

Was denkt ihr denn von mir!

Nachtmeister

Status

Sixtus Wiehr, höre ich, ist mit den Nachtmeistern aneinandergeraten. Woher ich das weiß? Naja – solche Geschichten sprechen sich herum. Solche mit Vorliebe.

Ihr wisst nicht, was Nachtmeister sind, oder? In Köln, sagt Alit, nennt man sie Goldgrübler. Im Winterhalbjahr, wenn es kalt ist, aber die Flüsse  noch kein Eis tragen, räumen sie nachts die heimlichen Gemächer.

Dass man um die Nachtmeister mit ihrer Fuhre einen weiten Bogen macht, befiehlt einem schon der gesunde Menschenverstand. Der Gestank ihrer Kübel ist derart, dass du freiwillig die Straßenseite wechselst, Bettler oder Ratsherr.

Nur Sixtus, der meinte offenbar, die Nachtmeister mit ihren Kübeln an der Tragestange müssten ihm Platz machen. Das sind die Nürnberger Nachtmeister nicht gewöhnt. Und so hat es ein kleines Missgeschick gegeben, eine allzu rasche Bewegung des Nachtmeisters mit seinem Kübel.

Sixtus muss ordentlich einen über den Durst getrunken haben, denn anstatt sich nach Hause zu trollen und die Spuren des Unglücks zu beseitigen, läuft er – in seinem besudelten Zustand – zum Stainlinger, um sich zu beschweren.

Der Stainlinger – so habe ich die Geschichte gehört – wollte sich gerade zum Abendessen hinsetzen.

Der Ratsherr war not amused.