3,98 Gramm Glück

Wie viel Glück ist das eigentlich, das man manchmal hat und das einem anderwann einfach fehlt, dieses vielbeschworene »Quentchen«? Ich will es euch sagen, aber die Antwort gilt nur für das historische Nürnberg und diejenigen Regionen, die Nürnberger Maßeinheiten verwendeten. Es sind 3,98 Gramm.

Letzte Woche habe ich einen Bericht über den Ersten Markgräflerkrieg gelesen (Mitte des Fünfzehnten, wir wollen es hier mit Jahreszahlen nicht übertreiben). Darin stand, dass der Sümmer Hirse während des Krieges teurer war als der Sümmer Korn. Das wollte mir nicht in den Kopf, denn Roggen ist das wertvollere Getreide und sollte teurer sein als die Hirse. Also habe ich recherchiert, und das hat mich auf das Thema Maßeinheiten gebracht.

Ihr wisst wahrscheinlich, dass bis ins 19. Jahrhundert in jedem Kuhdorf mit eigener Elle gemessen wurde – dass es also überall verschiedene Maßeinheiten gab und dass eine Bamberger Meile keineswegs so lang wie eine Nürnberger Meile sein musste. An vielen historischen Rathäusern findet man noch die alten Längenmaße oder Gewichte, z.B. in Regensburg und in Rothenburg, wenn ich mich recht erinnere. Aber dass selbst in Nürnberg ein Sümmer keineswegs immer ein Sümmer war – das fand ich im ersten Moment schon krass.

Der Sümmer ist ein Hohlmaß. Ein Nürnberger Sümmer entspricht etwa 330 Liter und lässt sich unterteilen: In vier Viertel, 16 Metzen (ein Metzen hat also gut 20 Liter), 64 Diethaufen und – meine Lieblingseinheit – 128 Diethäuflein (das sind dann noch etwa 2,5 Liter). So weit, so gut, auch wenn diese Vierer- und Achterschritte uns, die wir ans Dezimalsystem gewöhnt sind, umständlich erscheinen. Aber wieso war die Hirse im Krieg nun teurer als das Korn?

Das war sie natürlich nicht. Der Sümmer Hirse war teurer als der Sümmer Korn; ein Hirsesümmer hat etwa 530 Liter, das entspricht nicht 16, sondern 26 Kornmetzen. Eine bestimmte Menge Hirse wäre also tatsächlich billiger gewesen als die gleiche Menge Korn, die Menschen damals wären nur offenbar nicht auf die Idee gekommen, zwei so unterschiedliche Produkte wie Hirse und Roggen – buchstäblich – mit gleichem Maß zu messen.

Beim Hafer sah es dann wieder anders aus, ein Hafersümmer kennt keine Viertel, sondern nur Achtel, hat 32 Metzen (und zwar Hafermetzen, keine Kornmetzen) und entspricht etwa 620 Liter. Wärt ihr nun anno 1449 Getreide-Händler/in oder -Käufer/in, Bäckerin oder Brauer, Hauswirtin oder Marktaufseher gewesen, hättet ihr noch wissen müssen, nach welchem Maß Gerste und Dinkel gemessen werden (so wie Hafer), außerdem Linsen, Erbsen, Weizen, Lein, Hanf und Salz (um nur die wichtigsten Güter zu nennen, für die teils eigene Hohlmaße existierten). Und es gab das Fuder und den Eimer (ca. 74 Liter), nicht zu verwechseln mit dem Biereimer (83 Liter), die Schenk- und die Visiermaß (1,084 bzw. 1,151 Liter), Nusszuber und Honigeimer, den Krauteimer, das Kalkmaß (für Löschkalk) und das Waidmaß (Färberwaid). Und wir hatten den Stadtschuh und den Werkschuh (etwa 30,4 bzw. 27,8 cm – aber: Moment.

So groß, wie es uns jetzt erscheint, kann das Durcheinander nicht gewesen sein. Wer ein Gebäude wie die Lorenzkirche hinstellen kann, ohne dass es umfällt, der kann sich auch auf Maßeinheiten einigen – jeder Steinmetz, jeder Zimmermann und Maurer, jeder von ihnen wusste exakt, wie lang, breit und tief sein Werkstück zu sein hatte (und in der Tat ist außen am Nordturm der Lorenzkirche ein Eisenstab angebracht, das Grundmaß aller öffentlichen Bauten in der Stadt – sechs Nürnberger Werkschuh, ungefähr 1,80 Meter). Und es wanderte kein Stein auf die Baustellen der Stadt, der nicht geeicht gewesen wäre. Das gehörte zu den unzähligen Dingen, auf die unser alter Freund, Baumeister Endres Tucher, ein Augenmerk hatte.

Heutzutage ist natürlich alles viel einfacher, weil, es ist ja inzwischen so gut wie alles vereinheitlicht und genormt.

Das Chaos damals, das wäre ja beinahe so, als würde man heute für jedes Notebook oder Smartphone, für jede elektrische Zahnbürste, für jeden E-Book-Reader oder Rasierapparat oder was man sonst so mit sich herumschleppt, ein eigenes Netzteil bzw. Ladekabel brauchen.

Und jetzt stellt euch das mal vor.

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