Hustenrettich

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Alit ist seit Tagen nicht mehr auf dem Markt gewesen, und ich bin einfach mal bei ihr vorbeigegangen; ich kann eine kleine Menge Ingwer günstig bekommen, das wäre vielleicht was für sie.

Alit öffnet mit Ringen unter den Augen und einem Bündel an der Brust. Das Bündel wimmert.

“Alit?”

Sie macht eine Kopfbewegung, komm ins Haus. In der Stube setzt sie sich, nein, fällt sie auf die Ofenbank.

“Ist das dein kleiner Neffe?”, frage ich, und sie zieht das Tuch ein wenig zur Seite. Ein gelbes Gesichtchen kommt zum Vorschein. Das kann doch nicht der Junge sein, für den ich vor ein paar Tagen erst einen Haselstecken abgeschält habe, weil er unbedingt ein weißes Pferd haben wollte?

“Er glüht”, sagt Alit, “er isst nicht, er trinkt nicht, er hustet, er bekommt fast keine Luft mehr. Ich bin durch die halbe Stadt gelaufen, um wenigstens ein paar Rettiche aufzutreiben, meine haben die Ratten gefressen. Jetzt hab ich ihm einen Saft angesetzt, hoffentlich nimmt er den. Wein ninmmt er nicht, er ist ja noch so klein.“

Alit schießen die Tränen in die Augen. Sie legt ihre Backe auf den Kopf des Kleinen und wiegt ihn hin und her.

„Er ist so ein lieber, gescheiter kleiner Kerl“, sagt sie. „Er kann sogar schon zählen.“

Ich weiß, er hat es mir aufgesagt. Eins zwei drei vier fünf sieben elf neun zehn!!! Die Zehn mit einem Jubelschrei, und dann schüttete er sich aus vor Lachen und lief Alit in die Arme, ein kleines, kompaktes Bündel Lebenskraft. Das war wann, vor drei, vier Tagen?

„Wenn man doch helfen könnte“, sagt Alit.

Jetzt weint sie wirklich.

Das Mönchlein

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Ja, das Gerede über Hannes und seinen Preis beim Schützenfest hat ein Ende gefunden. Manchmal fügt sich alles (fast) wie von selbst.

Wir waren auf dem Heimweg von der Lorenzer Seite, Hannes, die beiden Stumpf-Brüder und ich. Es war ein lustiger Abend gewesen, es war sehr, sehr spät, oder, anders gesagt: Es war nicht einmal mehr sonderlich früh. („Was wollt ihr?“, sagte Ott Stumpf. „Solange man vor dem Tagmessläuten zu Hause ist, ist es keine Sünde.“)

Die Gastgeber verabschiedeten uns mit den üblichen Ermahnungen. „Passt auf eure Laterne auf, damit ihr heil heimfindet!“, und „Fallt mir nicht in die Pegnitz!“

Unsere Laterne warf nur einen kleinen Lichtkegel um unsere Füße; eine schmale Mondsichel ließ die Mietskasernen um uns herum noch schwärzer und höher erscheinen als sie sind, und sie sind bei Tag schon finster genug, vier, fünf Stockwerke und mehr, bis in die Keller und unter die Treppenaufgänge vollgestopft mit Bettelvolk und Tagelöhnern und ihren Familien. So tief im Jakober Viertel bin ich schon tagsüber nicht gern; Hannes und den Stumpf-Brüdern machte das nichts aus, sie sangen noch ein bisschen. Der Ratschlag mit der Laterne erwies sich als berechtigt, aber vergebens; kaum waren wir ein paar hundert Meter gegangen, stolperte unser Laternenträger über seine Füße.

„Hoppla. Warum ist es hier so finster?“

Hannes stellte ihn wieder auf die Füße. „Nicht so laut. Willst du, dass uns die Nachtwächter erwischen, ohne Laterne?“

„Grad hatte ich doch noch eine“, sagte Uelein. „Ich will meine Laterne wiederhaben. Hannes, mein Freund, gib mir meine Lat-“

„Schschsch!!!!“

Jetzt hörte ich es auch: Ein Riegel wurde zurückgeschoben, eine Tür schrappte über den Boden, und ich spürte mehr als ich sah, dass neben uns jemand aus einem schmalen Durchlass auf die Gasse trat.

Der Jemand trug einen Mantel oder einen Umhang und prallte zurück, als er uns wahrnahm; aber bevor er wieder zurückschlüpfen konnte, hatten schon vier, fünf, sechs Fäuste nach ihm gegriffen.

Darunter meine. Das ist ein Reflex; wenn dir in einem Viertel wie Sankt Jakob nachts jemand vor die Füße läuft und dann versucht wegzurennen, packst du ihn erstmal.

„Oha“, sagte Ott. „Nicht so ungesellig. Was treibst du hier in der Nacht ohne Laterne? Das ist verboten, weißt du das nicht?“

Der Mann im Umhang stand wie festgefroren.

„Lasst ihn los“, sagte Hannes. „Das ist der Hintereingang vom Frauenhaus, und der Kerl hat eine Kutte an. Wollt ihr euch an einem Mönch vergreifen?“

„So, so, ein Mönchlein.“ Ott Stumpf schüttelte seinen Gefangenen ein wenig. „Was hast du bei den freien Töchtern verloren, noch dazu in der Nacht zum heiligen Sonntag, he? Wenn du ein Bürger wärst, könnte dir das den Stadtverweis einbringen. Aber an euch Pfaffen kommt ja keiner ran.“ Ott, das habe ich schon öfter festgestellt, ist kein Freund der Priester und Mönche. 

„Lasst ihn los“, sagte Hannes noch einmal. „Das gibt nichts als Ärger.“

„Gleich“, sagte Ott. „Erst will ich sein Gesicht sehen. Morgen steht er wieder auf der Kanzel und macht uns die Hölle heiß. Hat denn keiner von euch ein Feuerzeug dabei, dass wir uns diesen Hurenbock mal betrachten können?“

Ich hörte Hannes seufzen, aber er kramte seinen Funkenschläger heraus. Er hielt den Feuerstein mit dem glimmenden Zunder dem Mönch ins Gesicht.

Und jetzt waren wir alle erst einmal sprachlos. 

Hannes hakte den ertappten Sünder unter und zog ihn ein Stück die Gasse entlang.

„Sixtus“, sagte er im Plauderton, „du stimmst mir doch sicherlich zu, dass es viel, viel besser ist, wenn der Rat nicht erfährt, was du da in der Nacht zum heiligen Sonntag treibst? Oder dein Onkel?“

Und so hat das böse Gerede über Hannes endlich aufgehört.

Urfehde schwören

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Was für eine Erleichterung, dass die Sache sich geklärt hat. Hannes murrt; er nimmt es dem Ratsherrn Stainlinger übel, dass er ihn zu einem Friedensschwur gezwungen hat.

Aber er hat nichts anderes geschworen als damals, als er seinen Bürgereid abgelegt hat: Die Gesetze der Stadt zu achten und innerhalb der Mauern den Frieden zu wahren. Das sind gute und vernünftige Regeln; es geht wirklich nicht, dass jeder meint, er kann das Recht so auslegen, wie es ihm passt, und das Gesetz in seine eigenen Hände nehmen. Egal wie lange es dauert, ich werde nicht aufhören, das an Hannes hinzureden, bis er es verstanden hat ;(

Hartnäckig sein kann ich auch; wir sind Brüder…

Auberlin ist wie ausgetauscht; von einem Tag auf den anderen ist er wieder mein Lehrbub, nichts als Unfug im Kopf. Völlig aus dem Häuschen wegen dem Schützenfest am nächsten Wochenende; die paar angeknacksten Rippen und Blutergüsse haben ihn nicht nachhaltig beeindruckt, und sie heilen ja jetzt auch schon ab. Aber die Angst, die er ausgestanden hat, das war eine andere Sache. Einen Auberlin im Haus zu haben, der still ist – das ist einfach nicht dasselbe.

Auch wegen Auberlin bin ich froh, dass der Stainlinger auf den Tisch gehauen hat. Hannes auf dem Kriegspfad, das ist, wie wenn du auf einem Fass Schwarzpulver schlafen musst.

Ich geh mal nachsehen, was Alit macht. Vielleicht braucht sie ja noch einen Rat oder Unterstützung bei ihren Vorbereitungen. Das Schützenfest ist eine wichtige Veranstaltung, auch für ihr kleines Unternehmen.

Fäuste

Status

Ich sorge mich um Auberlin, aber mehr noch um Hannes. Schwellungen und Risse, das heilt wieder, aber Hannes: Der sagt überhaupt nichts mehr. Als wäre ich sein Feind.

Die Geschichte von dem Wettschießen bei den Eibenschützen hat in der Stadt die Runde gemacht, und der Satz des Ratsherrn Stainlinger, dass jetzt schon die Lehrbuben aus Augsburg besser schießen als die Nürnberger Herrenschützen, war gut genug, um überall weitererzählt zu werden. Das ist griffig, giftig, kurz und nicht zutreffend, so etwas wird weiterverbreitet – klar. Wenn der Stainlinger heute morgen unseren Auberlin gesehen hätte, hätte er vielleicht gewünscht, er hätte den Mund gehalten.

Ich hab ihn *nur* schnell auf die Lorenzer Seite geschickt, zum Fassbinder bei Sankt Jakob. Es ist eine üble Gegend dort, Straßenzüge voller Mietskasernen und Gassen ohne Licht, in denen man über Abfallhaufen steigt und Hehlerware angeboten bekommt. Aber, Himmel, du denkst doch nicht darüber nach, ob du deinen Lehrjungen am hellen Morgen mit einer Bestellung in die Stadt schicken kannst, oder?

Zwei Mühlenknechte von der Almosmühle haben ihn hergebracht. Sie haben ihn hart am Rand des Fischbachs gefunden, dort, wo das Wasser in den Mühlenschacht der Almosmühle stürzt und sich die tonnenschweren Schaufeln der Mühlräder drehen.

Auberlin war voller Dreck und Blut, aber das war nur eine Kopfwunde, nicht so schlimm, sagt der Bader, Kopfwunden bluten immer. Er hat überall Prellungen und auf der linken Seite einen großen blutunterlaufenen Fleck, eine Rippe ist angeknackst, vielleicht gebrochen, der Bader ist sich nicht sicher. Aber alles in allem nicht so schlimm, wie es aussieht, Auberlin ist ein gesunder kräftiger Bursche. Aber Hannes.

Auberlin weiß angeblich nicht, wer ihn so zugerichtet hat, er ging so schnell, sie haben ihm einen Sack über den Kopf gezogen, er hat nichts gesehen undsoweiter. Nein, gesagt haben sie auch nichts, er weiß nicht warum. Hannes beißt mich weg, wenn ich nachhake. Ob ich denn nicht sehe, dass der Junge sich fürchtet? Hannes legt den Arm um Auberlin.

„Hab keine Angst, Auberlin. Das passiert nicht nochmal. Das kannst du mir glauben.“

Auberlin schluchzt, dass er Hannes glaubt.

Das Problem ist, ich glaube ihm auch.

Blind

Status

Heute ist richtig was los bei uns hier im Schießgraben, jeder, der eine Armbrust halten kann, ist zu den Vorausscheidungen der Eibenschützen angetreten. Zuschauer aus den Reihen der Herrenschützen haben wir auch.

Man könnte natürlich einfach die Eibenschützen ebenfalls zum Schützenfest zulassen, aber das wäre wohl *zu* einfach. Stattdessen dürfen nur die besten von uns mit den Herrenschützen zusammen gegen die anderen Städte antreten. Als ob die ratsfähigen Geschlechter die besseren Schützen hätten als wir. Im Leben nicht.

Die erste Runde schießen wir auf siebzig Schritt. Hannes, der sich mit Andreas Derr unterhält, tritt in den Schießstand, hebt die Armbrust und gibt seinen Schuss ab, praktisch ohne das Gespräch zu unterbrechen.

„Hannes“, sage ich. „Du könntest wenigstens so tun, als ob du zielst.“

Er sieht mich an, als sei ich völlig bescheuert.

„Was gibt es auf siebzig Schritt zu zielen? Auf siebzig Schritte treffe ich blind.“

Ich seufze innerlich.

„Das möchte ich sehen“, sagt einer von den Zuschauern.

„Stimmt, das wollen wir sehen, du Großmaul.“

Hannes macht ein gelangweiltes Gesicht.

„Wenn ihr nichts Besseres zu tun habt als zuzusehen, wie einer auf siebzig Schritt eine Zielscheibe trifft, meinetwegen. Bei euch Herrenschützen kommt das ja nicht allzu oft vor, habe ich mir sagen lassen. Also gut, hat einer von den Herren ein Halstuch?“

Gemurmel. Der Zuschauer tritt vor, ein Tuch in der Hand.

Aus dem Augenwinkel sehe ich hinten, wo die Lehrbuben zusammenstehen, Auberlin in seinem Beutel kramen.

Mit dem muss ich auch mal reden. Es geht wirklich nicht, dass er jeden Haller, den er in die Finger bekommt, verwettet. Und Hannes sollte nicht solche Sprüche klopfen, im Grund geschieht es ihm recht, wenn er endlich mal eine auf den Deckel bekommt.

Auberlin lernt

Jetzt gegen Abend ist es endlich ein wenig kühler, es geht wenigstens ein bisschen Wind. Wir haben einen Krug Apfelwein und sitzen alle im Schatten der Hofmauer, Hannes, Matthes, Konrad, Auberlin und der Freund von Auberlin, der Pferdeknecht beim Tucher… wie heißt er gleich, ich vergesse immer den Namen.

Die Burschen sind ganz aus dem Häuschen. Der Freund von Auberlin hat im Muckental einen Mann getroffen, der behauptet, er sei der Gehilfe des Henkers der Stadt Weißenburg und habe einen Kugelzauber zu verkaufen.

„Was hast du Bürschchen im Muckental zu suchen?“, sagt Hannes gutmütig zu Barthel (Barthel heißt er). „Weißt du nicht, was sich dort für Gelichter herumtreibt? Und um ins Frauenhaus zu gehen, ist es zu heiß.“

Täusche ich mich, oder wird der Bursche ein wenig rot? Er ist viel zu jung fürs Frauenhaus. „Wenn du bei so einer Hitze zu den schönen Töchtern gehst, dann kann es passieren, dass dein, na du weißt schon, also dass er größer und größer wird. Das kommt dir vielleicht jetzt nicht so schlimm vor, aber stell dir vor, er schwillt jeden Tag weiter an, wirklich jeden Tag. Ich hab in Bozen mal einen Maultiertreiber getroffen, bei dem war das so, und nur, weil er immer zu den Weibern gegangen ist, wenn es so heiß war. Am Ende hat er -“

Konrad stöhnt und verdreht die Augen. Auberlin grinst.

„Hannes“, sagt Matthes.

„Das glaube ich nicht“, sagt der Barthel, aber er wirft einen schnellen Blick auf die entsprechende Körperstelle, ob das Unheil sich schon abzeichnet. Ich will eigentlich nicht schmunzeln und muss es doch.

„Du könntest mir helfen, den Jungs diesen Schwachsinn mit dem Kugelzauber auszureden, anstatt noch mehr Blödsinn dazuzuerfinden“, sage ich.

„Aber das kann doch sein mit dem Kugelzauber, Linhard“, sagt Auberlin. „Sebald hat auch gesagt, das gibt es wirklich. Nachrichter, die können solche Zaubermittel machen, wenn sie Sachen mit ihrem Richtschwert berühren. Und wenn der Mann doch anbietet, dass man es ausprobieren kann.“

Matthes zieht hörbar die Luft ein. Konrad wiegt den Kopf.

Hannes springt von dem Mäuerchen herunter und reibt sich die Hände an den Hosenbeinen sauber.

„Also wenn er es anbietet“, sagt er. „Wieviel war das nochmal, anderthalb Gulden? Das ist nicht viel für einen Kugelzauber. Ich hole euch das Geld.“

„Whoahhh, echt?“, macht der Barthel.

„Ihr geht in die Stadt und holt den Zauber“, sagt Hannes. „Aber fragt ausdrücklich, ob er auch gegen Armbrustbolzen wirkt. Wenn ich hier in der Stadt mit der Büchse auf euch schieße, habe ich sofort den Gassenmeister an der Backe.“

Barthel schaut Auberlin an. Auberlins Gesicht ist düster.

Doppeladler

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Also jetzt könnten die aber schon mal ein bisschen vorwärts machen da unterm Tor, *so* genau muss man es vielleicht dann doch nicht nehmen. Die drehen ja jeden Sack drei Mal um.

Hoffentlich gefällt Alit das Stückchen Tuch, das ich in Nördlingen für sie gekauft habe. Guter Barchent, und ein schönes helles Blau. Was ganz Seltenes.

Teuer genug war es auch.

Der Morgen danach

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Das Gespräch mit Hannes gestern geht mir nicht aus dem Kopf; Hannes hat recht, bei diesem Thema fehlt mir jeder Abstand und jeder Humor und ich sage Dinge, die ich auf der Straße nicht sagen sollte, schon gar nicht in einer fremden Stadt. Aber wenn das Recht derart mit Füßen getreten wird!

Stellt sich die Frage, woher Hannes den Putz und den Schnappenhörnlein kennt. Dass diese beiden geheime Knechte des Nürnberger Rates sind, weiß eigentlich jeder. Aber Hannes weiß offenbar noch ein wenig mehr, kennt ihre Tarife und dergleichen.

„Nützliche Dinge, die ich im Mönchlein und im Wilden Mann lerne, während du deine Zeit in der Herrentrinkstube vergeudest“, sagt Hannes bescheiden.

„Außerdem, der Schnappenhörnlein hat mehr Würfelschulden bei mir, als er je zurückzahlen kann. Wenn du also auf einen Rat schimpfen musst, schimpf auf unseren, und tu es in Nürnberg.“

Er macht ein frommes Gesicht. „Dort bist du wenigstens gegen die Folgen versichert.“

Geheime Knechte

Status

Die Adligen tanzen uns auf der Nase herum, uns, den Städten, und wir lassen es uns gefallen. Nürnberg, Augsburg, Konstanz, Regensburg, Hall, Ulm, sogar Nördlingen, das sind klingende Namen, weit übers Reich hinaus. Wir treiben Handel mit Venedig und Nowgorod, mit London und Konstantinopel. Wir haben Eisenhütten im Erzgebirge und Silberbergwerke in Tirol, wir erfinden Papiermühlen und Drahtzieherwerke, säen Wälder, zeichnen Landkarten, gießen Kanonen. Wir finanzieren Päpsten und Kaisern ihre dreckigen Kriege, und wenn die Hussiten vor der Tür stehen, wer zahlt: wir.

Man sollte doch meinen, das gibt uns das Recht, in Frieden zu leben.

Und dann kommt so ein nichtsnutziger kleiner Adliger daher, der zufällig danebenstand, wie ein besoffener Nürnberger Handwerksgeselle einem heruntergekommenen Adligen eine Maulschelle angedroht hat, weil der seine Rechnung nicht zahlen wollte, und der nichtsnutzige Herr Ritter fühlt sich beleidigt.

Schwupps, ist der Reichsstadt Nürnberg die Fehde angesagt, und alle Nürnberger Bürgerinnen und Bürger sind Freiwild.

Dabei hat dieses adlige Äffchen nicht mal Geld genug für Pferd und Waffen, wenn ihm nicht vorher ein unvorsichtiger Nürnberger Pfeffersack über den Weg gelaufen ist. So nennen sie uns, Pfeffersäcke. Sich selbst nennen sie Herren.

So sieht es aus. Aber wisst ihr, wer noch schlimmer ist als diese Aasgeier? Ratsherren wie dieser Nördlinger Stiefellecker, der keinen Finger rührt, wenn mitten in seiner Stadt ein Söldner einen seiner eigenen Bürger ersticht. Schulterzucken. Wir wissen ja nicht, wer es war, wie sollen wir den Täter finden, Paumer?

Ich weiß, wer es war, es war ein Knecht des Herrn von Öttingen, und ich weiß, wie man ihn findet, indem man dem Herrn von Öttingen auf die Zehen tritt nämlich. Aber dazu ist der Ratsherr zu feige.

Ein Mord auf offener Straße, am helllichten Tag, und was tut dieser Nördlinger Schleimscheißer? Nichts. Aber wahrscheinlich hofft er, dass er irgendwann eine Enkeltochter an einen abgehalfterten Vetter dritten Grades aus dem Haus Öttingen verheiraten kann, wenn er lange genug das Maul hält. Oder er ist schon versippt mit dem Raubgesindel und hat vergessen, wo er hingehört. Und so was will Ratsherr sein.

Speichellecker. Maulhelden.

Linhard, sagt Hannes, kommst du jetzt von der Straße runter bitte? Und sei nicht so laut. Wenn du schimpfen musst, schimpf zuhause. Du bist doch hier nicht in Nürnberg.

Ha!! Glaubt der, dass in Nürnberg keine Spitzel herumlaufen????

Doch, sagt Hannes friedlich, in Nürnberg gibt es geheime Knechte genug, aber da wissen wir, wer sie sind, oder nicht? Und wenn einem doch einmal ein falsches Wort herausrutscht, mit dem Putz und dem Schnappenhörnlein  kann man reden. Für ein paar Haller und eine Kanne Wein vergessen sie auch wieder, was sie gehört haben. Aber trau einer diesen Nördlingern. Komm jetzt bitte.

Und er zieht mich in den Hof.