Rettich reinigt das Gehirn

Ich atme jedes Jahr durch, wenn der Jahresanfang überstanden ist: die Fastenzeit, die Osterzeit und dann noch die Heiltumsweisung.

Weil es jetzt wieder Eier, Lämmer, Milch, Rettiche und das erste frische Grünzeug gibt, ja, ja, – doch, natürlich ist das wichtig („Bleib bei der Wahrheit, Stainlinger“, sagt Margret über ihrem Haushaltsbuch und runzelt die Stirn, ob meinetwegen oder wegen eines Eintrags im Buch, weiß ich nicht.) Ja, ein Stück Lamm statt der ewigen Fischpasteten auf dem Teller, und Rettich wirkt Wunder gegen Husten und reinigt das Gehirn – und das haben wir nötig nach der Osterzeit, ihr wisst gar nicht, wie sehr.

Die Fastenzeit ist schlimm genug, der Gerstenbrei macht die Leute kirre, wenn sie nicht ohnehin ihre Vorräte aufgebraucht haben und am Hungertuch nagen, was sie auch nicht friedlicher macht. Und dann kommt die Karwoche und mit ihr die Bettelmönche und ihre Bußpredigten, und ich schicke Streifen durch die Rotschmied- und die Judengasse, da, wo die Judenhäuser sind.

Nicht, um die Nürnberger Juden daran zu erinnern, dass sie besser in ihren Häusern bleiben – das machen die in der Karwoche sowieso. Aber du weißt nie, was den Leuten einfällt; nicht den Juden, unseren Leuten. Die Juden fangen vor Ostern ein Christenkind, schlachten es, so wie sie unseren Herrn geschlachtet haben, und verbacken das Blut in ihren Mazzen, die sie zum Pessachfest essen.

Seit die Geschichte des kleinen Simon von Trient in hundert Flugblättern und sogar Büchern nachzulesen ist, auch hier in Nürnberg, denken die Leute überhaupt nicht mehr nach. Braucht man nicht mehr, die Geschichte ist ja bekannt.

Die Juden essen kein Blut; das weiß im Grunde jeder. Und überhaupt, wer glaubt schon solche Schauergeschichten? Ich will es auch sagen: Nicht jeder, aber fast jeder. Die Leute glauben nicht, was man beweisen kann, sondern das, was man an jeder Ecke hört. Alles klar?

Und diese Bettelmönche in ihren schmierigen Kutten gießen Öl ins Feuer, mit ihren Predigten gegen den Judenwucher. Jedesmal, wenn ich einen dieser Kerle auf der Straße predigen höre, möchte ich ihn in den nächsten Wassertrog stecken. Ja, die Zinsen sind Wucherzinsen. Und wie viel davon landet als Judensteuer beim Kaiser oder in den Kassen der Fürsten und Städte, an die der Kaiser seine Judensteuer verpfändet, he?

Zu kompliziert, Stainlinger, sagt Margret. Die Leute wollen es einfach haben. Was erwartest du? Dass die Leute freiwillig das Hirn einschalten? Willst du die Menschen ändern?

Sie schaut von ihrem Haushaltsbuch auf.

„Wenn du das willst, Stainlinger, dann schicke ich besser nach noch mehr Rettichen für dich. Rettiche reinigen das Gehirn, wie du weißt.“

Mittfasten

Mittfasten, und es gibt noch Hoffnung in dieser Welt.

Es ist ein böser Winter gewesen dieses Jahr, eine große Kälte und der Schnee so tief, dass Pferde fast bis zum Bauch einsanken. So habe ich mir das jedenfalls erzählen lassen; die Zeiten, in denen ich im Winter auf den Straßen unterwegs sein musste, sind gottseidank vorbei. Aber einen harten Winter merkt man auch in der Stadt, auf den Märkten und in den Gassen, aber auch an den Preisen und den Totenglocken.

Die Preise für Brotgetreide sind gestiegen, mit ihnen die Preise für Linsen, Schmalz, Gerste, Erbsen und Fleisch. Im Rat wird diskutiert, ob wir die Kornspeicher öffnen und Armenbrot backen lassen sollen. Aber ich fürchte, den Leuten in den Kellerlöchern um Sankt Jakob herum fehlt selbst für Armenbrot das Geld. Und dann kommt der Deichsler zu mir, Bierbrauer und Bettelherr, und sagt: Stainlinger, wisst Ihr, wie viel stadtfremdes Bettelvolk wir gerade in der Stadt haben? Und wir haben doch so viele eigene Arme. Kann ich nicht ein paar Stadtknechte haben, um sie auszuweisen?

Jetzt? Die Straßen sind grundlos, und in den Nächten friert es Stein und Bein. Ich habe ihm gesagt, ich kann gerade  keinen Stadtknecht entbehren, und er soll sich ein wenig gedulden. Er hat gemurrt, hat sich aber auch nicht getraut, mir zu widersprechen. Manchmal möchte ich den Kerl in seinen Gärbottich stecken.

Wenigstens das Gebimmel der Totenglocken hat aufgehört, seit zwei Tagen. Es sterben natürlich immer noch Leute – das gibt es in einer großen Stadt immer – aber das große Sterben, das heuer so viele Kinder mit sich gerissen hat, das scheint vorbei. Die armen Würmer, sie husteten die Nächte durch und konnten nicht schlucken, und nach drei, vier Tagen waren sie tot. Aber jetzt hat es aufgehört.

Es ist schon merkwürdig, so ein Sterben wütet wochenlang, manchmal monatelang in der Stadt, es zieht von Viertel zu Viertel, und fast von einem Tag auf den anderen ist es vorbei. So, als hätte Gott genug von unseren Tränen. Und vielleicht ist es ja so, vielleicht ist er für eine Weile tränensatt. Margret und ich, wir haben selbst drei Kinder begraben, habe ich euch das gesagt? Das ist lange her, wahrscheinlich habe ich es deshalb nicht erwähnt.

Margret und Anna lachen unten in der Küche. Sie bereiten eine Eierspeise zu und haben ein Stück vom Ochsen auf den Spieß gesteckt. Mittfasten heißt nicht zuletzt, dass du wieder einmal etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommst. Mittfasten ist ein Feiertag. Mittfasten deutet schon auf Ostern.

„Papa“, sagt Anna, „warst du heute schon in der Messe?“

Das hat mir gerade noch gefehlt, meine eigene Tochter, die mich zum Kirchgang anhält. Ich brumme.

„Du solltest auf alle Fälle hingehen“, sagt sie. „Weißt du, was für ein Messgewand der Priester heute anhatte? Es war rosa.“

Sie verdreht die Augen wie ein Fallsüchtiger.

„Ein rosa Messgewand, wirklich. Das ist unglaublich bescheuert .“

Ach so. Und ich hatte schon befürchtet, meine kleine Anna sei fromm geworden.

Meine Tochter

Seit unsere kleine Anna bei Frau Hoevels in der Lehre ist, entdecke ich Seiten an meiner Tochter, von denen ich nicht sicher bin, dass ich sie überhaupt kennenlernen möchte.

Kürzlich habe ich ihr ein paar Haller geschenkt, einfach so. Heute zeigt sie mir ein Beutelchen; darin sind zweiunddreißig Pfennige. Dafür muss ein Tagelöhner jetzt, im Winter, fast eine Woche arbeiten – wenn er denn Arbeit findet.

Anna hat von ihren zwei oder drei Hallern (so genau weiß ich es nicht mehr) winzige Mengen Ingwer und Honig gekauft und Gewürzplätzchen gebacken („Nach dem Rezept von Frau Hoevels, aber ich habe es ein bisschen besser gemacht, Papa.“)

Die Gewürzplätzchen hat sie – offenbar erfolgreich – am Stand ihrer Lehrherrin auf eigene Rechnung verkauft. Und mit so ein paar Plätzchen kann man in ein paar Tagen zweiunddreißig Pfennige verdienen?

Anna fängt an herumzuzappeln. Dumme Fragen machen sie immer ungeduldig, vor allem, wenn sie von mir kommen. „Mit den Plätzchen doch nicht, wie viel Geld kann man denn mit Plätzchen verdienen?“

Sie hat es anders gemacht: sie hat ihr Plätzchenrezept dem Bäcker am Milchmarkt verkauft, dem Hornbeck. „Backen kann ich nicht so gut“, sagt Anna. „Ich kann mir nur gut Sachen ausdenken. Meine Plätzchen waren immer zu hart. Backen kann der Hornbeck besser.“

Nur, der Hornbeck, der ist auch nicht erst gestern aus dem Ei geschlüpft. Und dem hat Anna zweiunddreißig Pfennig abgeknöpft? Meine Tochter, ganze vier Stadtschuh hoch?

„Wer macht denn da so einen Radau?“, fragt Margret. Das stimmt, unten auf der Straße schreit jemand herum und donnert mit den Fäusten gegen unser Tor. Wir wollten uns gerade zum Essen hinsetzen.

„Ich seh mal nach.“

Ich nehme mir eine Laterne und rufe nach Anton. Wahrscheinlich ein Betrunkener; aber wenn er glaubt, er kann einen Ratsherrn in seinem eigenen Haus belästigen, dann kann er jetzt gleich etwas dazulernen.

Menschengedenken

Heute bin ich mit unserem jungen Baumeister durch die Landwehr geritten. Vor dem Winter muss man die Gräben anschauen, die Schranken, Wälle, Zäune undsoweiter. Die Bauern haben ein kurzes Gedächtnis, wenn sie etwas für die Stadt tun sollen – „Es ist doch Frieden seit Menschengedenken, Herr, der Graben tut seinen Zweck, was braucht Ihr ihn fünf Schuh tief?“

Menschengedenken? Der Ortsvorsteher ist so alt wie ich, und ich wette, er erinnert sich wie ich. Rauchende Mühlen, Brückenpfeiler ohne Bohlen, brennende Getreidefelder. Die Stadt voller Bauernfamilien, manche mit ihrer Ernte und ihren Ochsen, Ziegen, Hühnern und Gänsen, viele nur mit dem, was sie auf dem Rücken hatten tragen können. Und jeden Tag kamen immer noch mehr, ein Strom von den Stadttoren bis zum Horizont. Menschentrauben an den Brunnen von morgens bis in die Nacht, und da fielen Worte, die besser ungesagt geblieben wären, auf beiden Seiten. Und es blieb natürlich nicht immer bei Worten.

Im Vestnertorgraben muhte das Vieh. Jeder durfte eine Kuh melken, vorausgesetzt, er trieb genug Heu auf, um sie einen Tag lang zu füttern. Aber Heu war schwer zu bekommen. Die Stadt öffnete ihre Kornhäuser und ließ Armenbrot backen, und ich  erinnere mich an die Notküchen auf der Insel Schütt und daran, dass man eine eigene Hirsebrei-Ausgabestelle für Frauen und Kinder einrichten musste, damit sie nicht weggeschubst, getreten oder zerquetscht wurden von der hungrigen Menge. Bis heute kann ich keinen Hirsebrei sehen, obwohl wir natürlich zu Hause Brot hatten. Aber der Geruch hing über der Insel Schütt und bald danach über der ganzen Stadt, als das Korn teurer und teurer wurde. Ich erinnere mich an den Tag, als Gostenhof abbrannte – unser eigenes Dorf direkt vorm Spittlertor, und wir haben es selber angezündet aus Angst, dass der Markgraf sich dort festsetzen und in die Stadt schießen könnte.

Die Schranke hier, ihr Herren, sagt der Ortsvorsteher, das Holz ist ein kleines bisschen morsch an manchen Stellen, das ist wahr, aber wir haben ja Frieden; wisst Ihr, was Bauholz kostet? Der Sommer war trocken, die Ernte erbärmlich, wollt Ihr in unsere Scheunen schauen, Herr? Und dann sind uns dieses Jahr in der großen Hitze so viele Schweine verendet. Wir sind stolz, Nürnberger Bauern zu sein, aber Unmögliches dürft Ihr nicht verlangen.

wollschwein

Ein überlebendes Schwein. Sieht doch putzmunter aus, oder?

Der junge Baumeister hat ein weiches Herz, das sehen die Kerle sofort. Wir haben schon Mühe, die Abgaben zu zahlen, und jetzt noch Schanzarbeiten, Herr, mitten in der Obsternte!

Er ist kurz davor, einzuknicken. Ausbessern, sage ich. Der Amtmann im Reichswald gibt euch das Holz, aber die Arbeit macht ihr, und ihr macht sie ordentlich und mit genau dem Holz, das die Stadt euch zuteilt, sonst gnade euch Gott. Bis zum Crispianustag will ich das erledigt haben.

Unmöglich!, ruft der Ortsvorsteher.

Und so geht es den ganzen Tag.

Widerspenstigen Leuten gut zureden – das ist schlimmer, als den ganzen Tag Steine zu klopfen – glaubt ihr mir das? Als wir wieder aufs Frauentor zureiten, staubig  und ausgedörrt, da ist der Vorrat an Mitgefühl und gutem Willen, den mein junger Ratskollege heute morgen von zu Hause mitgebracht hat, erschöpft, und er flucht wie ein Fuhrknecht über die störrischen Bauern. Wenigstens ein bisschen Loyalität sollte man doch erwarten können dafür, dass die Stadt ihre schützende Hand über ihre Bauern hält, meint er, aber ist da einer, einer nur, der freiwillig einen Finger krumm macht? Keiner. Alle haben sie Ausreden, und was für welche. Dabei ist es nur ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Anlagen in Schuss zu halten, die dienen ja nicht zuletzt zu ihrem eigenen Schutz. Nürnberger Bauern, ha! Im nächsten Krieg werfen wir ihnen die Stadttore vor der Nase zu. Undankbares Gesindel.

Ich schaue ihn von der Seite an. Er hat einen harten Tag hinter sich, der Junge – voller herber menschlicher Enttäuschungen – aber glaubt er wirklich, dass unsere Stadtbürger innerhalb der Mauern mehr Bürgersinn haben?

Die haben wir nur an einer kürzeren Leine.

Du machst das schon, Stainlinger

Der Predigermönch, dieser neue da am Markt, der soll sich zurückhalten bitte, wenn es um Sachen geht, von denen er keine Ahnung hat. Die Wehrfähigkeit unserer Bürgerschaft beipielsweise. Ehebruch, unrechte Kaufmannnschaft, Wucher – nun, es ist sicher nicht falsch, unseren Bürgern da ein wenig ins Gewissen zu reden. Aber ein Schützenfest; Bürger, die sich an den Waffen üben. Bitte, das gehört zu einer Reichsstadt dazu, kannst du das dem Kerl klarmachen, Stainlinger? Der Unfall beim Schützenfest war ein Unfall und keine Strafe Gottes, wie kommt der Bursche nur darauf? Hoffärtig, wir? Er soll sich ein anderes Beispiel suchen.

Ich soll einem Wanderprediger sagen, was er zu predigen hat?

Red mit ihm. Erkläre es ihm. Und wenn er es nicht versteht, lässt du beiläufig das Wort Stadtverweis fallen. Aber nicht, dass du ihm drohst, Stainlinger, du weißt, wie viel Rückhalt diese Predigermönche haben. Versuch es im Guten. Aber stopf ihm das Maul.

Der Vorderste Losunger klopft mir auf den Rücken.

Du machst das schon, Stainlinger.

Und dann liegt mir der Straßburger in den Ohren, dieser Markus Wiehgärtner, der den Jungen beim Schützenfest angeschossen hat. Er ist eine rechte Memme, er fleht mich fast schon auf Knien an, ihn ins Lochgefängnis zu werfen.

Wofür? Wegen eines Unfalles, den er nicht zu verantworten hat? Der Bursche hat ja den Verstand verloren.

Und er bringt mich um meinen, zweimal war er schon bei mir. Wenn er nochmal kommt, tu ich ihm den Gefallen und lasse ihn einsperren. Vielleicht kuriert ihn das, da unten im Loch habe ich schon andere winseln hören, gröbere Kaliber als diesen Wiehgärtner. Eine Nacht, und er tut alles, damit ich ihn wieder rauslasse. Und wir wissen ja auch noch gar nicht, ob der Fischerjunge wirklich stirbt. Der Bader meint, er bringt ihn durch, mit Gottes Hilfe.

Wenn der Dominikanermönch auf dem Hauptmarkt nur auch so eine empfindsame Seele wäre wie unser Straßburger Meisterschütze. Aber Bußprediger, das habe ich in meinen beinah fünfzig Jahren gelernt, die sind nicht aus Weichholz geschnitzt.

Ich aber auch nicht.

So hatten wir uns den Sieg nicht vorgestellt

Der Bader vom Zachariasbad versteht sein Handwerk, Gott sei’s gedankt. Er schiebt den Paumer zur Seite und fängt an herumzukommandieren. Gut so.

Löffelholtz redet auf den Wiehgärtner ein. Der arme Kerl (der Wiehgärtner, nicht der Löffelholtz) ist ganz auseinander. Löffelholtz will, dass er seinen Schuss wiederholt; aber der Wiehgärtner wehrt mit Händen und Füßen ab, nein, er fasst keine Armbrust mehr an, nie wieder, nein. Er zittert immer noch. Schließlich begreift auch der Löffelholtz, dass er mit dem Wiehgärtner nicht weiterkommt.

„Wenn Wiehgärtner auf die Wiederholung verzichtet, dann bist du der Sieger, Paumer“, sagt er.

Hannes Paumer hat sich die Hände an seinem Kittel abgewischt; er sieht aus wie ein Fleischergeselle. „Nein“, sagt auch er. „Das mache ich nicht. So wollte ich nicht gewinnen.“

Der Löffelholtz redet weiter. Nein, sagt der Paumer.

„Kennt einer von euch Burschen vielleicht noch ein anderes Wort als nein?“, sagt eine Stimme hinter mir.

Der Vorderste Losunger.

„Du hast jetzt zweimal Nein zu deinem Ratsherrn gesagt, Paumer, das reicht“, sagt der Losunger. „Wir brauchen einen Sieger, und das bist du. Wasch dich, lass dir von irgendwem ein sauberes Hemd geben, und dann gehst du zur Siegerehrung.“

„Nein“, sagt der Paumer.

Der Losunger zieht die Augenbrauen zusammen. Der Vorderste Losunger der Reichsstadt Nürnberg, der verhandelt mit Kurfürsten und Silberbaronen, korrespondiert mit dem Papst und leiht dem Kaiser Geld, wenn es nötig ist (und vorteilhaft).

Ich nehme den Paumer am Arm, gehe ein paar Schritte mit ihm.

„Die Leute haben gewettet“, sage ich. „Weißt du, was passiert, wenn wir jetzt ein Unentschieden erklären? Die legen die Hallerwiese in Trümmer.“ Ich zeige auf die Budenstadt.

Der Paumer ist so jung. Ich kann die Gedanken über seine Stirn galoppieren sehen; das ist dein Problem, Stainlinger, nicht meins, liegt ihm auf der Zunge. Er beißt die Zähne zusammen und schweigt.

„Es ist auch deine Stadt“, sage ich. „‚Es tut mir leid. Ich habe dir den Sieg gewünscht, einen richtigen Sieg, und auch auf den zweiten Platz könntest du stolz sein bis an dein Lebensende. So ist es nicht gut. Aber ich sehe keinen anderen Weg. Schau dir die Zuschauer an, wie unruhig sie sind.“

Er schnaubt. Schaut auf die Menge, die auf dem Platz durcheinanderwabert, fährt sich durch die Haare. Nickt.

„Danke, Stainlinger“, sagt der Vorderste Losunger mit einem ordentlichen Schuss Sarkasmus in der Stimme.

Neein!!!! Nein! Neeeeeiiiin!!!!

Scheiße, verdammt, verdammt, verdammt, nein! Es fing so gut an. Hannes Paumer, den das Los getroffen hat, als Erster zu schießen, nimmt die Armbrust, zielt, schießt. Und trifft. Die beiden Zielmeister laufen zur Zielscheibe, aber das ist überflüssig, die Leute toben schon, jeder kann sehen, dass der Bolzen die Scheibe genau in der Mitte durchschlagen hat. Was für ein Schuss! Der Paumer verschwindet unter einer Traube von Eibenschützen, und ich kann nur hoffen, dass sie ihn nicht erdrücken, so einen Schützen können wir in Nürnberg wahrhaftig brauchen 😉

Uelein Stumpf zielt lange, lange, und trifft nicht mal die Scheibe. Er grinst verlegen, wird aber nicht wütend; er hat wohl selbst nicht damit gerechnet, dass er auf 160 Schritte trifft. Und er braucht sich nicht zu schämen. Allein in diesem Wettkampf in der Endausscheidung gewesen zu sein ist etwas, das du deinen Kindern und Enkeln und auch noch den Urenkeln erzählen kannst. Unsere Eibenschützen haben der Stadt Ehre gemacht – alle beide.

Dann tritt der Straßburger Markus Wiehgärtner in den Schießsstand. Wenn er ebenfalls trifft, geht er mit Hannes Paumer in die nächste Runde – aber kann man sich das vorstellen, dass wir zwei solche Meisterschüsse an einem Tag zu sehen bekommen?
Wiehgärtner ruckelt sich zurecht, hebt seine Armbrust –

und diesen Moment, genau diesen einen Bruchteil eines Herzschlages sucht sich ein Halbwüchsiger aus der Menge der Zuschauer aus, um unter dem Strick, den meine Stadtknechte rechts und links der Schussbahn gespannt haben, durchzutauchen. Er läuft dem Wiehgärtner direkt in den Schuss hinein.

Der Junge stürzt wie ein Kalb, dem der Fleischhauer die Axt an die Stirne geschlagen hat.

160 Schritt

160 Schritt. Drei sind noch im Rennen. Es schießen:

  • Uelein Stumpf, Nürnberg. Pflasterergeselle, glaube ich. Eibenschützengesellschaft. Die Mütze sitzt ihm so schepps auf dem Ohr, dass einem dauernd die Hand zuckt, um sie aufzufangen (oder: sie ihm runterzuschlagen). Absicht, natürlich.
    Sein letzter Treffer auf 150 Schritt war ein Glückstreffer, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber vielleicht unterschätze ich ihn auch.
  • Markus Wiehgartner, dieser Straßburger, der sein Knochengestell immer erst ausführlich drehen und winden und zurechtschütteln muss, bevor er eine Armbrust in die Hand nehmen kann 😉
    Als müsse er seine Glieder vor dem Schuss erst in die richtige Reihenfolge bringen. Bisschen komisch, der Kerl, an den Schläfen wird er schon grau. Er ist alt für einen Schützen. Ich hab vorhin ein paar Worte mit ihm gewechselt; er stottert. Aber eine vollkommen ruhige Hand, wenn er seine Arme, Beine, Schultern, Knie und Ellenbogen erstmal richtig sortiert hat. Ein guter, ein außergewöhnlicher Schütze. Vielleicht der beste auf dem Platz. Und ein Leben an Wettkampferfahrung…
  • Hannes Paumer, Eibenschütze. Macht ein Gesicht wie einer, der einen Arbeitstag mit einem Becher Wein  beschließt; als habe er keine einzige Sorge auf der Welt und auch nie eine gehabt.
    Wir werden ja jetzt gleich sehen, wie entspannt er wirklich ist. Um auf 160 Schritt mit der Armbrust zu treffen, muss man nicht nur schießen können, man braucht auch Glück – und Nerven.

Ratsherr Löffelholtz lost die Reihenfolge aus.

Die Zuschauer schreien sich heiser. Ein Armbrustschießen über 160 Schritt haben wohl die allerwenigsten schon mal gesehen. Das ist doch mal ein Wettschießen, das der Reichsstadt Nürnberg zur Ehre gereicht -!

Die Linden auf der Hallerwiese

Das gesamte Jungvolk der Stadt hockt in den Bäumen, die rings um den Schießplatz stehen.

Gottseidank sind es Linden. Wären es Kirschen oder Weiden, mit leicht schlitzenden Ästen, dann hätten wir heute schon ein paar Unfälle gesehen.

Aber was soll ich machen? Ich kann die Burschen ja schlecht herunterpflücken, und genügend Stadtknechte habe ich nicht.

Ich könnte mich unter die Bäume stellen – nein, unter einen Baum, unter mehr als einem Baum gleichzeitig kann man nicht stehen – und ihnen befehlen, herunterzukommen. Und während ich sie von dem einen Baum runterscheuche, klettern sie am Nachbarbaum wieder hinauf, und das Spiel geht von vorne los.

Ich könnte den Armbrustschützen befehlen, die Kletteräffchen runterzuschießen.

Das wär noch ’ne Idee.

Das geschieht den Augsburgern recht

Die Augsburger – die Wir-haben-den-Sieg-schon-in-der-Tasche-Augsburger – sind bei 120 Schritt allesamt ausgeschieden. Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Gleiches gilt allerdings für die Nürnberger Herrenschützen. Hätte ich im Vorfeld auf unsere Herrenschützen gehört, dann wäre jetzt kein Nürnberger mehr im Rennen.

Die Hoffnung auf einen Nürnberger Sieg ruht auf den Schultern unserer Eibenschützen 😉