Taubeneier

Status

Matthis ist mit den anderen in der Kirche und betet. Das ganze Dorf betet, glaub ich.

„Ich halte ein Auge auf die Fracht“, hat Linhard gesagt und ist mit ein paar von den Frammersbachern rausgegangen zu den Wagen. Sie mussten sich schräg gegen die Böen stemmen, und sie haben die Köpfe zur Seite gedreht, weil so viel Staub rumgewirbelt ist und Ästchen und Blätter und sogar kleine Steinchen. Das macht an der Bretterwand vom Stall ein Geräusch wie eine Kinderrassel, aber böser. Der Himmel war bleigrau und außen wie Schwefel, das hab ich noch nie gesehen, und zwischendrin Wetterleuchten, aber kein Donnerschlag, kein richtiger Blitz, nichts. Unheimlich war das, weil es so still war, nur Staub und Wind.

Unten am Wolkenrand war der Himmel klar, du konntest zuschauen, wie das Gewitter hergezogen ist, und dann kam ein Windstoß, der mich fast umgeworfen hat. Das Kirschbäumchen im Hof bog sich runter bis zum Boden und die Äste rissen und zerrten vom Stamm weg, als wollten sie mit dem Sturm davonlaufen. Die ersten Schindeln fliegen vom Dach, ein Fensterladen kracht herunter und alles, was im Hof herumsteht, Eimer, Bottiche, Rechen, Futtersäcke, eine Plane, alles wird hochgewirbelt und an die Hauswand geworfen. Hannes schiebt mich zurück ins Haus. Er selbst rannte in den Stall, und da bin ich einfach hinterher, weil, ich denk: Wenn ich in der Gaststube sitz mit den ganzen fremden Leuten und nichts zu tun hab als zu beten, dann hab ich ja noch viel mehr Angst als so!

Der Wind eiskalt, Wahnsinn, und den ganzen Tag war es wie im Glutofen, nicht auszuhalten. Hannes hat erstmal geschaut, wie ich hinter ihm in den Stall gewischt bin, aber dann hat er gesagt, bleib hier an der Tür stehen, klar? Klar. Der Contz von den Frammersbachern war da und der Herdegen, gottseidank, weil, im nächsten Moment kracht ein Donnerschlag so laut wie ich das noch nie gehört hab, und so nah dass der Stall wackelt, und dem Herdegen sein Grauer steigt und schlägt aus und verdreht die Augen, dass du nur noch das Weiße siehst. Neben dem Stall ist ein Nussbaum, die Äste prasseln aufs Dach und das macht die Pferde noch wilder. Von der Stalltür aus konnt ich ganz genau sehen, wie schnell die Blitze einschlugen, praktisch keine Zeit zwischen Blitz und Donner und Schlag auf Schlag, und so laut –

„Wenn es hier einschlägt“, ruft Hannes zwischen zwei Donnerschlägen, „dann machst du beide Türflügel auf und wir schauen, dass wir die Pferde rauskriegen, verstanden, Auberlin? Und bleib von den Pferden weg.“

Ich weiß nicht, wie lang das ging, draußen Blitz und Donner und Astgepeitsche und einmal ein Krachen und Splittern, dass mir fast das Herz stehenblieb, und hier drin wiehern und stampfen die Pferde und versuchen sich loszureißen. Die Männer redeten auf sie ein, aber beruhige du mal ein Pferd, wenn es tobt vor Angst. Ich hätte mich da gar nicht hingetraut, bin ich froh, dass keinem was passiert ist!

Und dann tut es einen allerletzten Donnerschlag, dass die Wände wackeln, und mit dem setzt der Regen ein, ein einziger Schwall wie von einem Sturzbach, du kannst keine Armlänge weit sehen. Und so wie es klingt, sind Hagelkörner mit dabei.

Hannes schwenkt die Arme, dass ich die Tür aufmachen soll, und da merk ich erst, das mir das Hemd am Körper klebt. Kühle feuchte Luft von draußen, und tatsächlich, es hagelt, ein paar Körner springen herein. Blitzen tut es nur noch wenig, jetzt ist es wieder eher wie Wetterleuchten, und der Regen lässt nach. So schnell wie es aufgezogen ist, hat sich das Gewitter wieder davongemacht.

Den Pferden gefällt die frische Luft, und ruhiger ist es ja jetzt auch. Hannes kommt zu mir an die Stalltür und tut einen Schnaufer. „Vorbei“, sagt er und legt mir den Arm um die Schultern. „Linhard ist ein bisschen nass geworden, schau.“

Das stimmt, unsere Frachtwagen stehen da noch, aber die Männer draußen sind pitschnass, der Regen ist unters Vordach gefegt. Auf dem Hof liegen knöchelhoch Holz und Äste, Schindeln und Ziegel und was weiß ich, dazwischen grauweiser Grus, und unter unseren Schuhen knirschen Hagelkörner.

Der kleine Kirschbaum ist abgeknickt. „Wenn das hier im Hof so abgehaust hat“, sagt Hannes, „wie sieht es dann auf den Äckern aus?“

Linhard ist zu uns herangekommen, er deutet stumm mit dem Kinn hinter uns in die Höhe, wir drehen uns um und jetzt seh ich auch, was das Krachen vorhin war.

Der große Nussbaum hinterm Stall ist vom Blitz getroffen. Die Krone ist weg, ein Ast hängt halb auf dem Stalldach und halb vom Stalldach herunter, ein großer Ast, da möcht ich nicht drunterstehen, wenn der runterkommt. Der Nussbaum, oder das was von ihm noch übrig ist, hebt seine gesplitterten Aststümpfe.

Hannes schüttelt den Kopf.

Das Krönungswerk des Teufels

„Konntet ihr die Achse nicht schmieren, ihr hattet doch jetzt eine ganze Woche Zeit!“, sagt Linhard beim Anspannen. „Was habt ihr eigentlich die ganze Zeit gemacht?“

Es ist zum Davonlaufen, ich sag’s euch. Erst hat er auf Hannnes rumgehackt, weil die Ladung Buchsbaumholz, die Hannes gekauft hat, nicht mehr komplett auf unseren Wagen gepasst hat.

„Woher soll ich wissen, dass du fässerweise Bücher kaufst. Willst du jetzt in den Buchhandel einsteigen? Das ist ein unsicherer Markt. Unruhig. Willst du das?“

„Wenn ich deinen Rat will, sag ich dir bescheid.“

Hannes hat den Kopf geschüttelt und ist zu den Fuhrleuten rübergegangen, die mit uns fahren. Irgendwer hat schon noch Platz für unser Holz, es ist nicht wirklich ein Problem, es ist bloß, Linhard hat heute morgen nochmal mit seinem Onkel gesprochen und seitdem ist er so. Ich tät ihm ja aus dem Weg gehen, das wär mit Abstand das Gescheiteste, aber mach das mal auf einem Kaufmannszug.

„Auberlin, zum hundersten Mal, halt den Gaul still!“

Und das ist gemein, weil, unsere Bless ist das bravste Pferd der Welt und wenn sie stampft und den Kopf wirft, dann deshalb, weil Linhard wie ein wundgeschossener Bär ist und wegen nichts sonst. Weiß doch jedes Kind, dass du um Pferde rum ruhig bleiben musst.

„Hooh, Bless,“ sagt Hannes und packt sie am Zaum, „braves Pferd.“ Hannes hat natürlich ein bisschen mehr Kraft als ich, und größer ist er auch.  Die Bless bleibt stehen und lässt sich anschirren. Sie stupst ihm mit dem Kopf gegen die Brust, aber vorsichtig, das heißt Guten Morgen auf pferdisch oder vielleicht auch, gut, dass du da bist, was ist denn mit dem da hinten los? Hannes klopft der Bless den Hals, legt mir den Arm um die Schultern pflanzt die Beine in den Boden.

„Linhard? Weißt du nicht, was die Heilige Teresa sagt?“

Das ist was Neues. Hannes hat’s eigentlich nicht mit Heiligen und so, nicht mehr wie nötig. Das fällt Linhard auch auf, weil, er hört auf, an dem Spanngurt rumzuzerren als müsst er einen Feind strangulieren, und dreht sich zu Hannes um. Hannes legt den Kopf ein wenig schief.

„Ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.“

Seidenbänder

Status

Matthes hat gesagt, heut Nacht kann ich mit ihm auf dem Strohsack schlafen. Aber ich glaub nicht, dass ich schlafen kann. Wenn ich die Augen zumach, seh ich immer bloß die Seidenbänder, wie sie sich rot färben.

Dabei wollt ich doch nur sehen, warum da so ein Geschrei war. Auf dem Hafenmarkt waren ganz ganz viele Leute, ein Riesenauflauf, wüstes Geschimpfe, das muss ich sehen!, hab ich gedacht. Hannes hinter mir her, er wollte mich festhalten, hat mich aber nicht erwischt. Ich schlüpfte nach vorn.

Mittendrin in all den Leuten standen zwei, die schubsten sich und schrien sich an. Auf dem Boden lag eine Tragstange und daneben zwei Körbe mit Seidenbändern. Die Bänder ringelten sich auf dem Pflaster, Pferdeäpfel, Mist und alles.

Du Hurensohn, schrie der eine, so ein langer Dünner, wisst ihr? Und noch viele Schimpfwörter und Flüche mehr, die ich hier nicht aufschreiben kann. Er schrie immer lauter, wegen seinen Seidenbändern.

Der andere war so ein kleiner Bulliger. Er hatte ein Lederwams an, vielleicht einer von der Stadtwache. Er lachte und sprang herum wie ein Teufel. Das kommt davon, schrie er zurück, wenn man alle Leute umrennt, bist du blind? Ich zeig dir, was ich mit deinen Seidenbändern mach, du hergelaufender Hungerleider, da!

Und er trampelte weiter auf den Bändern herum und stampfte sie in mit seinen Stiefeln in den Dreck.

Die Leute machten „ahhh“ und wichen zurück; ich stand auf einmal in der ersten Reihe. Der Dürre hatte ein Messer in der Hand und fuchtelte dem anderen vor der Nase herum. Der steckt die Hand in sein Wams, zieht sie wieder heraus, etwas blitzt, er macht mit dem Arm einen großen Bogen durch die Luft, so –

Die Zuschauer schrien. Der Lange stolperte zwei Schritte vorwärts und presste die Hände auf den Bauch. Er sackte in die Knie, mitten zwischen seine ruinierten Seidenbänder. Und die gelben, grünen, blauen, weißen Bänder färbten sich rot.

Eine Hand packte mich an den Haaren, hinten im Genick.

„Sieh hin. Das ist es, was ein Messer tut. Sieh es dir an.“

Ich wollte den Kopf wegdrehen, aber Hannes hielt mich so, wie man ein Karnickel hält. „Einen Bader, holt einen Bader!“, schrie jemand, und einer rief nach einem Wundarzt.

„Ihr Narren“, sagte Hannes, nicht allzu laut. „Holt den Priester.“

Er zog mir den Kopf herum, so dass ich ihn anschauen musste.

„Wenn du ein Messer ziehst, musst du bereit sein zu töten, Auberlin. Zu töten oder zu sterben. Verstehst du?“

Er ließ mich los. Ich schaute zu dem Langen zwischen seinen Bändern. Er war auf die Seite gekippt. Das Blut pulste immer noch aus seinem Bauch, aber er rührte sich nicht mehr. Die Menschenmenge war ganz still geworden.

Ich schluckte. Ich nickte. Ich nickte viele viele Male. Hannes packte mich an der Schulter.

„Komm.“

Würfelspiele

Status

Wenn Hannes abends hier zu uns in den Nürnberger Hof kommt, wird es immer lustig. Meistens kommt er. Ich darf dann beim Würfeln zuschauen, Matthes erlaubt mir das nie, und er würfelt auch nie selbst. Ich glaub, Hannes ist nicht gern abends beim Großonkel. Ich hab ihn gefragt, er sagt aber nichts.

Wegen dem Töchterhaus hat er auch nichts mehr gesagt. Ich trau mich nicht, ihn zu fragen, weiß auch nicht warum. Morgen vielleicht.

Aber das mit dem Würfeln ist auch gut. Der Nürnberger Hof ist voller Fuhrleute, die Hälfte davon sind Frammersbacher. Das sind die besten, habt ihr das gewusst? Wenn du eine Fuhre hast, die von A nach B muss, und du musst sicher sein, dass sie heil ankommt, dann brauchst du einen Frammersbacher. Und Matthes sagt, wenn du auf irgendeiner Handelsstraße an einen Gasthof kommst und da steht kein Frammersbacher Fuhrwerk, dann geh nicht rein. Da wirst du bloß ausgenommen. Aber wo die Frammersbacher sind, da ist der Wirt ehrlich und das Essen gut.

Die Frammersbacher sind alles Kerle wie Bären und kennen sich alle untereinander, weil sie halt alle aus Frammersbach sind. Ich mach um die einen weiten Bogen, lass sie ihre Pferde immer als erste füttern und so.

Wurfzabel

Ein Wurfzabel-Brett aus dem Mittelalter. Kommt einem bekannt vor, oder?

Hannes ist da nicht so vorsichtig. Er holt sich vom Wirt ein Wurfzabelbrett und fragt, ob einer mit ihm spielen will? Die Frammersbacher spielen gern. Und wie die spielen. Würfel und Spielsteine fliegen, dass ich kaum mit dem Zuschauen mitkomm, es geht immer nur um einen Haller oder zwei, aber du meinst, Ungarn wird verzockt, mindestens. Hannes gewinnt fast immer, er spielt einfach total gut. Daheim bei uns gewinnt er auch immer. Aber daheim wir spielen immer nur um Steinchen oder vielleicht mal um ein paar Nüsse. Das hier ist natürlich besser.

Bloß am zweiten Abend wär es fast bös ausgegangen. Der Fuhrmann, mit dem der Hannes gespielt hat, hat neue Würfel verlangt.

In der Stube wurde es ganz still. Hannes und der Fuhrmann schauten sich an.

„In Ordnung“, sagte Hannes, so leise, dass man sich anstrengen musste, ihn zu hören. „Aber nachher gehen wir nach draußen, du und ich und jeder, der meint, ich brauch gezinkte Würfel.“ Er klopfte mit einem Spielstein auf den Tisch. „Spiel, Freund.“

Ich hatte eine Mordsangst, weil, der Frammersbacher war einen Kopf größer als Hannes mit einem Kreuz wie ein Gaul, und dass du es mit einem Frammersbacher allein zu tun kriegst, kommt ja praktisch nicht vor. Hab ich ja schon gesagt. Aber Hannes hat weiter gewonnen und da hat der Frammersbacher gesagt, dass er sich geirrt hat und dass Hannes ehrlich spielt, und jeder, der nochmal sagt, Hannes spielt falsch, kriegt es mit ihm zu tun.

Hannes hat immer noch finster geguckt, aber dann hat Matthes gesagt „Hannes“, und Hannes hat gesagt, na dann ist es ja gut. Seitdem spielen sie bloß noch um eine Brotzeit oder so.

Der Wirt hat gefragt, wieso Hannes nicht in die Goldene Rose geht und mit den Augsburger Tuchhändlern spielt, wenn er doch so gut ist. Hör mir auf mit deinen Tuchhändlern, sagt Hannes. Da find ich ja erst recht keinen, gegen den ich vielleicht mal verlier. Also was ist, Paumer gegen Frammersbach? Es gilt einen Becher Bier! Und los gehts.

So würfeln können wie Hannes, das möchte ich auch. Das hat er nicht gelernt, weil er den ganzen Tag im Kontor hockt, soviel ist mal sicher.

Da lernst du doch bloß, Rechenpfennige hin und her zu schieben. Wenn ich wenigstens Schwertfeger lernen könnt.

Grau

Status

Im ersten Moment hab ich ihn nicht erkannt. Hannnes ruft mich in die Stube, Auberlin, komm mal rein hier, flink! – Also ich lauf rein, Hannes war da, Matthes, und ein alter Mann, so ein hagerer, langer, steht ein bisschen gebeugt, machen ja viele Leute, die so groß sind  –

Dann hebt er den Kopf, und ich rannte in seine Arme. Er drückt mich an sich, dann hält er mich auf Armeslänge weg und schaut an mir rauf und runter, als wär ich total neu für ihn. Gleich sagt er, großbischworra, dachte ich, und er schüttelt den Kopf und sagt: Mei! Auberla. Groß bisch worra! Und schaut mich an.

Und ich schlucke und nicke. Ich hab nicht gewusst, dass der Vater zur Messe kommt. Er richtet Grüße aus, von der Mutter, den Brüdern, der Els. Daheim denken alle an mich, sagt er, alle sind gesund und er muss ihnen ganz genau erzählen, wie es mir geht. Und ob ich sie schon vergessen habe. Ich beiße mir auf die Lippen. Gleich kommen mir die Tränen.

„Bisch denn au brav?“ fragt er schließlich, mit seiner leisen, bedächtigen Stimme. „Lerrnsch?“

Hannes schiebt mir von hinten die Mütze ins Gesicht.

„Der Bub ist schon recht. Wisst Ihr was, Rehm? Ihr könnt ihn morgen mitnehmen, Tuch verkaufen. Aber nur einen Tag, mein Bruder spaziert den ganzen Tag in der Stadt herum und fädelt große Geschäfte ein; ich komm keinen Meter weg vom Stand und weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Ich brauch meinen Lehrjungen.“ Hannes lacht dazu. Der Vater legt mir den Arm um die Schultern, zieht mich an den Tisch. Jetzt wird gegessen.

Aber grau ist er geworden, der Vater.

Messgeleit

Status

Oft passieren die Sachen so schnell, da hast du gar keine Zeit, Angst zu kriegen. Erst wenn alles vorbei ist, schlottern dir die Knie.

Oder vielleicht gehts auch nur mir so, Hannes sieht nicht aus, als hätt ihn irgendwas angekratzt. Und die Knie zittern dem mal ganz sicher nicht.

Heut Morgen war das so: Wir waren noch gar nicht richtig aus Gunzenhausen draußen, da mussten wir schon wieder Zoll zahlen. An die Oettinger diesmal, und natürlich Geleitsgebühren. Hinter uns stritt der Waidhändler wegen seiner halben Fuhre mit dem Zollschreiber herum („das letzte Fuhrwerk ist doch mindestens zur Hälfte leer, schau doch einfach nur hin, du Hornochse!!“). Au weia, dacht ich, das dauert wieder. Noch ein ‚Hornochse‘, und wir stehen hier bis Mittag.

„Auberlin?“

Ich rutschte von der Bless. Hannes zog seinen Fuß aus dem Steigbügel und streckte die Hand zu mir herunter. „Komm.“

Mit Hannes auf dem Fuchs? Das sagt er mir nicht zweimal. Ich  packe seinen Arm, schwupp, sitz ich hinter ihm auf dem Pferd.

„Schön festhalten, Auberlin.“

Als ob ich nicht wüsste, wie Hannes reitet. Dem Fuchs dauert das alles auch viel zu lang, kaum dass er den Kopf frei hat, macht er sich lang und schießt davon. Die Hufe donnern, ich hab die Arme um Hannes geschlungen, die Felder sausen vorbei.

„Festhalten!“

Ich spür, wie der Fuchs unter mir alles anspannt, und dann fliegen wir über einen Wassergraben, einen Hang hinauf, über einen querliegenden Baumstamm weg und dann an einem Wäldchen entlang. Viel zu früh zügelt Hannes das Pferd wieder. Der Fuchs ist nicht einverstanden, er schüttelt den Kopf, die Mähne fliegt und er macht einen Buckel. Schnaubt und bricht zur Seite aus.

„Hooh.“

Hannes bringt das Pferd auf den Weg zurück, hält ihn ganz kurz, klopft ihm den Hals. Der Fuchs tänzelt. Was ist?

Oettinger WappenVor uns halten drei Reiter auf dem Weg, in Waffen. Der mittlere hält ein bisschen vor den beiden anderen, er hebt die Hand, und im allerersten Moment denk ich, Straßenräuber! Dann seh ich erst das Oettinger Wappen auf dem Harnisch, den blauen Herzschild in den Eisenhüten und den riesigen  Molosser obendrauf.

„So“, sagt der mittlere der Oettinger Reiter, „was haben wir denn da? Mal wieder ein paar Nürnberger, die das Messgeleit umreiten wollen? Zeig uns mal deinen Geleitszettel, Freundchen.“

Hannes braucht immer noch beide Hände, um den Fuchs ruhigzuhalten. Er macht eine Kopfbewegung nach hinten.

„Meine Politte hat mein Bruder, der steht mit zwanzig anderen Nürnberger Wagen in Gunzenhausen und wartet darauf, dass euer Zöllner vielleicht heut noch fertig wird. Was soll das überhaupt heißen, Geleit?“ Hannes beugt sich im Sattel ein wenig nach vorn. „Den Tag möcht ich sehen, Freund, an dem ich Schutz von dir brauche. Und jetzt lass mich durch.“

„Nicht ohne Politte. Nicht, wenn Messe ist. Hast du eine, zeig sie hier. Hast du keine, vierundzwanzig Pfennige. Plus acht für den Jungen. Mal zwei, weil du versucht hast, das Geleit zu umreiten. Na?“

Hannes‘ Stimme ist ganz, ganz leise.

„Mein Geleitszettel ist da hinten. Aus dem Weg.“

Der Hauptmann gibt den anderen beiden einen Wink, sie kommen ein wenig  nach vorn, stehen im Halbkreis vor uns. Eine Handbewegung, Richtung Gunzenhausen.

„Da lang.“

Ich spüre, wie Hannes‘ ganzer Körper sich spannt, ich denk, jetzt geht es los, er reitet den Hauptmann über den Haufen, und ich klammer mich an ihn so fest ich kann. Und dann entspannt er sich. Er wendet den Fuchs praktisch im Stand (Hannes‘ Fuchs kannst du auf einem Bettlaken wenden, so ein geschicktes Pferd ist das).

Und wir preschen davon, Richtung Gunzenhausen, so dass die Oettinger in unserer Staubfahne reiten müssen und Mühe haben, auf ihren Kleppern hinterherzukommen.

Unsere Wagen stehen immer noch am Zoll, Linhard und Matthes vorn.  Hannes springt ab, er steht neben Linhard, aber er mischt sich nicht ein, als die Oettinger herankommen und Linhard ihnen die Politten zeigt. Der Hauptmann zählt, Wagen, Papiere, Blechmarken, Reiter, einmal, zweimal. Schließlich scheint er zufrieden, er nickt Linhard zu.

Wendet sich zu Hannnes um.

„Wir sehen uns.“

Hannes reibt seinem Fuchs die Stelle hinterm Ohr, wo er es gern hat.

„Wann immer du willst.“

„Verdammt, Hannes“, sagt Linhard, als die Oettinger abdrehen, „war das nötig?“

Hannes‘ Gesicht ist missmutig.

„Ja.“

Auf nach Nördlingen

Status

Matthes hat mich heut morgen bei Sonnenaufgang vom Strohsack geschmissen, aber ich war schon wach. Ich hab überhaupt nicht geschlafen, weil ich so aufgeregt war, aber Matthes sagt, das meint man immer bloß, man schläft zwischendrin. Heute geht’s nach Nördlingen.

Zu den Messen in Frankfurt fahren die Nürnberger Kaufleute im geschlossenen Geleit. Alle Nürnberger, und Passauer und Regensburger und Neumarkter und sonst noch Wagen mit dazu, das müsst ihr euch mal vorstellen. Hannes sagt, der Zug ist so lang, dass du ihn drei Mal um die Stadt wickeln kannst. Wenn du in der Mitte fährst, siehst du hinter dir und vor dir nur Staub und Wagen, so weit du schauen kannst. Er ist als Bub mal von zu Hause weggelaufen, hat er mir erzählt, weil er unbedingt mitfahren wollte; er hat seinen Vater gesucht im Zug, aber er ist den ganzen Tag gelaufen und gelaufen und hat ihn nicht gefunden, und dann war er so müde und hungrig, dass er nicht mehr weiterkonnte. Ein Begleitreiter hat ihn schließlich heimgebracht, und seine Mutter musste dem Knecht drei Schillinge geben. Seitdem weiß ich wenigstens, wieviel ich wert bin, sagt Hannes, aber die Tracht Prügel musst du gleich wieder abziehen. Die Prügel hast du von mir bekommen, sagt Linhard, ich war es, der dich den ganzen Tag gesucht hat. Kann ich mich darauf verlassen, dass du uns nicht wieder unterwegs abhanden kommst? Hmm, schauen wir mal, sagt Hannes, aber es ist nicht mehr so leicht, mir eine Tracht Prügel zu verpassen. *Darauf* kannst du dich verlassen. Linhard dreht sich zu Matthes um und schüttelt den Kopf. Er hat uns schon als kleiner Junge nichts als Ärger gemacht, verstehst du eigentlich, warum wir uns so viel Mühe gegeben haben, ihn großzukriegen? Naja, wenn ihr schon mal drei Schillinge investiert habt, sagt Hannes, die will man doch nicht einfach abschreiben, oder? Und dann ruft Konrad, ob wir den ganzen Tag da stehen wollen und Maulaffen feilbieten, oder ob ihm vielleicht mal einer hilft beim Einspannen???

Nach Nördlingen fahren immer nur kleinere Gruppen, kein Zug wie nach Frankfurt. Wir also beim  Frühmessläuten durchs Spittlertor, Matthes und Konrad jeder vierspännig, Linhard und Hannes zu Pferd. Hannes und ich haben gestern den ganzen Nachmittag Hufe saubergemacht und Flanken  gebürstet und Mähnen geflochten, und Matthes hat Schellen an die Geschirre gehängt, das macht doch gleich richtig was her. Ich auf der Bless, obwohl sie keinen Reiter braucht, sie ist ein ganz ein braves Pferd. Hinter uns die anderen, zwei Dutzend Wagen vielleicht. Draußen haben sich dann alle hintereinander aufgestellt, und einer hat gesagt, dass unser Matthes als erster fahren soll, weil er ist der älteste und der beste.

Der Matthes tut, als wär ihm das völlig gleichgültig. Er also an die Spitze, schaut, dass alle ordentlich hinter ihm stehen, und dann hebt er seine fünfzehn Fuß lange Fuhrmannspeitsche, macht einen Bogen mit dem Arm, so –

Und dann hat er mit der Peitsche geknallt, peng!, und hüaaahhh!, und alle Pferde haben angezogen, und los gings mit Schellengeklingel. Hannes hat angefangen zu singen, und die Fuhrknechte mit ihm, aber was sie gesungen haben, schreib ich nicht, sowas schreibt man nicht auf.

Ich wollte, dass Matthes mir das Peitschenknallen zeigt. Brauchst du nicht zu können, sagt Matthes, wirst ja kein Fuhrmann, und Linhard sagt, ich soll lieber am Rechenbrett üben, weil ich immer noch Fehler mach. Aber Hannes zwinkert mir zu.

Er braucht mir ja bloß den Trick zu zeigen, üben tu ich allein.

Heiß

Status

Frau Hoevels schenkt ein. Heut bist du echt froh über einen Becher Gerstenwasser, es regt sich kein Lüftchen. Ich schwitz schon vom Rumstehen.

Linhard fragt Frau Hoevels, ob sie nicht doch mit auf die Nördlinger Messe fahren will, aber sie sagt nein, mehr als den Nürnberger Markt kann sie nicht bedienen und wegen dem Gerstenwasser kann sie nicht weg, jetzt, wo das Ungelt komplett wieder aufgehoben ist. Das ist aber schade, sagt Linhard, als hätt sie ihm das das letzte Mal, wo er sie gefragt hat, und das vorletzte Mal und das vorvorletzte Mal nicht auch schon gesagt. Und dass es auf der Nördlinger Messe immer so viele interessante Sachen gibt.

„Ja, Schweine. Ich weiß.“ Frau Hoevels kneift ein Auge zu. „Winterschweine und Geißelschweine, Ferkel, Sauen, Kupfer, Korn, Schieneisen, Leder, Asche, Trockenfische, Bretter und Pferde.“  Sie seufzt, aber sie lacht dabei. „Und flämische Wolle, Dinkelsbühler Barchent und Muranoglas, aber bis ich mir das leisten kann, muss ich noch ein paar Fässer Gerstenwasser verkaufen.“

Sie schenkt noch einmal nach. „Ich wünsch euch gute Geschäfte in Nördlingen. Passt auf euch auf unterwegs, lasst euch nicht ausrauben.“

„Nein, nein“, sagt Linhard. „Dieses Jahr gibt es keine Probleme mit Straßenräubern.“

„Da habe ich“, sagt Frau Hoevels, „aber andere Sachen gehört. Wie oft musst du Zoll zahlen zwischen hier und Nördlingen?“

Linhard verzieht das Gesicht.

Der?????

Status

Da hat einer einen erstochen, stellt euch vor, gestern Abend im städtischen Frauenhaus. Das hat der Barthel mir gerade erzählt, und ich natürlich sofort ins Lager und rausgeplatzt mit meiner Neuigkeit.

Matthes schaut auf und schaut mich an, als wär ich selbst ein Geist. Oder ein Mörder.

„Auberlin“, sagt Linhard.

„Es ist aber wahr“, sage ich. Der Barthel flunkert schon manchmal, aber doch nicht so!

Hannes taucht unter der Werkbank durch, in der Hand den  Zimmermannshammer.

„Das wissen wir. Und noch ein bisschen mehr. Hilf mir mal mit dem Fass da.“

Er drückt mir den Hammer in die Hand und greift sich ein Stemmeisen. Vorsichtig lockert er den Deckel, und wie ich grad den ersten Nagel rausziehen will, sagt er:

„Der Mörder sitzt im Lochgefängnis, es ist einer von den Garköchen unten bei den Augustinern. Der mit den kurzen hellen Haaren.“

Der Hammer rutscht mir aus der Hand und poltert auf den Boden.

„Was? Bei dem es immer so viel Kraut zu den Würsten gibt?“

Hannes hebt den Hammer auf und hält ihn mir wieder hin, Griff zuerst.

„Gegeben hat, Auberlin.“

Ich der Stille schnaubt eins unserer Pferde ins Heu, das ist bestimmt die Bless. Die schnubert immer nach Hafer. „Aber“, sage ich.

„Ja, aber. Er hat noch nie einem ein böses Wort gegegeben, nicht mal Leuten, die nicht zahlen konnten. Ehrlicher Kerl, jeder mag ihn. Gestern abend hat er einen über den Durst getrunken, ist im Frauenhaus in Streit geraten und stößt dem andern sein Messer durch den Hals.“

Es knirscht, Hannes stemmt den Deckel vom Fass, er braucht mich nicht dazu. In meinem Kopf dreht sich alles.

„Aber,“ sage ich nochmal. „Und jetzt?“

Hannes legt behutsam das Stemmeisen auf den Boden.

„Auberlin. Was meinst du wohl?“

Und wieder Messer polieren

Status

Ja, ja, ja, ja, ich geb’s ja zu. Hannes hat recht, wenn du Messer verkaufen willst, müssen sie funkeln und blitzen, vor allem die teuren, so wie unsere, ich hab’s auf der Ostermesse gesehen. Und eigentlich gehts mir ja auch so, wenn ich mir Messer anschau. Das ist echt nicht schön, wenn da einer mit fettigen Pfoten draufgelangt hat. Bloß das Polieren ist langweilig. Und wer sitzt hier und bosselt und reibt, na was meint ihr?

Aber auf Nördlingen freu ich mich schon. Übernachten tun wir in Schwabach und in Gunzenhausen, sagt Matthes. Und auf der  Messe sind bestimmt viele Augsburger, da finde ich vielleicht wen, der den Vater kennt. Da kann ich dann mal fragen, wie es daheim geht. Der Vater schreibt ja, aber er schreibt immer bloß, ich soll dem Lehrherrn gehorchen und gut lernen und fleißig sein und solches Zeug, was die Väter halt schreiben. Und wenn ich in meinem Brief an daheim in einem einzigen Wort einen Fehler mach, schimpft er und schreibt zurück, ich soll besser aufpassen.

Man kann doch unmöglich immer alle Wörter richtig schreiben, oder was meint ihr? Es gibt nämlich wahnsinnig viele. Und es ist ja nicht so, dass man dann den ganzen Brief nicht lesen könnt, bloß weil ein Wort  falsch geschrieben ist. Wie viele Wörter es gibt, das merkt man so gar nicht. Erst  wenn man einen Brief schreibt und bei jeden Wort überlegen muss, wie es geschrieben wird, dann merkt man das. Ich hab Linhard gefragt, wie viele Wörter es gibt, aber er hat gelacht.

Also wie soll ich da alle Wörter richtig schreiben können, wenn nicht mal einer weiß, wie viele es überhaupt sind?