Ein komischer Monat

Status

Der Dezember ist ein komischer Monat. Als ob die Tage alle krank wären: Morgens kommen sie nicht aus dem Bett, und kaum haben sie sich ein paar Stunden dahingeschleppt, fallen sie wieder in sich zusammen. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich Auberlin beschäftigen soll. Wir müssen den ordentlichsten Holzschuppen, die am gründlichsten gestriegelten Pferde, das aufgeräumteste Lager in ganz Nürnberg haben.

Im November war das anders, da haben wir die Waren und Bestellungen von den Herbstmessen abgearbeitet, und außerdem habe ich mal wieder festgestellt, wen Linhard in dieser Stadt alles kennt – praktisch jeden, und der größere Teil von diesen Jeden hat uns im November mindestens einmal eingeladen. Wir sind kaum nachgekommen, wirklich 😉

Das Getratsche in der Stadt wegen des Preisgeldes beim Schützenfest hat übrigens aufgehört. Ich hab mit Sixtus gesprochen.

Nein, nicht was ihr jetzt wieder denkt – alles friedlich und in allen Ehren. Fragt Linhard, wenn ihr mir nicht glaubt. Der war bei dem Gespräch dabei.

Was denkt ihr denn von mir!

Nachtmeister

Status

Sixtus Wiehr, höre ich, ist mit den Nachtmeistern aneinandergeraten. Woher ich das weiß? Naja – solche Geschichten sprechen sich herum. Solche mit Vorliebe.

Ihr wisst nicht, was Nachtmeister sind, oder? In Köln, sagt Alit, nennt man sie Goldgrübler. Im Winterhalbjahr, wenn es kalt ist, aber die Flüsse  noch kein Eis tragen, räumen sie nachts die heimlichen Gemächer.

Dass man um die Nachtmeister mit ihrer Fuhre einen weiten Bogen macht, befiehlt einem schon der gesunde Menschenverstand. Der Gestank ihrer Kübel ist derart, dass du freiwillig die Straßenseite wechselst, Bettler oder Ratsherr.

Nur Sixtus, der meinte offenbar, die Nachtmeister mit ihren Kübeln an der Tragestange müssten ihm Platz machen. Das sind die Nürnberger Nachtmeister nicht gewöhnt. Und so hat es ein kleines Missgeschick gegeben, eine allzu rasche Bewegung des Nachtmeisters mit seinem Kübel.

Sixtus muss ordentlich einen über den Durst getrunken haben, denn anstatt sich nach Hause zu trollen und die Spuren des Unglücks zu beseitigen, läuft er – in seinem besudelten Zustand – zum Stainlinger, um sich zu beschweren.

Der Stainlinger – so habe ich die Geschichte gehört – wollte sich gerade zum Abendessen hinsetzen.

Der Ratsherr war not amused.

Doch kein Mädchen

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Und ich hab gedacht, Linhard hat irgendwo in der Stadt ein Mädchen. So eins, mit dem er nicht sonntags auf der Hallerwiese spazieren geht, ihr versteht schon. Sobald er eine freie Minute hat, verschwindet er; er kommt mit blitzenden Augen und schwarzen Fingerkuppen (???) wieder und wehrt alle Fragen ab. Jetzt ist die Katze aus dem Sack, und Vater tobt.

„Bücher!“

Vater knallt unser großes Rechnungsbuch aufs Schreibpult und beginnt, im Kontor hin- und herzuhinken (heut Nacht hat es gefroren, ihn plagt sein Knie.)

„Ich will dir mal was sagen. Mein Vater und mein Bruder und ich, wir haben dieses Unternehmen nicht aufgebaut, damit du es ruinierst.“ Vater rudert mit den Armen.

„Wir sind bei Eis und Schnee über die Tiroler Straßen gezogen, über das Erzgebirge, nach Frankfurt, mit magerem Gewinn und in manchen Jahren mit gar keinem.“ Vaters Zeigefinger sticht nach Linhard. „Und über die Jahre hinweg haben wir unser Geschäft aufgebaut, Kunden und Lieferanten, und ich sage dir eins: Messer brauchen die Leute immer. Wer braucht Bücher? Das ist doch eine Mode, dass jeder, der lesen kann, seine Nase in ein Buch steckt. Das geht vorbei, die Leute finden bald einen besseren Zeitvertreib, es ist nicht gut für die Augen, die Leute werden immer dümmer, können sich nichts mehr merken, und außerdem, wer kauft denn Bücher? Bücher sind viel zu teuer. Rechne doch nur mal: Wer braucht ein Messer? Jeder, immer. Und das wird auch ewig so bleiben. Und wer kann lesen, ha? Sollen vielleicht alle Leute ihre Kinder in die Schule schicken?“

„Warum nicht?“, sagt Linhard. Ich unterdrücke einen Seufzer; Linhard sagt manchmal auch Sachen – in Momenten – bei denen ich mir an den Kopf fasse. Ich mache unter dem Tisch ein Zeichen mit der flachen Hand – ruhig, Linhard – aber er achtet nicht auf mich. Sein Kinn ist vorgereckt.

Und so geht es weiter. Dabei kann man sehen, wie es ausgehen wird: Linhard hat nicht nur die letzten vier Wochen in den Offizinen der Nürnberger Buchdrucker verbracht, er hat auch eine Rechnung aufgestellt. Ich habe seine Zahlen überschlagen, und Vater, wenn er sich abgeregt hat, wird sie auch nachrechnen, und Linhard wird die Bücher ins Sortiment nehmen, notfalls von seinem eigenen Geld (und von meinem).
Ich weiß nicht, warum Vater und Linhard stundenlang streiten müssen – aber offenbar müssen sie das.

Ich wüsste noch etwas, das sogar noch besser laufen würde als die beiden Bücher, die Linhard ausgesucht hat.

Sebald Beheim, "Die Nacht"

Sebald Beheim (Dürer-Schüler), „Die Nacht“, 1548

Aber damit brauch ich weder Vater noch Linhard zu kommen. Für manche Geschäftsideen ist die Zeit einfach noch nicht reif.

Schützenfest

Status

Perfekt.

Der Sturm gestern hat Staub und Hitze aus der Stadt geblasen, der Morgen ist klar und blau. Nachdem wir wochenlang nur geschwitzt haben, zieht man heute Hemd und Wams freiwillig über. Es ist so gut wie windstill. Perfektes Schützenwetter.

Auberlin hampelt auf dem Stalldach herum. Es hat ein paar Schindeln heruntergeweht, die hat er ersetzt, und jetzt turnt er über den First, die Arme ausbreitet, weich in den Knien und die Fußspitzen nach außen gestellt, so wie er es gestern bei dem Seiltänzer auf dem Hauptmarkt gesehen hat. Linhard schüttelt den Kopf. „Das kommt davon, wenn man Lehrjungen zu den Possenreißern gehen lässt“, sagt er zu mir. „Das nächste Mal sperr ich ihn in den Keller.“

Aber er lächelt. Er sollte eigentlich bei den Büchsenschützen dabeisein – Linhard hat eine Büchse, natürlich! – aber nun hat er doch ein Sortiment Messer zusammengestellt und einen Stand gemietet. Wir haben ihn gestern zusammen aufgebaut, neben dem von Alit. „Weil das so gut zusammenpasst, hochwertige Messer und Gerstenwasser“ (Linhard).

Er freut sich aufs Verkaufen. Das ist Linhard, Feilschen, Taxieren und einen Blick für den Kunden, der ihn klarer sieht als der sich selbst – ein Kaufmann eben. Ein Meisterschütze in der Familie muss reichen, sagt er. Und er meint es, wie er es sagt.

Und wenn ich danebenschieße?

Dann wird Linhard mir einen Becher Wein einschenken und sagen, keiner gewinnt immer, Hannes. Niemand kann immer gewinnen.

Das weiß ich sehr wohl selbst, aber es ist gut zu wissen, dass Linhard es mir sagen wird, wenn ich danebenschieße.

Wenn ich danebenschieße.

Gottes Glied und Gottes Wunden

Der Stainlinger. Und Linhard sagt mir, ich soll in der Öffentlichkeit nicht fluchen. Wenn du in Nürnberg bei Gottes Glied und Gottes Wunden schwörst, dann bekommst du Ärger, richtigen Ärger, auch wenn du ein Ratsherr bist. Vielleicht gerade dann. Als Ratsherr kannst du dir viel herausnehmen, aber Gotteslästerung?

Auberlin springt von einem Bein auf das andere.

„Was hat der Ratsherr zu dir gesagt? Was hat er gesagt, nun sag schon.“

„Das würde mich auch interessieren“, sagt Linhard. Alit schaut mich erwartungsvoll an.

„Erzähle“, sagt Matthes. „Was hat der Ratsherr zu dir gesagt?“

Nichts, was euch etwas anginge. Jeder hat mal einen schlechten Tag.

„Er möchte, dass ich das Wettschießen gewinne.“

Schmieden-Katra

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Heiltumsweisung, Kaiserbesuch, Schützenfest – da erlebst du in Nürnberg die irrsten Dinge. Sachen, die dir keiner glaubt 😉

Wir haben den Tag im Magazin verbracht, Matthes, Linhard und ich, wir haben eine Lieferung für Erfurt zusammengestellt. In unserem Magazin ist es staubig und heiß. Linhard nagelt den letzten Deckel auf das letzte Transportfass und wirft den Hammer zur Seite.

„Schluss für heute. Hannes, Matthes, kommt, ich brauche einen Becher Gerstenwasser. Auberlin, du räumst hier auf.“

Alit schenkt drei Becher voll, als sie uns kommen sieht, aber sie macht ein finsteres Gesicht.

„Schaut euch das an“, sagt sie statt einer Begrüßung und deutet über den Markt.

Vor dem Sebalder Kirchhof stehen zwei Fußsoldaten – keine städtischen, wo hab ich das Wappen mit dem Schwan schon mal gesehen? – und einer hat einen Saupieß in der Hand. Sechs Schuh, zwei Handspannen Klinge, geschärft. Der Ratsherr Stainlinger redet sich den Mund fusslig – keine Waffen in der Stadt! – und hier spazieren diese Witzbolde mit einer blanken Saufeder herum. Was haben sie vor, auf dem Weinmarkt einen Keiler erstechen?

„Und unsere Marktaufseher, da, schau. Mich schikanieren sie, wenn mein Stand einen Daumen breit in die Gasse hineinreicht, aber wenns um die adligen Herren und ihr Fußvolk geht -„

Und da hat sie ebenfalls recht. Da gehen der Putz und der Schnappenhörnlein, unsere tapferen Stadtknechte – und ziehen die Mützen vor den Kerlen. Alit schnaubt.

Um das Maß voll zu machen, spricht einer von den Soldaten ein Mädchen an, das mit seinem Einkaufskorb vorbeigeht. Das Mädchen macht einen Schritt um ihn herum, aber er fasst sie am Arm.

Das reicht.

Drei paar Hände halten mich zurück. „Warte“, sagt Linhard. Matthes tätschelt mir den Rücken, wie einem unruhigen Pferd. Alit gluckst.

„Das ist die Schmieden-Kathra aus der Laufer Gasse, kennst du die nicht?“

Ah, doch, jetzt. Der Hufschmied hinterm Laufer Schlagturm. Jeder weiß, dass er seine Töchter an den Amboss stellt. Nicht an den Blasebalg, das machen sie alle; an den Amboss.

Ja, da kann man, glaub ich, erst mal zuschauen.

Klar gewinnen wir

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Klar, dass die Nürnberger den Sieg schon in der Tasche haben. Frag den nächsten Bratwurstbräter, Schuhflicker, Hühnerträger in der Stadt, der kann dir das bestätigen. Es wird hoch gewettet, am höchsten auf Ott Stumpf und mich.

Der Ott kann keinen Fuß auf die Gasse setzen, ohne dass die Leute ihm auf die Schulter hauen und ihn zu einem Krug Bier einladen. Nicht mal die Hälfte davon kann ich trinken, sagt der Ott, was für ein Jammer. Stell dir vor, Hannes, wenn das nach dem Schützenfest immer so weitergeht, dann hab ich nie mehr Durst!

Der Ott mit seiner Brandnarbe im Gesicht ist unverwechselbar, mich erkennen längst nicht so viele Leute („ich sage dir, Hannes, die Narbe ist mein Glücksbringer, du glaubst es nur immer nicht!“. Jedenfalls, die ganze Stadt kennt unsere Namen und weiß, dass wir gewinnen werden.

Jeder, außer mir.

Hannes, sagt Linhard zu mir, sei nicht so ein Sauertopf, ihr seid großartig, Ott und du. Glaubst du wirklich, dass die anderen Städte bessere Schützen haben?

Bessere Schützen? Nein. Ich habe ihnen beim Übungsschießen zugesehen, die Ulmer sind Mittelmaß, die Augsburger sind Mittelmaß und Maulhelden dazu, und die Nördlinger: na ja. Ich habe einen Straßburger gesehen, der saugut schießt. Und ein paar Konstanzer. So gut wie Ott und ich ist keiner. Der Straßburger – vielleicht.

Du Schwarzseher, schimpft Linhard. Linhard würde eine Hand dafür geben, dass Nürnberg gewinnt, dabei hat er nicht mal hoch gewettet (mehr als ein paar Gulden setzt er nie). Es geht ihm um die Stadt. Um die Ehre. Wenn ihr besser seid, Ott und du, warum solltet ihr dann nicht gewinnen?

Weil es so nicht läuft. Weil du Glück und Pech haben kannst, weil ein Wettkampf unberechenbar ist. Ein Sonnenstrahl kann dich blenden, ein Schrei ablenken, ein Windstoß kann deinen Bolzen packen. Oder es gibt keinen Grund, hundert Mal triffst du ins Schwarze, und der nächste Schuss geht fehl.

Linhard grinst. Besser nicht, sagt er. Wenn ihr nicht gewinnt, braucht ihr euch in der Stadt nicht mehr sehen zu lassen.

Damit kann er recht haben.

Scheuklappen

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Man sollte einem Pferd keine Scheuklappen anlegen, wenigstens keine, die sofort verrutschen und das Tier praktisch blind machen, aber man sollte auch niemals billigen Wein trinken. Ich könnte selbst ein paar Scheuklappen brauchen heute; muss die Sonne eigentlich so hell scheinen?

Wir haben ein bisschen gefeiert gestern, der Ott und der Uelein Stumpf, ein paar von ihren Kumpels und ich, und ich glaube, das letzte Glas Wein war schlecht. Linhard hat mir eine längere Predigt gehalten. Dabei trinkt er viel mehr als ich.

„Ich vertrag’s aber, das ist der Unterschied.“ O-Ton Linhard. Ich denke morgen darüber nach, was ich ihm antworte.

Von Ott und Uelein hab ich schon erzählt, als Kinder haben wir den alten Stadtgraben unsicher gemacht, da, wo jetzt die Häuser für die Barchentweber gebaut werden, die der Rat aus Augsburg abgeworben hat. Der Ott hat eine Brandnarbe quer überm Gesicht vom Kalklöschen, eine wirklich breite, böse Narbe, und er ist überzeugt davon, dass diese Narbe ihn unverwundbar macht. Das ist nicht unpraktisch, so spart er sich jedenfalls das Geld für Kugelzauber und dergleichen. Der Ott glaubt wirklich daran, anders sind die Dinger, die er dreht, nicht mehr zu erklären.

Das Geld, das wir gestern auf den Kopf gehauen haben, haben wir uns verdient, indem wir dem Thomas Löffelholtz seinen Gaul aus dem Brunnen bei den Augustinern gefischt haben. Verzeihung, sein Turnierpferd. So ein Trottel, der Löffelholtz (andere Geschichte). Aber der Ott: Klettert in den Brunnen zu einem Pferd, das in Panik um sich beißt und die halbe Brunnenfassung zertrümmert – und es passiert ihm: nichts.

Und während der Ott im Brunnen versucht, dem Pferd ein paar Stangen und Riemen unter dem Bauch durchzuschieben, und das Pferd um sein Leben wiehert und tobt und den halben Weinmarkt unter Wasser setzt, steht der Uelein mit verschränkten Armen dabei und verhandelt mit dem Löffelholtz, als ob er alle Zeit der Welt hätte. Nein, acht Schillinge pro Helfer, und für den Ott einen Gulden Landwährung. Ja, acht. Pro Person. Unterdessen ist das halbe Viertel auf dem Weinmarkt zusammengelaufen; schweißgebadet schlägt der Löffelholtz ein. Das Zählen hat er auch vergessen, wir waren zehn Helfer und der Uelein hat ihm Geld für vierzehn abgeknöpft, aber immerhin hat er sein Pferd wiedergekriegt. Es hatte nur ein paar Schrammen.

Sein schönes, teures, mit Sorgfalt ausgebildetes und trainiertes Turnierpferd, mit dem er rennen und stechen kann wie ein Adliger. Könnte, wenn er ein Adliger wäre. Oder wenn die adligen Herrn uns bei ihren Turnieren mitmachen ließen.

Und das er dann in der Stadt vor einen Wagen spannt wie einen Karrengaul. Ich fass es nicht…

Und außerdem hab ich Schädelweh.

Träume

Spinnen, Asseln, Käfer, Ratten.

Linhard hat mich geweckt, er hat sogar eine Kerze angemacht.

„Alles in Ordnung?“

Ja, sicher. Ich fahre mir durch die Haare, reibe mir das Gesicht. Ich habe keine Asseln in den Haaren, und über meine Beine springen keine Ratten. Den Modergeruch werde ich weniger schnell los.

Ich schlüpfe in mein Hemd.

„Ich hole mir einen Becher Wein.“

„Ich komme mit dir.“

„Unsinn. Glaubst du, dass ich den Weinkrug allein nicht finde?“

Linhard tappt trotzdem hinter mir her die Treppe hinunter, und ich teile mir mit ihm einen Becher. Draußen wird es schon hell, durch die Fensteröffnung fällt ein schmaler Lichtstreifen auf den Küchenboden.

„Du hast oft böse Träume, stimmt’s?“

Nicht öfter als andere. Nur, wenn auf dem Hauptmarkt ein Irrer herumschreit mit sich überschlagender Stimme, wenn Menschen heulend ihre Arme heben wie auf den Bildern vom jüngsten Gericht, während der Brandgestank von ihren Spielbrettern und Würfelbechern über den Platz zieht. Nur wenn mir mein eigener Lehrling mit Asseln in den Haaren entgegenkommt und nach Kellermoder stinkt, als wäre er wochenlang in einem feuchten Verlies eingesperrt gewesen.

„Jeder hat ab und zu böse Träume, Linhard.“

Jeder seine.

Doppeladler

Heute ist unterm Spittlertor ein Zöllner am Werk, der es genau nimmt. Wir warten schon eine halbe Stunde.

Wahrscheinlich hat der Rat den Torhütern mal wieder eine „sträfliche Rede“ gehalten. Das machen die regelmäßig, und zwei, drei Wochen lang wird dann jeder Sack Gerste dreimal umgedreht. Herdegen flucht, Matthes stöhnt, Auberlin hampelt herum und Linhard erklärt, warum das nötig ist.

spittlertor ausschnittIch lege den Kopf in den Nacken. Über mir reckt der Kaiseradler seine Schwingen. Die Krallen hat er gespreizt, nach jeder Seite späht ein Kopf in die Ferne.

Und in die Nähe. Als Kind wollte ich Mitglied der Stadtwache werden. Dort oben auf dem Wehrgang wollte ich stehen, die Armbrust an der Seite, und meine Stadt verteidigen. Der Kaiseradler, hatte ich gelernt, ist unser Schutz und unser Stolz.

Heute, wenn ich nach oben schaue, sehe ich als erstes die geöffneten Krallen.