Junge Dinger

Was geht unseren Linhard eigentlich diese Kölnerin an?

»Martha, hast du noch Rettiche?« Dabei ein Gesicht, das vor Besorgnis so lang ist wie der Weg zum heiligen Jakob.

Typisch, diese jungen Dinger, nichts im Kopf. Die Ratten haben nicht ihre Rettiche gefressen, sondern ihren Verstand, sonst hätte sie ihre Rettiche da, wo die Ratten hinkommen, nicht hingetan. Und jetzt zur alten Martha gelaufen kommen.

Aber was soll ich machen, soll sie ihre Rettiche haben, diese dahergelaufende Kölnerin mit ihren Seidentüchlein und ihrer Patriziertochter als Lehrmädchen und ihrem Gerstenwasser, das jeder genausogut selber machen könnte, nur für den halben Preis. Auf dem Markt stehen, mit jedem schäkern und lachen und gut Freund sein, vor allem mit den jungen Männern aus den guten Familien. Und dabei meinen, über den Herrgott könnte man nachdenken, wenn man mal Zeit dafür hat.

Ja, wenn ein Kind auf den Tod krank liegt, dann werden sie kleinlaut, sogar die stolzen Kölnerinnen.

Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Ein Schörl für Hannes

Status

Einen Schörl sollten wir haben für Hannes. Direkt auf dem Körper getragen, schützt er vor Missgunst und Neid, vor übler Nachrede und überhaupt vor schlechten Einflüssen. Aber ich weiß nicht, wo ich so schnell einen Schörl auftreiben soll. Teuer sind sie auch.

Unverdienter Sieg

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Gänzlich unverdient, der Sieg von Hannes Paumer beim Schützenfest. Ich verstehe nicht, dass sie ihm den Sieg zuerkannt haben; wenn der Straßburger ein zweites Mal hätte schießen dürfen nach dem Unfall, dann hätte mit Sicherheit er gewonnen.

Ich an Paumers Stelle hätte mich geschämt, den Preis anzunehmen.

Und jetzt lässt er überall herumerzählen, er hätte den Preis dem Spital gestiftet. Ob das stimmt, weiß man ja auch nicht.

Fürs Neue Spital

Status

Auberlin hat den halben Morgen damit verbracht, den Grauen zu striegeln. Jetzt führt er ihn im Hof herum, gesattelt und aufgezäumt –  Hannes wird ja wohl eine Runde reiten wollen auf seinem neuen Pferd? Wenn er sich denn mal blicken lässt. Die Eibenschützen haben gestern gefeiert 😉

Das ClopClopClop auf dem gepflasterten Hof lockt unsere beiden Eibenschützen endlich nach draußen; Linhard blinzelt in die Sonne, aber Hannes steuert schnurstracks auf den Lagerraum zu.

„Schau“, sagt Auberlin und zupft Hannes am Ärmel. „Ich hab ihn gestriegelt, bis mir fast der Arm abgefallen ist.“

„Schlecht“, sagt Hannes. „Du brauchst deinen Arm heute noch, wir müssen eine Ladung Messer für Erfurt fertigmachen.“ Er dreht sich zu mir um.

„Morgen ist Rossmarkt. Sieh zu, dass du ihn los wirst, Sattel, Zaumzeug und alles.“

„Waaaassss????“

Auberlin steht der Mund offen. Ich kann meinen gerade noch halten, aber sogar Linhard starrt.

Hannes schaut uns der Reihe nach an.

„Spreche ich undeutlich? Zum Rossmarkt bringen, verkaufen.“

„Aber Hannes“, sage ich, und dann sage ich, was ich eigentlich nicht sagen will, „ich weiß doch gar nicht, wie viel man für so ein Pferd…“

Hannes zuckt die Schultern. „Nimm für ihn, was du kriegen kannst, und bring das Geld ins Sondersiechenhaus. Oder meinetwegen ins Neue Spital.“

Weil Hannes weggegangen ist, starrt Auberlin jetzt mich an. Linhard kommt heran, er krault das schöne graue Pferd hinter den Ohren. Das Pferd schnaubt. Linhard seufzt.

„Ja“, sagt er. „Mach mal. Schade, aber unterm Strich ist es wahrscheinlich besser so.“

„Waaaaaaaaaaas????“, sagt Auberlin. „Wie kann es besser sein, so ein Pferd herzugeben?“

»Ist ihm was passiert?«

Ich renne hinter Hannes her, zu dem Jungen auf der Schießbahn. Der Bolzen hat ihn an der Schulter getroffen, Hannes hat sich das Wams heruntergerissen und drückt es auf die Verletzung. Seine Hände sind rot.

Der Junge liegt auf dem Rücken, er rollt den Kopf hin und her.
„Es war nur der eine Krebs in der Reuse,“ sagt er. „Bitte, Konrad.“ Er schluckt, ächzt. „Es war doch nur ein Krebs.“

Er wimmert. Hustet. Sein Brustkorb arbeitet wie bei einem Pferd, das einen Wagen den Burgberg hinaufziehen muss. „Verdammt, steht hier nicht rum!“, schreit Hannes. „Holt einen Bader, ich weiß nicht, was ich machen soll, er verblutet mir-“

„Du da, du und zu. Sucht einen Bader, schnell. Du dort auch.“
Das ist eine ruhigere, tiefere Stimme. Lauter. Befehlsgewohnt. Der Stainlinger, Gottseidank. Er übernimmt. Tippt Hannes auf die Schulter, sagt »gut«, ruft den Stadtknechten zu, sie sollen die Leute zurückhalten, schickt nach einem Arzt und einem Priester. Ein Priester, ist es so schlimm? Hannes‘ Wams ist durchtränkt, er versucht den Stoff noch einmal zu falten und presst ihn fester auf die Wunde.

„Au“, sagt der Junge. „Nicht, Konrad, au.“

Hinter mir wimmert auch jemand.

„Ich h-h-h-h-hab ni-ni-ni-“

Ich drehe mich um. Markus Wiehgärtner, der Straßburger, der Unglücksschütze. Er kniet auf dem Boden. Er zittert. „I-i-ich hab doch ninini-“
Der Wiehgärtner stottert ja immer ein bisschen, aber jetzt kriegt er gar nichts mehr heraus.

„Wiehgärter“, sagt der Stainlinger, laut, deutlich. „Es ist nicht Eure Schuld. Steht auf.“

„Ich bi-bi-bi-bi-„, sagt der Wiehgärtner. Er steht nicht auf. Er hat den Stainlinger nicht gehört.

„Marx“, sagt Hannes. „Hör auf. Das war. Nicht. Deine. Schuld. Reiß dich zusammen.“

Vom Irrhertürlein her kommt der Bader vom Zachariasbad angelaufen; den kenn ich, der kennt sich aus, Gottseidank. Der Bub windet sich unter Hannnes‘ Händen und stöhnt; der Wiehgärtner schluchzt in die Hände. Der Stainlinger schiebt drei Neugierige zurück und droht ihnen an, sie ins Lochgefängnis zu werfen, wenn sie nicht auf der Stelle dem Bader Platz machen. Eine große, kräftige Gestalt drängt sich von hinten durch die Leute. Ratsherr Löffelholtz.

„Wie ist das denn zugangen?“, fragt er. Und, mit Blick auf den Jungen am Boden, dessen Blut Hannes durch die Finger quillt: „Ist ihm was passiert?“

150 Schritt

150 Schritt. Ab 120 Schritt ist eigentlich jeder Schuss mit der Armbrust eine Glückssache, so hab ich es jedenfalls gelernt.

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Doppeladler (Reichsadler) als Schießscheibe

Aber wir haben derart gute Schützen heute bei diesem Wettkampf, und so viele davon! Ratsherr Wilhelm Löffelholtz macht jetzt selbst den Zielmeister, zusammen mit einem jungen Ratsherrn aus Ulm. Der Herr Löffelholtz misst die zehn zusätzlichen Schritte ab. Er hat seine Ratsherrenschaube umgelegt und schreitet die zehn Schritte, als ginge er seinem Kaiser entgegen. Er zeigt mit der Hand, wo die Zielscheibe mit dem Doppeladler aufgestellt werden soll.

Die Zuschauer toben.

Jetzt gilt es für die fünf verbliebenen Schützen, auf 150 Schritt ins Schwarze zu treffen.

Kathra

Status

Die Kathra habe ich praktisch aufwachsen sehen, ich bin ja dauernd dort beim Schmied in der Laufer Gasse. Neue Eisen, ein kranker Huf, manchmal auch Koliken oder eine Unart – der  Schmied hat die Lösung. Lacht ruhig, aber seine Zettel, die man den Pferden in die Mähne flechten kann, die helfen tatsächlich. Es stehen Segenssprüche drauf, und ich habe schon mehr als einen störrischen Gaul damit lammfromm gekriegt. Fragt wen ihr wollt, jeder im Egidienviertel weiß, wie brav meine Pferde sind. Der Nachbarsbub kann sie zur Tränke führen, und der ist erst sechs.

Die vier Mädchen sind in der Werkstatt aufgewachsen, sozusagen unter den Hufen der Pferde und im PlinggPlinggPlingg der Schmiedehämmer. Blasebälge fauchen, es zischt, wenn die glühenden Eisen ins Wasserbecken getaucht werden, es ist heiß wie in der Hölle, und wenn ein Eisen aufgebrannt wird… wisst ihr, wie das qualmt? Stinken tut es auch, heißes Eisen auf Horn. Ja, und nicht jedes Pferd hat gute Nerven und lässt das so einfach mit sich machen, das kommt noch dazu.

Und dann die Fuhrleute. Eine Werkstatt voller fremder Kerle, das ist keine Klosterschule, wenn ihr versteht, was ich meine; kein Ort für ein Mädchen. Aber die Kathra, die wollte nirgendwo anders sein, schon als ganz kleines Mädchen nicht.

Jetzt ist sie nicht mehr klein, jetzt steht sie an der Esse und am Amboss, und wenn alle Gesellen beschäftigt sind, dann beschlägt sie auch schon mal ein Pferd selbst. Klemmt sich das Pferdebein auf den Schenkel und feilt und nagelt drauflos, und festhalten musst du ihr die Pferdebeine auch nicht, das macht sie selbst. So spürt sie es am besten, wenn das Pferd unruhig wird, sagt sie. Dass sie ein Pferd vernagelt hätte, hab ich noch nicht erlebt.

Unser Hannes, der muss ja immer den Helden spielen, aber Gott, so sind sie halt, die jungen Kerle, wir waren auch nicht anders.

Und lobenswert ist es ja eigentlich auch, wenn einer einem Mädchen beispringen will. Bloß in dem Fall, bei der Kathra, da braucht er sich wirklich nicht einzumischen.

Auf dem Markt

Den ganzen Weg von unserem Haus zum Haus von Frau Hoevels bin ich gerannt, so schnell ich konnte. Der Papa hat erlaubt, dass ich mit Frau Hoevels auf den Markt gehe, zwei Vormittage in der Woche und zum Schützenfest.

Meine Knie bluten. Bei Frau Hoevels im Hof steht ein Pflasterstein raus und da bin ich drübergefallen. Ich weiß, dass er da ist, aber ich hab nicht dran gedacht. Frau Hoevels hat gesagt, ich darf einschenken und Geld nehmen und rausgeben. Heute ist Markttag und wir müssen noch ganz viel vorbereiten.

Der Papa hat eine ganze Woche lang nein gesagt.

Nein, eine Patriziertochter gehört nicht auf den Markt. Nein, das Lumpengesindel dort ist unberechenbar und gefährlich. Nein, was sagen denn die Leute, wenn eine Tochter vom Stainlinger auf dem Markt steht? Und wenn etwas passiert???

Ich hab so ein schönes Bild gemalt für den Marktstand von Frau Hoevels –

zielwasser logo

und dann darf ich nicht mal mit?????

Stainlinger, hat die Mama gesagt, wenn du nicht dafür sorgen kannst, dass ein Mädchen am helllichten Tag unbehelligt auf dem Markt stehen kann, dann gnade uns allen Gott!

Drei Mal musste die Frau Hoevels zum Papa und erklären, wie sie auf mich aufpassen will. Und dann hat es nochmal zwei Tage gedauert, und dann hat er endlich ja gesagt.

Heute darf ich das erste Mal mit auf den Markt.