Junge Dinger

Was geht unseren Linhard eigentlich diese Kölnerin an?

»Martha, hast du noch Rettiche?« Dabei ein Gesicht, das vor Besorgnis so lang ist wie der Weg zum heiligen Jakob.

Typisch, diese jungen Dinger, nichts im Kopf. Die Ratten haben nicht ihre Rettiche gefressen, sondern ihren Verstand, sonst hätte sie ihre Rettiche da, wo die Ratten hinkommen, nicht hingetan. Und jetzt zur alten Martha gelaufen kommen.

Aber was soll ich machen, soll sie ihre Rettiche haben, diese dahergelaufende Kölnerin mit ihren Seidentüchlein und ihrer Patriziertochter als Lehrmädchen und ihrem Gerstenwasser, das jeder genausogut selber machen könnte, nur für den halben Preis. Auf dem Markt stehen, mit jedem schäkern und lachen und gut Freund sein, vor allem mit den jungen Männern aus den guten Familien. Und dabei meinen, über den Herrgott könnte man nachdenken, wenn man mal Zeit dafür hat.

Ja, wenn ein Kind auf den Tod krank liegt, dann werden sie kleinlaut, sogar die stolzen Kölnerinnen.

Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Ja, wenn es einen von ihnen selber trifft…

Ja, wenn es einen von ihnen selber trifft. Dann sind sie empfindlich, meine Herren von Nürnberg.

Der halbe Haushalt steht Kopf, weil unsere beiden jungen Burschen ein paar Tage auf den Turm müssen. Auf den Turm? Sie haben ein Dach über dem Kopf, wir schicken ihnen zu essen und sie können Decken mitnehmen. Ich kenne Menschen, die haben nichts getan und leben schlechter, als unsere zwei jungen Herren auf dem Turm leben werden. Was wissen die.

Aber das stimmt nicht. So sind sie nicht, beide nicht. Es ist die Jahreszeit, die mir diese Gedanken eingibt. Mit der Dunkelheit und der Kälte kommt der Hass. Bis kein Platz mehr ist außer für die allerschwärzesten Gedanken. Am schwersten ist es immer vor Weihnachten. Und das verstehe ich nicht, denn der Tag, der Tag war ein Julitag.

Es war so heiß, dass wir kaum atmen konnten. Meine Haut klebte von Staub und Schweiß, kein Lufthauch brachte uns Kühlung. Wir waren alle draußen bei der Ernte, alles, was alt genug war, eine Garbe zu tragen. Der Roggen stand so hoch wie ich, die Körner knackten in der Hitze. Ich kann es es noch hören, um mich herum das Schrappen der Sicheln und das Rauschen, mit dem die Ähren niederfielen. Unablässig sangen die Grillen, so laut, dass ich meinte, sie wären in meinem eigenen Kopf.

Wir schauten immer wieder in den Himmel, und immer beeilten wir uns dann noch ein wenig mehr. Wir wussten, dass ein Gewitter kam, die Frage war nur, wann und wie schlimm. Ein Unwetter zur Erntezeit, das den Roggen niederwirft, kann die Arbeit eines Jahres zunichte machen.

Das war es, wovor wir uns an diesem Tag fürchteten. Wie dumm wir waren. Als das Gewitter dann kam, gab es nichts mehr, was es hätte zerstören können. Nur noch Asche.

Ja. Ja. Der Herr kommt selbst zu mir. Ob wir noch Gewürzwein haben, für die jungen Herren auf dem Turm? Ja, Herr. Ich mache ihn warm und schicke den Lehrjungen.

Das ist mein Leben. Ja. Nein. Ja, Herr.