Das Mönchlein

Ja, das Gerede über Hannes und seinen Preis beim Schützenfest hat ein Ende gefunden. Manchmal fügt sich alles (fast) wie von selbst.

Wir waren auf dem Heimweg von der Lorenzer Seite, Hannes, die beiden Stumpf-Brüder und ich. Es war ein lustiger Abend gewesen, es war sehr, sehr spät, oder, anders gesagt: Es war nicht einmal mehr sonderlich früh. („Was wollt ihr?“, sagte Ott Stumpf. „Solange man vor dem Tagmessläuten zu Hause ist, ist es keine Sünde.“)

Die Gastgeber verabschiedeten uns mit den üblichen Ermahnungen. „Passt auf eure Laterne auf, damit ihr heil heimfindet!“, und „Fallt mir nicht in die Pegnitz!“

Unsere Laterne warf nur einen kleinen Lichtkegel um unsere Füße; eine schmale Mondsichel ließ die Mietskasernen um uns herum noch schwärzer und höher erscheinen als sie sind, und sie sind bei Tag schon finster genug, vier, fünf Stockwerke und mehr, bis in die Keller und unter die Treppenaufgänge vollgestopft mit Bettelvolk und Tagelöhnern und ihren Familien. So tief im Jakober Viertel bin ich schon tagsüber nicht gern; Hannes und den Stumpf-Brüdern machte das nichts aus, sie sangen noch ein bisschen. Der Ratschlag mit der Laterne erwies sich als berechtigt, aber vergebens; kaum waren wir ein paar hundert Meter gegangen, stolperte unser Laternenträger über seine Füße.

„Hoppla. Warum ist es hier so finster?“

Hannes stellte ihn wieder auf die Füße. „Nicht so laut. Willst du, dass uns die Nachtwächter erwischen, ohne Laterne?“

„Grad hatte ich doch noch eine“, sagte Uelein. „Ich will meine Laterne wiederhaben. Hannes, mein Freund, gib mir meine Lat-“

„Schschsch!!!!“

Jetzt hörte ich es auch: Ein Riegel wurde zurückgeschoben, eine Tür schrappte über den Boden, und ich spürte mehr als ich sah, dass neben uns jemand aus einem schmalen Durchlass auf die Gasse trat.

Der Jemand trug einen Mantel oder einen Umhang und prallte zurück, als er uns wahrnahm; aber bevor er wieder zurückschlüpfen konnte, hatten schon vier, fünf, sechs Fäuste nach ihm gegriffen.

Darunter meine. Das ist ein Reflex; wenn dir in einem Viertel wie Sankt Jakob nachts jemand vor die Füße läuft und dann versucht wegzurennen, packst du ihn erstmal.

„Oha“, sagte Ott. „Nicht so ungesellig. Was treibst du hier in der Nacht ohne Laterne? Das ist verboten, weißt du das nicht?“

Der Mann im Umhang stand wie festgefroren.

„Lasst ihn los“, sagte Hannes. „Das ist der Hintereingang vom Frauenhaus, und der Kerl hat eine Kutte an. Wollt ihr euch an einem Mönch vergreifen?“

„So, so, ein Mönchlein.“ Ott Stumpf schüttelte seinen Gefangenen ein wenig. „Was hast du bei den freien Töchtern verloren, noch dazu in der Nacht zum heiligen Sonntag, he? Wenn du ein Bürger wärst, könnte dir das den Stadtverweis einbringen. Aber an euch Pfaffen kommt ja keiner ran.“ Ott, das habe ich schon öfter festgestellt, ist kein Freund der Priester und Mönche. 

„Lasst ihn los“, sagte Hannes noch einmal. „Das gibt nichts als Ärger.“

„Gleich“, sagte Ott. „Erst will ich sein Gesicht sehen. Morgen steht er wieder auf der Kanzel und macht uns die Hölle heiß. Hat denn keiner von euch ein Feuerzeug dabei, dass wir uns diesen Hurenbock mal betrachten können?“

Ich hörte Hannes seufzen, aber er kramte seinen Funkenschläger heraus. Er hielt den Feuerstein mit dem glimmenden Zunder dem Mönch ins Gesicht.

Und jetzt waren wir alle erst einmal sprachlos. 

Hannes hakte den ertappten Sünder unter und zog ihn ein Stück die Gasse entlang.

„Sixtus“, sagte er im Plauderton, „du stimmst mir doch sicherlich zu, dass es viel, viel besser ist, wenn der Rat nicht erfährt, was du da in der Nacht zum heiligen Sonntag treibst? Oder dein Onkel?“

Und so hat das böse Gerede über Hannes endlich aufgehört.

9 Gedanken zu “Das Mönchlein

  1. Das ist eine nette Geschichte! Ich glaube schon, dass es anhält – die Konsequenzen für Sixtus wären nicht so prickelnd, vermute ich.

    Ich finde schön, dass Alits Blog jetzt in der Zeit (27. Dezember) ist, wenn auch 525 Jahre eher … Bleibt hoffentlich so? Finde ich angenehm.

    • Ja, der arme Sixtus kriegt Ärger, wenn er sich in der Nacht zum Sonntag im Bordell herumtreibt (das Problem ist der Zeitpunkt, nicht die Sache an sich).
      Und, ja, wir sind jetzt in der Jahreszeit; ich finde es schwierig, bei 35 Grad über Schneestürme zu berichten.

  2. Naja, aber irgendwann ist gut bei so einem Vergehen. Der Sixtus könnte beichten, sagen er hat sich im Tag vertan und Buße tun 😉
    Papst Franziskus hat 2016 als Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen.
    Ich wäre da sogar mit dem Sixtus nachsichtig, ist alles menschlich, oder?

  3. Ahhh, ja, ein paar Tage Buße bei Wasser und Brot sühnen die Übertretung der kirchlichen Vorschriften; zumindest habe ich irgendwo gelesen, dass das der Tarif gewesen sein soll. Aber der Nürnberger Rat duldet ebenfalls nicht, dass sich die Bürger sonntagnachts im Frauenhaus herumtreiben.

    Das mit dem Jahr der Barmherzigkeit übersteigt (wieder einmal) meinen Verstehenshorizont. Was redet der Papst da immer noch von Ablässen? Ich wusste gar nicht, dass es das Konzept noch gibt (ich schreibe dieses Blog ja sowieso nur, um dazuzulernen).

  4. Solche (erfolgreichen) Konzepte gibt man nicht so schnell auf 😉 Alle Priester dürfen in diesem Jahr der Barmherzigkeit zum Beispiel auch Abtreibung vergeben, gelle? Ich hab da sofort den Effenberg gemacht, als ich DAS las! Es hat mich schon vor 35 Jahren aufgeregt, dass alte zölibatäre Männer sich anmaßen, über Leib und Leben von Frauen zu entscheiden, das hat mich aus der Kirche getrieben, und es ist nicht besser geworden – ganz im Gegenteil.

    Guten Beschluss, ihr Fränkinnen!

  5. PS: Neulich las ich (auf der Zeit? Ich weiß nicht mehr, wo) über die heute alten Frauen eines afrikanischen Stammes, die sich in ihrer Jugend aus Schönheitsgründen tätowieren ließen (war damals angesagt) und dies nun – als (zum Islam bekehrte?) Musliminnen, denen das verboten ist, weil sie sonst in die Hölle kommen – sehr bereuen. Nicht wenige dieser Frauen gaben ihren ganzen Silberschmuck als Opfer (nachdem sie damit zuerst versucht hatten, die Tätowierungen abzureiben), um der (von den Imamen gepredigten) göttlichen Strafe zu entgehen.
    Ihren ganzen Silberschmuck! Der ist dort die Versicherung gegen Alter, Krankheit und alles andere!
    Die islamische Geistlichkeit freut sich.

    Du siehst: Solche gewinnbringenden Konzepte gibt’s nicht nur bei den Katholen 😉

    • Danke, ich habe den Bericht online gefunden. Alles die gleichen Banditen (nein, nicht alle, gibt zweifellos auch andere, aber *die* gibt es offenbar überall, und die konkreten Glaubensinhalte sind austauschbar; was bleibt, ist ein Spiel mit Angst und Macht).

      Und was für Mimosen diese Götter sind. Nichts ist harmlos genug, als dass es diese Jammergestalten nicht in tödlich kränken könnte.

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