Den Vogel abgeschossen

Der Herr Stainlinger, der Ratsherr, der ist schon ganz alt, älter als mein Vater, bestimmt. Er hinkt auch ein bisschen. Dass der bei uns in den Schießstand geht! Aber wie er die Armbrust in die Hand nimmt, da siehst du schon, dass er weiß, was er tut, es sieht ganz leicht aus bei ihm.

Und er trifft ganz ordentlich, nicht so gut wie Hannes und Uelein natürlich, das sind unsere zwei besten Schützen, aber doch ganz gut. Der andere, der junge, Sixtus Wiehr heißt der, der schafft es auf siebzig Schritt nicht, die Scheibe zu treffen.

Der Ratsherr Löffelholtz stöhnt, und der Herr Stainlinger tritt vor Wut gegen den Schießstand. Die Eibenschützen lachen. „Also, den nehmen wir schon mal nicht bei uns auf“, sagt einer von hinten.

„Die Armbrust da“, sagt der Sixtus Wiehr. „Das Ding taugt nichts, es zieht nach links…“

„Nach links, wie?“ Hannes tritt einen Schritt vor und streckt die Hand nach der Armbrust aus. Er macht eine Kopfbewegung.

„Auberlin, komm mal her.“

Was? Ich????

Hannes packt mich an der Schulter und schiebt mich in den Schießstand. Dann spannt er die Armbrust und gibt sie mir in die Hand.

„Na los. Zeig mal, ob diese Armbrust nach links zieht.“

„Ich…“, sag ich, aber mehr geht nicht, mein Mund ist zu trocken. Alle schauen auf mich, Linhard, Hannes, alle Eibenschützen und zwei Ratsherrn. Und ich hab eine Armbrust in der Hand, eine schwere, mit der ich erst ein paar Mal geschossen hab.

Bin ich froh, dass unsere Schießstände untenrum zu sind, so sieht wenigstens keiner, wie mir die Knie zittern. Aber an den Händen sieht man es bestimmt auch. Hannes ist ja verrückt geworden. Wie komm ich hier raus?

„Ganz ruhig“, sagt Hannes. „Denk dran, atmen. Und denk dran, schlechter als Sixtus kannst du nicht schießen.“

Ein paar Eibenschützen lachen. In der Reihe der Zuschauer seh ich Linhards Gesicht. Er kneift ein Auge zusammen und lächelt mich schief an. Und da denk ich, Hannes hat recht, schlechter als der Sixtus Wiehr kann ich nicht schießen und der ist viel älter als ich, und ich mach das jetzt so gut wie ich kann. Und dann atme ich und schieß.

„Gut“, sagt Hannes. Ich stolper aus dem Schießstand. Immerhin, das Ziel hab ich getroffen.

„Komm mal her“, sagt der Ratsherr Stainlinger zu mir. „Wer bist du denn?“

„Der Auberlin, der Lehrbub… aus Augsburg…“ Ich bin so durcheinander, dass ich meine Mütze vergess. Hannes zieht sie mir vom Kopf.

„So“, sagt der Herr Stainlinger grimmig. „Und das soll ich jetzt dem Rat berichten, ja, dass die Lehrbuben aus Augsburg besser schießen als die Nürnberger Herrenschützen? Du machst mir Freude.“

„Ganz so ist es nicht.“ Hannes tritt einen Schritt vor, er hat die Armbrust wieder gespannt und hebt sie, frei, ohne aufzustützen.

Plinggg, macht der schwarze Vogel oben auf der Zielstange, als der Bolzen ihn trifft. Er dreht sich um die Stange, kippt zur Seite und scheint nur noch an einer einzigen Holzfaser zu hängen.

Der Zielmeister, der neben der Stange steht, klopft kurz dagegen. Der Vogel fällt.

Und mir hat der Ratsherr Stainlinger einen Schilling geschenkt.

Einen Schilling!!!! Mann, freu ich mich aufs Schützenfest.

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