Die Reichskleinodien, Teil 2

Ich habe im ersten Teil erzählt, wie die Reichskleinodien nach Nürnberg kamen und wie sie uns von Kaiser Sigismund zur ewiclichen verwahrung anvertraut wurden. Im zweiten Teil geht es darum, wie wir sie verloren, zurückbekommen und ein zweites Mal verloren haben. Es geht um überzeugte und um vollwertige Nazis, um eine angebliche Verschwörung, Maria im Bunker und eine zerstörte Stadt.

Der Teufel soll sie holen, die alten und die neuen Nazis (soweit er sie nicht schon hat). Dieser Beitrag sollte launig werden ;(

Die Geschichte der Reichskleinodien zwischen der Reformation und der Nazizeit ist rasch erzählt. Die Reichsstadt Nürnberg, protestantisch seit 1525, hütete gleichwohl die Insignien des Kaisers durch die lange Agonie des alten Reiches. In Kriegszeiten fragte der Rat der längst nicht mehr reichen, längst nicht mehr mächtigen Stadt gelegentlich bei kaiserlichen Stellen nach, was er denn mit den Insignien machen solle – die mittelalterlichen Mauern boten längst keinen Schutz mehr vor Kanonen. Müsst ihr selber wissen, war regelmäßig die Antwort. Mit dem Niedergang des alten Kaisertums hatten auch seine Symbole an Bedeutung verloren.

Napoleon

Aber nicht völlig. Im Sommer 1796 standen französische Revolutionstruppen vor der Stadt. Napoleon, der sehr genau wusste, wie man Macht und Herrschaft inszeniert, hätte die Reichsinsignien gerne an sich gebracht. Aber seine Soldaten fanden in der Heiliggeistkirche nur noch den leeren Heiltumsschrein. Ah oui, die Reichsinsignien, sagte der Nürnberger Rat. Die sind weg. Désolé.

Wieder einmal hatte sich ein Nürnberger Patrizier in einem nicht gekennzeichneten Wagen bei Nacht und Nebel auf den Weg gemacht. Über Regensburg gelangten die Reichsinsignien in die kaiserliche Schatzkammer in Wien. Als Napoleon sich 1804 zum Kaiser krönte, hatte er seine Krone vorher bei einem Juwelier in Auftrag gegeben.

In Nürnberg waren die Reichskleinodien nie ganz vergessen worden. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch unternahm die Stadt (das Germanische Nationalmuseum, die Weltpresse in Gestalt des „Fränkischen Kurier“ etc.) immer wieder Versuche, die Reichskleinodien zurückzuholen. Interessant ist, dass das Deutsche Kaiserreich von 1871 an den alten Reichsinsignien kein Interesse zeigte:

Wir haben eine entschiedene Abneigung, Erinnerungen an das alte Kaisertum des heiligen römischen Reiches im Haus der Hohenzollern wieder aufgefrischt zu sehen… Denn um die alte Kaiserei schwebt so viel Ungesundes, so viel Fluch und Verhängnis, zuletzt Ohnmacht und Formenkram, dass sie uns noch jetzt von Herzen zuwider ist“

schrieb Gustav Freytag. Anders gesagt: Der mittelalterliche, auch religiös  konnotierte Plunder hatte für einen propagandistischen, herrschafts-legitimierenden Einsatz im Kaiserreich des 19. Jahrhunderts die falsche symbolische Aufladung.

Als Fußnote sei noch erwähnt, dass 1926 ein Kölner Oberbürgermeister namens Konrad Adenauer bei einem Besuch in der Schatzkammer in Wien die explizite Erlaubnis erhielt, die Kaiserkrone in die Hand zu nehmen. Der Aufforderung, sie sich auf’s Haupt zu setzen, soll er allerdings nicht nachgekommen sein 😉

1927 fand in Nürnberg der erste Reichsparteitag statt, das Rote Nürnberg wurde zur Stadt der Reichsparteitage. Dabei entwickelte sich

„eine seltsam irrationale Verquickung reichsstädtischen Traditionsbewusstseins, das sich 1935 auch mit der Annahme der alten Wappen und Siegel manifestierte, mit dem Gefühl einer besonderen Verbundenheit zur Reichsführung“

(Johann Sebastian Geer). Der neue Nazi-Bürgermeister Willy Liebel ließ schon 1933 zum Parteitag einen „Heiltumsstuhl“ auf dem Hauptmarkt errichten. Zwei Jahre später drückte er Hitler als Geschenk der Stadt eine Imitation des Reichsschwertes in die Hand, um daran zu erinnern, dass die Stadt der Reichsparteitage

„die heiligen Symbole des alten deutschen Reiches“ (Liebel)

gerne zurückgehabt hätte.

Liebel  rannte offene Türen ein. Dass die Nazis gerne auf das „deutsche“ Mittelalter und die Reichs-Metapher zurückgriffen, um ihre Herrschaft zu legitimieren und symbolisch zu überhöhen, ist ja sattsam bekannt. Die Aufmarschstraße auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelänge, die via imperialis des „Dritten Reiches“, führt direkt auf die Kaiserburg zu.

Im August 1938, also einige Monate nach der Annexion Österreichs, kehrten die Reichskleinodien nach Nürnberg zurück, wiederum unter strenger Geheimhaltung und in Begleitung Nürnberger Räte, diesmal in einem Sonderzug der Reichsbahn und bewacht von der SS. Hier kommen die eingangs erwähnten „vollwertigen Nationalsozialisten“ aus Wien ins Spiel; die protestierten nämlich, allerdings nur leise und ohne Erfolg.

Einer österreichischen Quelle zufolge sollen die beteiligten Nürnberger die Heimkehr der Reichskleinodien ziemlich heftig gefeiert haben; es war ein Nachtzug, und als er morgens um acht in Nürnberg einfuhr, konnte sich von den begleitenden einheimischen Amts- und Würdenträgern angeblich keiner mehr auf den Beinen halten. Die Wiener mussten sich, die Reichskleinodien und ihre Nürnberger Eskorte letztlich in ein Taxi packen.

Liebel hatte die Reichskleinodien für das Germanische Nationalmuseum haben wollen; aber da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ein musealer Gebrauch, der an Nürnbergs ruhmreiche Vergangenheit als Reichsstadt erinnerte, war nicht das, was Hitler im Sinn hatte. Er wollte die Reichsinsignien in der Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände in Szene setzen. Da die Kongresshalle aber noch nicht fertig war, wurden die Stücke in der Katharinenkirche ausgestellt.  Nach Kriegsausbruch verschwanden sie erst in einem Banktresor und 1940  im Kunstbunker in der Oberen Schmiedgasse.

Im Bierkeller

Nürnbergs alte Bier- und sonstigen Keller – ein kilometerlanges und mehrere Etagen tiefes Stollensystem unter der Sebalder Altstadt – retteten im 2. Weltkrieg zig-Tausenden von Menschen das Leben. Sie retteten auch die Glasfenster unserer Altstadtkirchen, die Manessische Liederhandschrift, den Krakauer Marienaltar und den Engelsgruß. Ich kann mir nicht helfen, aber wem Maria im Bunker nicht das Herz bricht, der hat, glaube ich, keins.

Shades of Grey

kunstbunker

Eingang zum Kunstbunker in der Oberen Schmiedgasse. Heute gibt es dort eine Ausstellung und regelmäßig Führungen.

In der Nürnberger Lokal-Geschichtsschreibung gibt es eine Tendenz, die am Ausbau der Keller  beteiligten städtischen Referenten aus den Bau-, Denkmalschutz- und Luftschutzdezernaten – Julius Lincke, Heinz Schmeißner und Konrad Fries – zu Helden zu stilisieren. Mich beschleicht dabei immer ein ungutes Gefühl. Zu leicht verschwindet unter einem solchen Blickwinkel die Ungeheuerlichkeit der Nazizeit, die Ungeheuerlichkeit der Tatsache, dass nahezu alle in irgendeiner Form Mitläufer waren. Fries und Lincke haben lange nach dem Krieg ihren Kunstbunker als „Schwarzbau“ bezeichnet, mehr oder weniger an den zuständigen staatlichen (=Partei)stellen vorbeiorganisiert, und darauf hingewiesen, dass auch andere Bauten und Maßnahmen für den zivilen Luftschutz  in Nürnberg geradezu gegen das Verbot staatlicher Stellen realisiert worden seien. Die Ziegelsteine für den Bunker am Laufertor seien vom Reichsparteitagsgelände gekommen – sicher ein Akt des Defätismus, der die Verantwortlichen nach dem Endsieg teuer zu stehen gekommen wäre.

Ich lasse dies hier einfach so stehen. Fakt ist, dass der Luftkrieg gegen Nürnberg etwa 6.000 Tote kostete, während die Zahl der Opfer in anderen Städten oft in die Zehntausende ging, manchmal bei einem einzigen Angriff. Rein rechnerisch bekam jeder Nürnberger seinen Platz im Luftschutzbunker, und Maria bekam eine klimatisierte Trockenzelle in der Oberen Schmiedgasse, 24 Meter tief unter dem Burgfelsen, bombensicher nach allem menschlichen Ermessen. Und mit ihr die Reichskleinodien.

Dies sollte man also im Kopf behalten, während ich den kurzen letzten Akt der Geschichte erzähle, im dem Lincke, Fries und Schmeißner die Hauptrollen spielen. Am 20. April (zu Hitlers Geburtstag; ihr seht schon, diese Geschichte ist symbolgesättigt im Übermaß) marschierten die Amerikaner in Nürnberg ein – wenn man mal davon absieht, dass sie nicht marschierten, sondern sich Meter um Meter in den Schutthaufen vorkämpfen mussten, der Nürnberg damals war. Sie wussten bereits, dass sich Kunstschätze in der Oberen Schmiedgasse befanden. Und als sie den Bunker freigeschaufelt hatten, fanden sie dort neben Maria und Gabriel auch die Reichskleinodien. Es fehlten: Reichsapfel, Zepter, Krone und die beiden Schwerter.

Leutnant Walter Horn, der die Sache aufklären sollte, bekam in Nürnberg keine Antworten. Sie wüssten auch nichts, sagten ihm Fries und Schmeißner, die Sachen seien abgeholt worden, ja, von der SS, nein, wohin, wüssten sie nicht. Außerhalb Nürnbergs stieß Horn auf sich möglicherweise widersprechende, aber beunruhigende Gerüchte, die v.a. von SS-Kreisen verbreitet wurden.

Die Reichsinsignien seien abgeholt und in einem Alpensee versenkt worden, bekam er zu hören (ein Schelm, wer Rheingold dabei denkt). Nein, die Reichsinsignien seien in Sicherheit und warteten nur darauf, von einer nationalsozialistischen Geheimzelle zum Symbol eines nicht zu brechenden ewigen Widerstandes gemacht zu werden, lautete die zweite Geschichte. Die vor allem beunruhigte Horn. Er wollte der Sache auf den Grund gehen.

Zurück in Nürnberg, setzte er Dr. Konrad Fries, dem Nürnberger Luftschutz-Dezernenten, die Pistole auf die Brust (was hier nicht wörtlich zu verstehen ist). Fries packte aus.

paniersschule

Vom Keller der Grundschule am Paniersplatz aus gelangt man heute noch in den Paniersbunker. Der Bunker ist begehbar, aber für die Öffentlichkeit meist nicht zugänglich.

Ende März 1945 hatten der Oberbürgermeister Willy Liebel, Julius Lincke, Konrad Fries und Heinz Schmeißner die wichtigsten Stücke der Reichskleinodien aus dem Kunstbunker geholt. Sie packten sie auf ein Fahrrad – das einzige Verkehrsmittel, mit dem im März 45 in der Sebalder Altstadt durchzukommen war – und brachten sie ein paarhundert Meter weiter in den Paniersbunker, wo Baurat Lincke sie höchstpersönlich in einer Wandnische einmauerte. Was Lincke, Fries und Schmeißner sich dabei gedacht haben mögen, weiß der Himmel. Liebel war ein glühender Nazi, und nicht gerade ein kleiner, der hatte vielleicht einen Plan, möglicherweise sogar einen Befehl aus Berlin. Wie auch immer; nachdem Fries ausgepackt hatte, hielten die Amerikaner nach ein paar Stunden Klopfen und Stemmen Zepter, Krone und Schwerter in der Hand. Die guten Stücke wurden in den Kunstbunker zurückgebracht und flogen im Januar 1946 in einer amerikanischen Militärmaschine zurück nach Wien.

Schmeißner und Fries saßen da schon im Gefängis. Sie waren weniger wegen ihrer Falschaussagen, sondern wegen Unterstützung einer nationalsozialistischen Widerstandsorganisation zu fünf Jahren Gefängnis und einer saftigen Geldstrafe verurteilt worden, wurden aber nach knapp 2 Jahren begnadigt. Die besagte Terrorzelle hatte sich als Phantasiegebilde entpuppt.

Liebel war tot. Er hatte sich beim Einmarsch der Amerikaner im Palmenhofbunker eine Kugel in den Kopf gejagt/war von Gauleiter Holz erschossen worden, weil er die Stadt kampflos übergeben wollte – sucht euch aus, was ihr lieber glaubt. Lincke war zu dem Zeitpunkt nicht in Nürnberg, kam ungeschoren davon und machte sich nach dem Krieg um den Wiederaufbau der Stadt verdient, u.a. um den der Lorenzkirche. Heute haben wir ein paar hübsche Nachbildungen von Reichsapfel, Zepter und Krone im Rathaus stehen – und wenn ihr mich fragt, die Originale können mir auf ewiclichen gestohlen bleiben.

Das war die Geschichte der Reichskleinodien, eine Geschichte mit viel zu viel Symbolik drin, und ein Stück deutsche Geschichte im Zeitraffer. Zum Weiterlesen gibt es hier noch ein paar Links:

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