Die Windel unseres Herrn

Kalt ist es. Meine Füße sind kalt, meine Hände sind kalt, meine Nase ist kalt und der Rest von mir ist auch kalt. Der Himmel über der Stadt hat keine Farbe und keine Form, er drückt den Rauch in die Gassen. Wer nicht muss, geht heute nicht raus, und wer unterwegs ist, bleibt nicht stehen. Was für eine dämliche Idee, heute auf dem Markt zu sein.

Der Wind fegt um die Mauern des Sebalder Kirchhofes, er bläst ein paar Schneeflocken an meinen Tisch – und Hannes und Linhard. Hannes grinst und streckt Linhard die Hand entgegen. Der gräbt in seinen Taschen, eine Münze wechselt den Besitzer.

„Was war das?“

„Ich habe gewettet, dass du heute wieder auf dem Markt stehst. Linhard wollte es nicht glauben.“

Ich halte die Hand hin. „Mein Anteil.“

Hannes seufzt, aber er legt einen Haller in meine Hand und greift zu einem Becher Gewürzwein. „Prosit.“ Und dann ist es Zeit, Neuigkeiten auszutauschen.

Ich erzähle ihnen die einzige aufregende Nachricht, die ich heute gehört habe – dass der alte Jakob Grohl ein Brett vom Abendmahlstisch erstanden hat. Linhard runzelt die Stirn.

„Ein Brett vom Abendmahlstisch? Der Abendmahlstisch ist in Rom, in Sankt Johannes im Lateran. Am Gründonnerstag kannst du ihn dort sehen.“

Etwas ist komisch an der Art, wie Linhard das sagt. Es ist nicht so leicht zu wissen, was er denkt. Hannes kneift ein Auge zu. „Steht das in den Büchern, die du immer liest?“

„Es würde dir nicht schaden, wenn du ab und zu auch mal ein Buch zur Hand nehmen würdest, Bruder, statt immer nur den Würfelbecher. Der Abendmahlstisch jedenfalls ist in der Lateranbasilika, zusammen mit dem Stab und dem Dornbusch Mose, einem Stück von der Arche, den Häuptern von Peter und Paul, einem Marienbild, das gegen Fieber hilft, einem Schulterbein des Heiligen Lorenz und dem Lendentuch unseres Herrn, das er am Kreuz trug. Und noch einem halben Dutzend anderer Heiligtümer, die mir jetzt nicht einfallen.“

Das kann ich als Kölnerin nicht auf mir sitzen lassen.

„Das Lendentuch liegt in Aachen“, sage ich. „Ich war als Kind mit einer Wallfahrt dort, ich habe es gesehen. Das Lendentuch, das Kleid der Maria und die Windeln unseres Herrn.“

windel jesu aus aachenHannes setzt seinen Weinbecher ab. „Die Windeln, wie? Ich hoffe, sie haben sie gründlich ge-“

„Du bist ein Heide“, sagt Linhard, „schlimmer.“ Aber seine Stimme ist mild. „Es tut mir leid, Alit, aber auch die Windeln unseres Herrn sind in Rom, in Santa Maria Maggiore. Zusammen mit einem Arm des Thomas von Canterbury, Milch von der Jungfrau Maria und den Kinnbacken des Zacharias. Und der Krippe des Herrn.“

„Die Krippe ist in Nürnberg. Vor ein paar Tagen hast du sie mir selbst gezeigt, du bist neben mir davor niedergekniet“, sagt Hannes. Es ist etwas Feindseliges in der Art, wie er Linhard ansieht. Aber ich bin weit weg, eingezwängt zwischen Tausenden von Menschen in der Julihitze vor dem Aachener Dom. Ich war zehn damals und wusste alles über Windeln. Mein kleiner Bruder und zwei kleine Schwestern waren in diesem Frühjahr innerhalb weniger Tage gestorben, und als das Heiligtum gezeigt wurde, musste ich so weinen, dass mein Vater mich schließlich vom Platz trug. Auch er kämpfte mit den Tränen.

Die Tränen steigen mir jetzt noch hoch, wenn ich daran denke. Ich blinzle sie weg. „Hört auf, euch zu streiten. Ihr seid Dummköpfe, alle beide.“

10 Gedanken zu “Die Windel unseres Herrn

  1. Mir würde ein Schwanzhaar genügen von dem Esel der an der Krippe „unseres Herrn“ stand :). Das lässt sich auch leicht aufbewahren – braucht wenig Platz.
    Verblüfft bin ich alte Zweiflerin über die Verehrung von Reliquien bis in unsere Zeit. Da braucht frau nur an den Kiliansschrein im Neumünster in Würzburg zu denken.

      • Liebe Agnes,
        du bist nicht auf dem Laufenden. Geh mal in den frisch renovierten/restaurierten Dom in Würzburg, vor allem da runter in die Krypta – und es knallt dich um vor Symbolik. Und stylish präsentierte Reliquienknöchelchen der heiligen Bistumsgründer und -bischöfe gehören selbstverständlich auch dazu.
        Dann: Die hervorragend restaurierte/renovierte Augustinerkirche am Dominikanerplatz steht dem in keinster Weise nach, wenn auch mit einer völlig anderen, bemerkenswerten theologischen Konzeption – nicht unumstritten in der Bevölkerung, aber die Augustiner haben den Vorteil, dass sie mit ihrer Kirche machen können, was sie wollen. In ihr ist ja in einer Seitenkapelle die Hl. Rita begraben; bis vor der Renovierung war ihr Leib, prachtvoll geschmückt mit Juwelen und Klosterarbeiten, in einem gläsernen Sarg ausgestellt – ähnlich wie Schneewittchen 😉 Dann hat man offensichtlich beschlossen, die öffentliche Zurschaustellung im Zuge der Renovierung zu beenden (ist nicht mehr so ganz zeitgemäß), und hat sie in einem Sarkophag mit einer ruhenden Metallfigur Ritas darauf in der Seitenkapelle beigesetzt. Sehr beeindruckt hat mich da eine winzige Kleinigkeit: Auf dem rechten Handrücken der Figur ist ein medaillongroßer Einlass, in dem ein mit Klosterarbeit verziertes Knöchelchen noch zu sehen ist – sozusagen als Reminiszenz an die vorherige Ausstattung und als sichtbare Reliquie. So viel dazu …
        Beide renovierten Kirchen – Dom und Augustinerkirche – sind übrigens einen Besuch wert und meines Erachtens hervorragend neu gestaltet, das Alte mit dem Neuen ausgezeichnet verbunden. Und die Symbolik knallt!!! Äußerst sehenswert!

        • Liebe Anna,
          vielen Dank für diese Tipps. Wusste ich natürlich alles nicht. Bin von den Socken, was man alles lernt, wenn man euch Mädels zuhört. Würzburg ist jedenfalls mein nächstes Reiseziel, das ist klar!

        • Ja, den neu nenovierten Dom wollte ich mir schon längst mal ansehen.
          Und von der Hl.Rita in der Augustinerkirche wusste ich bis jetzt nix. Wie interessant.

  2. Neumünster? Kiliansgruft???? Nie gehört. Ich erinnere mich dunkel, dass ich mal bei irgend ner Ausstellung die Schädel (???) von Kilian, Totnan und (???) gesehen habe, aber dass die als Reliqiuen verehrt werden-??? Und wie sieht so eine Verehrung heutzutage aus, im Jahr des Herrn 2013? Da tun sich ja Abgründe auf. Tut mir leid, ich bin lutherisch sozialisiert, ich glaube nicht, dass das hier ein Schatten ist, über den ich springen kann. Ich bitte um Aufklärung, allerdings fällt es mir schwer, keine blöden Fragen zu stellen, zum Beispiel: Gibts da Wunder? Gibt’s Ablass der Sündenstrafen, und wenn ja, wie viele Jahre? Und: kostet das was?
    Ich bin mir sicher, dass diese Fragen sinnlos polemisch sind und am Kern der Sache vorbeigehen. Aber da gibt es was, was ich fundamental nicht begreife, und wenn ich schon das religiöse Empfinden meiner eigenen Zeit nicht verstehe, welche Chance habe ich dann, Linhard, Hannes und Alit nahezukommen-????
    Vielleicht sollt ich mal auf ner Wallfahrt mitlaufen…???

    • Heute werden die Gebeine der drei Heiligen Kilian, Kolonat und Totnan in einem Reliquienschrein in der Krypta der Neumünsterkirche aufbewahrt, die Schädel befinden sich in einem Schrein aus Bergkristall, der in den Altar des Kiliansdoms eingelassen ist. Während der Kiliani-Oktav (Woche um den 8. Juli) wird der Schrein mit den Schädeln öffentlich ausgestellt. Zu dieser Zeit findet auf dem Talavera-Festplatz in Würzburg das Kiliani-Volksfest und auf dem Marktplatz die Kiliani-Verkaufsmesse statt( nach wikipedia).
      Frau kann vor dem Schrein beten und den Heiligen besonders bei Augenleiden, Rheumatismus und Gicht um Hilfe bitten.
      Ja, ein Heiliger muss Wunder wirken können, sonst ist er kein Heiliger.
      Um Ablass der Sünden gehts heutzutage nicht mehr.
      Wie in Deiner Geschichte vom Stephanstag wird in Würzburg Frömmigkeit und „weltliche Lustbarkeit“ aufs Schönste verbunden.

  3. Bin fassungslos über meinen Wissenszuwachs. Kilianimesse? Schneewittchen? Kolonat, Rheuma, Gicht… das muss ich jetzt erst mal verdauen. Von einer Heiligen Rita hab ich noch *nie* was gehört. Agnes, kannst du ne kleine Stadtführung in Würzburg für mich machen? Klingt so, als hätte ich das bitter nötig, meine Wissenslücken gehen auf keine Kuhhaut mehr.
    Auch wir werden es verstehen, „Frömmigkeit und “weltliche Lustbarkeit” aufs Schönste zu verbinden. Denke ich.

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