Linhard

Was soll ich sagen? Es ist eine wilde, fast unglaubliche Geschichte.

Mein Bruder Hannes ist wieder aufgetaucht. In Venedig, im Fondacco dei Tedesci – im Handelshof der deutschen Kaufleute, dort, wo wir alle unsere Waren lagern und auch wohnen, wenn wir in Venedig sind – im Fondacco ist er mir also vor ein paar Wochen praktisch direkt vor die Füße gesprungen. Er ist von einem Stapel mit Pfeffersäcken heruntergesprungen, der gerade umkippte  (auch einen Geschichte für sich!), und da stand er vor mir, nach zehn Jahren, mein Bruder. Mein kleiner Bruder.

Wir haben Hannes für tot gehalten, eine lange Geschichte, hier nur die Kurzfassung: Hannes ist bei der Familie seiner Mutter in Saragossa aufgewachsen. Ja, wir sind Halbbrüder. Und?

Es gibt da ein paar Jahre, über die Hannes sich ausschweigt… seine Familie, also mütterlicherseits, hat sich mit dem Landesherrn angelegt. Keine gute Idee. Hannes hat dann, mit sechzehn, stellvertretend für einen reichen aragonesischen Bürger eine Pilgerreise ins Heilige Land unternommen. Das hat ihn mehrfach fast das Leben gekostet (alles, was Hannes unternimmt, kostet ihn gelegentlich fast das Leben, aber das war schon immer so, selbst als er noch ein ganz kleiner Junge war; ich als der große Bruder könnte da viele Geschichten erzählen). Aber hier ist er, gesund und munter und endlich wieder da, wo er hingehört, nämlich bei uns zu Hause.

Vater macht sich Sorgen, ob Hannes sich hier wieder zurechtfindet. Ich nicht. Hannes fällt immer auf die Füße, der mit seinem klugen Kopf und seinem Charme (wenn er will), und notfalls mit seinen harten Fäusten. Raufen möchte ich mit Hannes nicht, wo auch immer er war in den letzten zehn Jahren, jedenfalls hat er gelernt, auf sich aufzupassen. Doch, Hannes kommt schon klar. Und außerdem hat er ja mich.

Ok, jetzt habe ich gar nichts von mir erzählt. Aber das ist schon in Ordnung so, das sollen ruhig die anderen machen. Falls es etwas zu erzählen gibt!

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