Mittfasten

Mittfasten, und es gibt noch Hoffnung in dieser Welt.

Es ist ein böser Winter gewesen dieses Jahr, eine große Kälte und der Schnee so tief, dass Pferde fast bis zum Bauch einsanken. So habe ich mir das jedenfalls erzählen lassen; die Zeiten, in denen ich im Winter auf den Straßen unterwegs sein musste, sind gottseidank vorbei. Aber einen harten Winter merkt man auch in der Stadt, auf den Märkten und in den Gassen, aber auch an den Preisen und den Totenglocken.

Die Preise für Brotgetreide sind gestiegen, mit ihnen die Preise für Linsen, Schmalz, Gerste, Erbsen und Fleisch. Im Rat wird diskutiert, ob wir die Kornspeicher öffnen und Armenbrot backen lassen sollen. Aber ich fürchte, den Leuten in den Kellerlöchern um Sankt Jakob herum fehlt selbst für Armenbrot das Geld. Und dann kommt der Deichsler zu mir, Bierbrauer und Bettelherr, und sagt: Stainlinger, wisst Ihr, wie viel stadtfremdes Bettelvolk wir gerade in der Stadt haben? Und wir haben doch so viele eigene Arme. Kann ich nicht ein paar Stadtknechte haben, um sie auszuweisen?

Jetzt? Die Straßen sind grundlos, und in den Nächten friert es Stein und Bein. Ich habe ihm gesagt, ich kann gerade  keinen Stadtknecht entbehren, und er soll sich ein wenig gedulden. Er hat gemurrt, hat sich aber auch nicht getraut, mir zu widersprechen. Manchmal möchte ich den Kerl in seinen Gärbottich stecken.

Wenigstens das Gebimmel der Totenglocken hat aufgehört, seit zwei Tagen. Es sterben natürlich immer noch Leute – das gibt es in einer großen Stadt immer – aber das große Sterben, das heuer so viele Kinder mit sich gerissen hat, das scheint vorbei. Die armen Würmer, sie husteten die Nächte durch und konnten nicht schlucken, und nach drei, vier Tagen waren sie tot. Aber jetzt hat es aufgehört.

Es ist schon merkwürdig, so ein Sterben wütet wochenlang, manchmal monatelang in der Stadt, es zieht von Viertel zu Viertel, und fast von einem Tag auf den anderen ist es vorbei. So, als hätte Gott genug von unseren Tränen. Und vielleicht ist es ja so, vielleicht ist er für eine Weile tränensatt. Margret und ich, wir haben selbst drei Kinder begraben, habe ich euch das gesagt? Das ist lange her, wahrscheinlich habe ich es deshalb nicht erwähnt.

Margret und Anna lachen unten in der Küche. Sie bereiten eine Eierspeise zu und haben ein Stück vom Ochsen auf den Spieß gesteckt. Mittfasten heißt nicht zuletzt, dass du wieder einmal etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommst. Mittfasten ist ein Feiertag. Mittfasten deutet schon auf Ostern.

„Papa“, sagt Anna, „warst du heute schon in der Messe?“

Das hat mir gerade noch gefehlt, meine eigene Tochter, die mich zum Kirchgang anhält. Ich brumme.

„Du solltest auf alle Fälle hingehen“, sagt sie. „Weißt du, was für ein Messgewand der Priester heute anhatte? Es war rosa.“

Sie verdreht die Augen wie ein Fallsüchtiger.

„Ein rosa Messgewand, wirklich. Das ist unglaublich bescheuert .“

Ach so. Und ich hatte schon befürchtet, meine kleine Anna sei fromm geworden.

8 Gedanken zu “Mittfasten

  1. Die Frage stelle ich mir auch öfter. Kann man sich vorstellen, dass es damals Menschen gab, die sich vor religiösen Vorstellungen freigemacht haben? Oder fängt das wirklich erst mit der Aufklärung an?
    Ich habe keine Antwort, aber ich würde es gerne rauskriegen. Ich fürchte nur, alle Abweichler haben wohlweislich den Mund gehalten – in einer Zeit, in der Gotteslästerung dich die Zunge kosten konnte oder sogar das Leben, dir zumindest einen Stadtverweis eingebracht hat.
    Um auf Anna zurückzukommen: Wir kennen jede Menge Nürnberger Patriziertöchter, die in Klöster eingetreten sind und es dort zu etwas gebracht haben. Am bekanntesten sind die Pirckheimer-Töchter (die sicher *sehr* fromm waren) und Christine Ebner mit ihrer Mystik (womit ich allerdings nichts anfangen kann, da fehlen mir Verständnisbausteine).

  2. Es gibt mich noch. Viel schwäbisch, viel evangelisch, viel flüchtlingisch 😉
    Arbeiten und schlafen und fahren – Wohnung? Bräucht‘ ich nicht – ein Schlafsack im Auto tät’s auch … (Aber das hat ja jetzt mit Nürnberg und Alit und Co. nix zu tun – sorry: off topic! Nachricht aus dem schwäbischen Off. Genauer gesagt: vom väterlichen Laptop.)
    Herzliche Grüße
    Anna

    • Die Anna, die rosa liebt, würde sagen – arbeiten ist wichtig, was ist evangelisch? was ist ein Schlafsack? – pass auf Dich auf 😉

      • Ahh. Ich hab in der Tat noch nie von einem mittelalterlichen Schlafsack gehört, aber etwas in der Art muss es gegeben haben, wenn die Leute draußen schlafen mussten (v.a. die vielen wandernden Kleinkrämer, Schüler, Bettler, Landsknechte etc. haben sicher oft draußen geschlafen).
        Wie man aus jedem mittelguten Western weiß: Jeder Cowboy hat seine *bedroll* dabei. Was also hatten unsere Freunde? Gute Frage. Was mich schon länger beschäftigt, ist: welchen *Regenschutz* gab es für Reisende? Prä-JackWolfskin.

    • Viel evangelisch? Eine Ex-Kommilitonin von mir hat immer behauptet, sie könne auf der Alb und im Schwarzwald die katholischen Dörfer auf den ersten Blick von den evangelischen unterscheiden (mehr und buntere Blumen).
      Die Evangelischen, wenn sie es ernst meinen, können ganz, ganz schlimm sein.
      Pass bitte gut auf dich auf!

  3. Ich konnte auf der Alb auf Anhieb die evangelischen von den katholischen Dörfern unterscheiden! Die vielen evangelischen Kirchen sind die alten, gotischen – und die wenigen Katholen müssen sich mit hässlichen, nüchternen Betonneubauten aus den Fünfzigern begnügen (in so einem bin ICH als Kind in die Kirche gegangen worden). Hier in Bayerischen ist es umgekehrt (seufz). Und: auf den evangelischen Kirchtürmen hockt immer ein Hahn (manchmal wahlweise ein Engel, wie in RT auf der Citykirche), und auf den katholischen steht ein Kreuz (wahlweise eine Madonna) …

    Ja, ich pass auf mich auf. Schlafsack hin oder her – Hauptsache, man friert nicht und kann schlafen 😉 egal, wo.

    Happy weekend!

  4. PS: Mit Blumen war’s bisher nicht so weit her … Im Tal grünt’s und blüht’s schon längst, auf der Alb ist es noch etwas kühler und karger – aber es wird!

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