„Denn es ist daselbst finster“: Nikolaus Muffels Romreiseführer von 1452

Mein letztes Leseabenteuer macht mich ratlos. Ich habe mir den Romreise-Bericht des Nikolaus Muffel von 1452 vorgenommen; jenes Niklas Muffel, der in den Folgejahren zum mächtigsten Politiker Nürnbergs aufstieg und 1469 am Galgen endete.

Der Text ist mir ein einziges Rätsel.

„Do hernach stet der ablas und die heiligen stet zu Rom (…)“

beginnt das Ganze, und genau so geht es weiter. Kirchen, Heilige, Legenden, Prozessionen, weinende Marienstatuen, wundertätige Bilder, fünf Ave Maria vor dem richtigen Altar, um eine Seele aus dem Fegefeuer erlösen, und vor allem: Ablässe und Reliquien, da capo al fine.

Es gibt in dem ganzen Text eine Stelle, in der sich ein Spalt auftut zwischen den frommen Legenden und dem, was Muffel bereit ist zu glauben; eine.

„(…) und ein stuck von einer seulen, daran das pett der junckfraw Maria gestanden sol sein“

schreibt er, ein einziges Mal Zweifel andeutend. Ansonsten: eine Statue gegen Fieber; ein Kreuz an der Kirchendecke, das St. Johannes im Gebet erschien; ein Christusbild, „das  brachten die engel von hymel gefurt durch die gulden pforten“; Bilder, die sich gegen einen Neuanstrich wehren, indem sie zu bluten beginnen; die „rut mosys, domit er schlug an dem stein, das wasser darauß floß“; ein Stück vom brennenden Dornbusch; die Asche Johannes des Täufers; ein Schulterbein von Sankt Lorenz; das Messer, mit dem Jesus beschnitten wurde; die übriggebliebenen Gerstenbrote von der Speisung der Fünftausend; ein Arm der Heiligen Anna; die Hand des Thomas von Canterbury; ein Stück vom Heiligen Kreuz; der Stein, auf den Judas seine dreißig Silberlinge warf; ein Bild des 12-jährigen Jesus, gemalt von St. Lukas; ein Marienbild, das die Johanniter den Kartäusern wegnehmen wollten, da „sprach dasselb gemalt pild: was thut yr, sy (die Kartäuser, MB) sind in meinem schutz, get ab; also enpfil in all yr wer („Wehr“, Waffen); und endlos so fort. Ich erspare euch hier die Knochen und Körperteile, Körperflüssigkeiten und mit Körperflüssigkeiten in Kontakt gekommenen Textilien aller Heiligen und Zelebritäten des alten und des neuen Testaments, die ihr euch nur vorstellen könnt.

Dass nicht alle Pilger ausschließlich fromme Andacht im Herzen trugen, kann man sich schon vorstellen, Muffel aber auch:

„Item darnach ist ein gruft und umbganck unter sant Peter kor (…); man sperret die gruft selten auf von sünd wegen, die do geschehen möchten, denn es ist daselbst finster.“

Welcher Art die zu befürchtenden Sünden sind, wird nicht näher erläutert.

Im Detail listet Muffel hingegen die Ablässe auf, die man in Rom erwerben kann. Für die Nicht-Katholiken hier, ein Ablass ist keineswegs die Vergebung der Sünden, sondern der Erlass der Sündenstrafen, also der Zeit im Fegefeuer.  Ecco:

  • andächtiges Betrachten „von dem schwert, do sant Paulus mit enthaubt ist worden“, 300 Jahre;
  • Messe hören in der Kapelle sancta sanctorum „mit XII namhaftig leichnam dorin“, 3000 Jahre;
  • „so man die Fronica (Hl. Veronika) weist“, 7000 Jahre Ablass für die Römer, „aber die lantleut haben X tausent jar ablas und die uber mer (Meer), perg oder tal kummen, XIIII tausent jar ablas“;

und endlos, endlos so weiter. Man fragt sich angesichts dieser Zahlen, ob man sich die Zeit im Fegefeuer überhaupt als endlich vorzustellen hat.

Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und gelernt, dass Muffels Romreiseführer einem Muster folgt; sog. „Indulgenz-„, also Ablassführer, waren zu seiner Zeit eine verbreitete Textsorte. Was mich interessiert, ist: Soll ich mir vorstellen, dass Nikolaus Muffel alles, was er berichtet, als Teil der realen Welt empfunden hat? Dass die Sphäre Gottes und die Welt der Menschen für ihn so nahe beeinander lagen, dass ein Engel ein Bild herüberreichen konnte? Es scheint so.

Es ist immer leicht, von außen auf eine fremde Welt zu blicken und zu sagen: ja, spinnen die denn völlig? Ich möchte nur daran erinnern, dass es noch nicht so lange her ist, dass ein ganzes Volk bereit war zu glauben, dass die Juden unser Unglück sind – um nur ein Beispiel zu nennen, und dass dieser „Glaube“ sehr, sehr reale Konsequenzen hatte. Ich denke auch nicht, dass Muffels Zeitgenossen alle dasselbe geistige Universum bewohnten, das tun wir im Jahr des Herrn 2013 ja auch nicht. Und wir sind 1452 nicht mehr allzu weit weg von der Reformation, in der dann die meisten heiligen Knöchelchen, wundertätigen Statuen und Späne vom Kreuz Christi johlend auf den Müll geschmissen oder verbrannt wurden. Und natürlich ist das alles zusammengenommen nicht halb so seltsam wie die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Michael-Jackson-Reliquien sammeln.

Und doch. Muffels Romreisebuch bleibt mir fremd, und wenn ich es als Ausdruck empfundener, gelebter Frömmigkeit lesen soll, dann macht es mich: ratlos.

2 Gedanken zu “„Denn es ist daselbst finster“: Nikolaus Muffels Romreiseführer von 1452

  1. Ich war bisher der Meinung im Fegefeuer muss ein einigermaßen ordentlicher Christ höchstens ein oder zwei Jährchen verbringen (falls frau an sowas glaubt).
    Für den Nikolaus Muffel war das ein trauriges – und anscheinend ungerechtes Ende? – trotz aller Reliquien.
    Ich denke, er hatte an der Echtheit der Reliquien keine Zweifel. Sonst hätte er doch für die Egidienkirche keinen Splitter vom Kreuz Christi gestiftet.

  2. Du könntest irren, was die paar Jährchen angeht. Als die Lateranbasilika geweiht wurde, da gab der Papst Silvester, ich zitiere, „allen den, die dieselben kirchen besuchen mit andacht (…), als manig jar ablas als manig tropfen auf denselben geregnet het“, was ein wunderbar poetisches Bild, aber eine trübe Zukunftsperspektive ist.
    Ich lese mich auch gerade durch Muffels Geschichte (dieser Beitrag hier erfordert natürlich einen weiteren, „der Bürgermeister am Galgen“ oder so), aber ich komme und komme ihm nicht näher, und ich sage dir eins: wenn ich mit Muffel durch bin, schreibe ich wieder über den Stadtbaumeister. Muffel mag so viele Splitter von was-auch-immer gestiftet haben, wie er will: Der Baumeister hat in Nürnberg Linden gepflanzt, 182 Stück an der Zahl.
    *Das* ist mein Mann.

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