Nachtmeister

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Sixtus Wiehr, höre ich, ist mit den Nachtmeistern aneinandergeraten. Woher ich das weiß? Naja – solche Geschichten sprechen sich herum. Solche mit Vorliebe.

Ihr wisst nicht, was Nachtmeister sind, oder? In Köln, sagt Alit, nennt man sie Goldgrübler. Im Winterhalbjahr, wenn es kalt ist, aber die Flüsse  noch kein Eis tragen, räumen sie nachts die heimlichen Gemächer.

Dass man um die Nachtmeister mit ihrer Fuhre einen weiten Bogen macht, befiehlt einem schon der gesunde Menschenverstand. Der Gestank ihrer Kübel ist derart, dass du freiwillig die Straßenseite wechselst, Bettler oder Ratsherr.

Nur Sixtus, der meinte offenbar, die Nachtmeister mit ihren Kübeln an der Tragestange müssten ihm Platz machen. Das sind die Nürnberger Nachtmeister nicht gewöhnt. Und so hat es ein kleines Missgeschick gegeben, eine allzu rasche Bewegung des Nachtmeisters mit seinem Kübel.

Sixtus muss ordentlich einen über den Durst getrunken haben, denn anstatt sich nach Hause zu trollen und die Spuren des Unglücks zu beseitigen, läuft er – in seinem besudelten Zustand – zum Stainlinger, um sich zu beschweren.

Der Stainlinger – so habe ich die Geschichte gehört – wollte sich gerade zum Abendessen hinsetzen.

Der Ratsherr war not amused.

Dreyerley Essen von einem Visch

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Morgen kommt mein Bruder Heinrich nach Hause; ein Weinhändler aus Kitzingen war vorhin hier und hat uns die Nachricht gebracht 🙂

Morgen; da bleibt gerade noch Zeit, die Nachbarn einzuladen. Dummerweise ist morgen Fischtag — und ich hätte so gern ein Stück Ochs am Spieß gemacht. Aber es hilft ja nichts, Fischtag ist Fischtag.

Also mache ich „Dreyerley Essen von einem Visch“. Ich habe am Fischmarkt  einen schönen großen Hecht bekommen. Der Bursche ist fast so lang wie ich. Na ja, ich übertreibe. Halb so lang wie ich.

Das Dreierlei, das geht so: Man zerlegt den Hecht in drei Teile, oder, wenn er wie meiner groß genug ist, in vier. Der erste Teil (der Kopf) wird auf dem Rost gebraten. Den zweiten Teil siedet man in Wein und Gewürzen. Aus dem dritten Teil macht man eine Fischsülze; und wenn es einen vierten Teil gibt, so wird er gebacken. Am Ende setzt man die Teile wieder zu einem Fisch zusammen und streut — großzügig — Petersilie darüber. Dazu gibt es ein paar leckere Sößchen und Essigtunken in kleinen Schüsselchen, und jeder Gast hat ein anderes Essen vor sich. Spannend, oder? Mal was anderes als die ewigen Fischküchlein und -würste. Immer das Kleingehackte ;(

Rezept für "freyerley essen von eim visch" aus der "Küchenmeisterey", 1485

Rezept für „dreyerley essen von eim visch“ aus der „Küchenmeisterey“, 1485

Meine Tochter

Seit unsere kleine Anna bei Frau Hoevels in der Lehre ist, entdecke ich Seiten an meiner Tochter, von denen ich nicht sicher bin, dass ich sie überhaupt kennenlernen möchte.

Kürzlich habe ich ihr ein paar Haller geschenkt, einfach so. Heute zeigt sie mir ein Beutelchen; darin sind zweiunddreißig Pfennige. Dafür muss ein Tagelöhner jetzt, im Winter, fast eine Woche arbeiten – wenn er denn Arbeit findet.

Anna hat von ihren zwei oder drei Hallern (so genau weiß ich es nicht mehr) winzige Mengen Ingwer und Honig gekauft und Gewürzplätzchen gebacken („Nach dem Rezept von Frau Hoevels, aber ich habe es ein bisschen besser gemacht, Papa.“)

Die Gewürzplätzchen hat sie – offenbar erfolgreich – am Stand ihrer Lehrherrin auf eigene Rechnung verkauft. Und mit so ein paar Plätzchen kann man in ein paar Tagen zweiunddreißig Pfennige verdienen?

Anna fängt an herumzuzappeln. Dumme Fragen machen sie immer ungeduldig, vor allem, wenn sie von mir kommen. „Mit den Plätzchen doch nicht, wie viel Geld kann man denn mit Plätzchen verdienen?“

Sie hat es anders gemacht: sie hat ihr Plätzchenrezept dem Bäcker am Milchmarkt verkauft, dem Hornbeck. „Backen kann ich nicht so gut“, sagt Anna. „Ich kann mir nur gut Sachen ausdenken. Meine Plätzchen waren immer zu hart. Backen kann der Hornbeck besser.“

Nur, der Hornbeck, der ist auch nicht erst gestern aus dem Ei geschlüpft. Und dem hat Anna zweiunddreißig Pfennig abgeknöpft? Meine Tochter, ganze vier Stadtschuh hoch?

„Wer macht denn da so einen Radau?“, fragt Margret. Das stimmt, unten auf der Straße schreit jemand herum und donnert mit den Fäusten gegen unser Tor. Wir wollten uns gerade zum Essen hinsetzen.

„Ich seh mal nach.“

Ich nehme mir eine Laterne und rufe nach Anton. Wahrscheinlich ein Betrunkener; aber wenn er glaubt, er kann einen Ratsherrn in seinem eigenen Haus belästigen, dann kann er jetzt gleich etwas dazulernen.

Novemberliebe

Gleich erklärt ihr mich für verrückt; wenn ich euch nämlich erzähle, dass ich den November liebe. Ist das nicht der Monat, den alle Welt am meisten hasst?

Ich nicht, und meine Nachbarn auch nicht, da bin ich mir ganz sicher. November ist Schlachtzeit, jetzt beginnt die Zeit der Einladungen und der Feste. Die Jahresarbeit ist getan, die Kaufleute, die den ganzen Sommer unterwegs waren, kommen nach Hause, die Baustellen und Werkstätten in der Stadt arbeiten weniger, es wird früh ruhig auf den Gassen, denn mit der Dunkelheit kommt die Kälte – und wer ist dann noch draußen, wenn er nicht muss?

Ganz früh schon läutet es den Garaus, die Stadttore machen zu – und dann, was machst du mit dem langen, langen Abend? Bleibst du allein mit deiner Tranfunzel in deiner Stube sitzen? Und was machst du mit dem Schwein, das du nicht durch den Winter füttern willst?

Richtig.

Also, ein Schlachtschwein habe ich dieses Jahr nicht, meins ist noch zu klein, aber das soll mich nicht hindern, meine Nachbarn einzuladen, es geht ja auch eine Nummer kleiner. Fleisch ist günstig jetzt, wo jeder schlachtet; Schweine, Schafe, Gänse, Hühner. Und Pfeffer, ich sage euch, der Markt ist überschwemmt von billigem Pfeffer – fünfzig Pfennige das Pfund, das ist fast die Hälfte von dem, was man sonst hinlegen muss (nicht, dass ich mir ein Pfund Pfeffer leisten könnte. Aber ein paar Quentchen habe ich mir gegönnt). Das macht ja alles keinen Spaß mehr, grummelt Linhard, der wohl ein wenig zu teuer eingekauft hat –  wer konnte das ahnen, dass die Preise so ins Bodenlose fallen? Aber so ist das halt: Des einen Uhl, des andern Nachtigall. Nimm’s nicht so schwer, Linhard, möchte ich ihm sagen, die Preise steigen auch wieder – das tun sie immer.

Ach, und der Wein – die Weinernte an Rhein und Mosel war so reichlich, dass die Fassbinder gar nicht mehr nachkamen und die Winzer den Wein vom Vorjahr jedem praktisch hinterherwarfen, wenn der nur Bottiche und Fässer auftrieb, um ihn umzufüllen. Mein Bruder Heinrich, der trieb Fässer auf (Heinrich ist so). Mit dem Gewinn von dem alten Rheinwein (der auch gut war) hat er dann teueren Malvasier gekauft. In ein paar Tagen kommt er heim, jetzt ist er in Frankfurt.

Und ich probiere Rezepte aus. Mach ich im Winter am allerliebsten. In der Küche ist es warm, es riecht gut, meine Suppen schmecken immer  allen und ich muss nicht an die Dunkelheit draußen denken.

Kuchenmaistrey

Illustration aus der „Küchenmeisterei“, einem in Nürnberg gedruckten Kochbuch von 1485. Wikimedia Commons, PD-23.

Im Dezember kommt dann die stille Zeit vor Weihnachten, das ist eine strenge Fastenzeit, und wir essen wieder Fisch und Brei. Aber im November nicht, jetzt wird gegessen. November ist die Zeit der vollen Stuben und der vollen Töpfe.

Doch kein Mädchen

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Und ich hab gedacht, Linhard hat irgendwo in der Stadt ein Mädchen. So eins, mit dem er nicht sonntags auf der Hallerwiese spazieren geht, ihr versteht schon. Sobald er eine freie Minute hat, verschwindet er; er kommt mit blitzenden Augen und schwarzen Fingerkuppen (???) wieder und wehrt alle Fragen ab. Jetzt ist die Katze aus dem Sack, und Vater tobt.

„Bücher!“

Vater knallt unser großes Rechnungsbuch aufs Schreibpult und beginnt, im Kontor hin- und herzuhinken (heut Nacht hat es gefroren, ihn plagt sein Knie.)

„Ich will dir mal was sagen. Mein Vater und mein Bruder und ich, wir haben dieses Unternehmen nicht aufgebaut, damit du es ruinierst.“ Vater rudert mit den Armen.

„Wir sind bei Eis und Schnee über die Tiroler Straßen gezogen, über das Erzgebirge, nach Frankfurt, mit magerem Gewinn und in manchen Jahren mit gar keinem.“ Vaters Zeigefinger sticht nach Linhard. „Und über die Jahre hinweg haben wir unser Geschäft aufgebaut, Kunden und Lieferanten, und ich sage dir eins: Messer brauchen die Leute immer. Wer braucht Bücher? Das ist doch eine Mode, dass jeder, der lesen kann, seine Nase in ein Buch steckt. Das geht vorbei, die Leute finden bald einen besseren Zeitvertreib, es ist nicht gut für die Augen, die Leute werden immer dümmer, können sich nichts mehr merken, und außerdem, wer kauft denn Bücher? Bücher sind viel zu teuer. Rechne doch nur mal: Wer braucht ein Messer? Jeder, immer. Und das wird auch ewig so bleiben. Und wer kann lesen, ha? Sollen vielleicht alle Leute ihre Kinder in die Schule schicken?“

„Warum nicht?“, sagt Linhard. Ich unterdrücke einen Seufzer; Linhard sagt manchmal auch Sachen – in Momenten – bei denen ich mir an den Kopf fasse. Ich mache unter dem Tisch ein Zeichen mit der flachen Hand – ruhig, Linhard – aber er achtet nicht auf mich. Sein Kinn ist vorgereckt.

Und so geht es weiter. Dabei kann man sehen, wie es ausgehen wird: Linhard hat nicht nur die letzten vier Wochen in den Offizinen der Nürnberger Buchdrucker verbracht, er hat auch eine Rechnung aufgestellt. Ich habe seine Zahlen überschlagen, und Vater, wenn er sich abgeregt hat, wird sie auch nachrechnen, und Linhard wird die Bücher ins Sortiment nehmen, notfalls von seinem eigenen Geld (und von meinem).
Ich weiß nicht, warum Vater und Linhard stundenlang streiten müssen – aber offenbar müssen sie das.

Ich wüsste noch etwas, das sogar noch besser laufen würde als die beiden Bücher, die Linhard ausgesucht hat.

Sebald Beheim, "Die Nacht"

Sebald Beheim (Dürer-Schüler), „Die Nacht“, 1548

Aber damit brauch ich weder Vater noch Linhard zu kommen. Für manche Geschäftsideen ist die Zeit einfach noch nicht reif.

Pfennigwecken

Das Korn ist teurer geworden. Der Weizen, die Gerste, der Hafer, sogar Hirse und Schmalz. Linsen kosten 60 Pfennige der Metzen. Und die Pfennigwecken sind schon wieder kleiner geworden, das zweite Mal seit der Ernte.

Großer Auflauf, Gerangel und Wutgeschrei heute morgen in den Gassen und am Brothaus, aber es hat ja alles keinen Zweck, der Rat hat das Gewicht für einen Pfennigweck neu festgesetzt, es ist bei allen Bäckern so. Über Nacht sind die Pfennigwecken ein Stückchen kleiner geworden, und mehr Kleie ist auch drin als vorher, glaube ich. So ist das immer, wenn das Korn teurer wird: Der Preis der Brote ändert sich nicht, aber die Größe. Und die Qualität.

Die Gerste hat auch angezogen. Das ist für mich nicht so schlimm, der Gerstenpreis ist bei meinem Gerstenwasser nur ein Faktor unter vielen (Kräuter, Gewürze, Feuerholz, Töpfe und Krüge undsoweiter), aber die Brauer trifft es hart. Beim Bier wird natürlich die Maß nicht kleiner, und die Schankmaß oder das Schenkseidel werden auch nicht teurer – die Preise hält die Stadt stabil wie den Brotpreis – aber das Bier wird dünner. Der Rat legt fest, wie viel Gerste die Brauer verwenden müssen, um einen Eimer Bier zu brauen. Und wenn die Gerstenpreise gar zu sehr steigen und die Brauer gar zu sehr jammern, hat der Rat ein Einsehen (mit den Brauern).

Für mich ist das nicht so schlimm, im Winter ist ohnehin der Wein mein Hauptgeschäft, und die Weinernte war gut, sogar sehr gut. Die Weinpreise legt zwar auch der Rat fest, aber mein Bruder hat sehr günstig eingekauft, Rheinwein, ausgezeichnete Qualität, und ich probiere fleißig neue Rezepte für Gewürzwein aus.

Es ist wie beim Gerstenwasser, wenn die Leute schon Geld für Würzwein bei mir ausgeben, wollen sie das Gefühl haben, dass es etwas ganz Besonderes ist. Nicht etwas, was sie fürs halbe Geld daheim selbst machen könnten.

Dabei fällt mir ein, habt ihr gute Rezepte für heißen Würzwein? Die würde ich nämlich gerne ausprobieren. Meine kleine Anna ist mir beim Probieren und Testen sonst ja eine unschätzbare Hilfe, aber sie trinkt keinen Wein – keinen Tropfen, und probiert ihr mal, eine Tochter vom Stainlinger zu etwas bewegen, was sie nicht will (oder eine Tochter von der Stainlingerin – ich bin mir nach wie vor nicht sicher, wo Anna diesen Dickkopf herhat).  Ebenso gut könntet ihr zum Reuhelberg rausgehen und sagen: Rück mal bitte, Reuhelberg…

Der Reuhelberg, das ist dort, wo die großen Steinbrüche sind, im Süden der Stadt, ihr wisst schon.

Also, habt ihr Rezepte?

Mickrig

Das war gewiss kein Gartenjahr. Wisst ihr, wie viele Eimer Wasser ich geschleppt habe in diesem Sommer? Und nun seht euch meinen Garten an.

mickrige rüben

Das sind doch keine Rüben. Die Tränen könnten einem kommen; was soll aus denen noch werden vor dem Winter? Ich weiß gar nicht mehr, was ich machen soll. Und es sieht alles so aus, der ganze Garten: Ein paar Zichorienwurzeln kann ich vielleicht noch ausgraben.

Alles, alles sieht so aus

Und dann geh mal auf den Markt: Winzige Zwiebelchen, Möhren halb so groß wie mein Finger, Rüben, die die Blätter hängen lassen… und teuer alles, teuer. Die Trockenheit macht auch den Gärtnern und Bauern vor den Toren der Stadt zu schaffen.

Nur Birnen gibt es heuer. Dicke, saftige, süße Birnen. Und wir können ja immer noch meine eine Melone essen.

Eine einzige, mickrige Melone, die die Trockenheit überlebt hat

Eine einzige, mickrige Melone, die die Trockenheit überlebt hat

Und ein paar Kohlpflanzen sehen auch noch ganz gut aus. Wenigstens etwas. Aber alles in allem war der Garten dieses Jahr eine herbe Enttäuschung.

So viel Arbeit!

Menschengedenken

Heute bin ich mit unserem jungen Baumeister durch die Landwehr geritten. Vor dem Winter muss man die Gräben anschauen, die Schranken, Wälle, Zäune undsoweiter. Die Bauern haben ein kurzes Gedächtnis, wenn sie etwas für die Stadt tun sollen – „Es ist doch Frieden seit Menschengedenken, Herr, der Graben tut seinen Zweck, was braucht Ihr ihn fünf Schuh tief?“

Menschengedenken? Der Ortsvorsteher ist so alt wie ich, und ich wette, er erinnert sich wie ich. Rauchende Mühlen, Brückenpfeiler ohne Bohlen, brennende Getreidefelder. Die Stadt voller Bauernfamilien, manche mit ihrer Ernte und ihren Ochsen, Ziegen, Hühnern und Gänsen, viele nur mit dem, was sie auf dem Rücken hatten tragen können. Und jeden Tag kamen immer noch mehr, ein Strom von den Stadttoren bis zum Horizont. Menschentrauben an den Brunnen von morgens bis in die Nacht, und da fielen Worte, die besser ungesagt geblieben wären, auf beiden Seiten. Und es blieb natürlich nicht immer bei Worten.

Im Vestnertorgraben muhte das Vieh. Jeder durfte eine Kuh melken, vorausgesetzt, er trieb genug Heu auf, um sie einen Tag lang zu füttern. Aber Heu war schwer zu bekommen. Die Stadt öffnete ihre Kornhäuser und ließ Armenbrot backen, und ich  erinnere mich an die Notküchen auf der Insel Schütt und daran, dass man eine eigene Hirsebrei-Ausgabestelle für Frauen und Kinder einrichten musste, damit sie nicht weggeschubst, getreten oder zerquetscht wurden von der hungrigen Menge. Bis heute kann ich keinen Hirsebrei sehen, obwohl wir natürlich zu Hause Brot hatten. Aber der Geruch hing über der Insel Schütt und bald danach über der ganzen Stadt, als das Korn teurer und teurer wurde. Ich erinnere mich an den Tag, als Gostenhof abbrannte – unser eigenes Dorf direkt vorm Spittlertor, und wir haben es selber angezündet aus Angst, dass der Markgraf sich dort festsetzen und in die Stadt schießen könnte.

Die Schranke hier, ihr Herren, sagt der Ortsvorsteher, das Holz ist ein kleines bisschen morsch an manchen Stellen, das ist wahr, aber wir haben ja Frieden; wisst Ihr, was Bauholz kostet? Der Sommer war trocken, die Ernte erbärmlich, wollt Ihr in unsere Scheunen schauen, Herr? Und dann sind uns dieses Jahr in der großen Hitze so viele Schweine verendet. Wir sind stolz, Nürnberger Bauern zu sein, aber Unmögliches dürft Ihr nicht verlangen.

wollschwein

Ein überlebendes Schwein. Sieht doch putzmunter aus, oder?

Der junge Baumeister hat ein weiches Herz, das sehen die Kerle sofort. Wir haben schon Mühe, die Abgaben zu zahlen, und jetzt noch Schanzarbeiten, Herr, mitten in der Obsternte!

Er ist kurz davor, einzuknicken. Ausbessern, sage ich. Der Amtmann im Reichswald gibt euch das Holz, aber die Arbeit macht ihr, und ihr macht sie ordentlich und mit genau dem Holz, das die Stadt euch zuteilt, sonst gnade euch Gott. Bis zum Crispianustag will ich das erledigt haben.

Unmöglich!, ruft der Ortsvorsteher.

Und so geht es den ganzen Tag.

Widerspenstigen Leuten gut zureden – das ist schlimmer, als den ganzen Tag Steine zu klopfen – glaubt ihr mir das? Als wir wieder aufs Frauentor zureiten, staubig  und ausgedörrt, da ist der Vorrat an Mitgefühl und gutem Willen, den mein junger Ratskollege heute morgen von zu Hause mitgebracht hat, erschöpft, und er flucht wie ein Fuhrknecht über die störrischen Bauern. Wenigstens ein bisschen Loyalität sollte man doch erwarten können dafür, dass die Stadt ihre schützende Hand über ihre Bauern hält, meint er, aber ist da einer, einer nur, der freiwillig einen Finger krumm macht? Keiner. Alle haben sie Ausreden, und was für welche. Dabei ist es nur ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Anlagen in Schuss zu halten, die dienen ja nicht zuletzt zu ihrem eigenen Schutz. Nürnberger Bauern, ha! Im nächsten Krieg werfen wir ihnen die Stadttore vor der Nase zu. Undankbares Gesindel.

Ich schaue ihn von der Seite an. Er hat einen harten Tag hinter sich, der Junge – voller herber menschlicher Enttäuschungen – aber glaubt er wirklich, dass unsere Stadtbürger innerhalb der Mauern mehr Bürgersinn haben?

Die haben wir nur an einer kürzeren Leine.

Ein Schörl für Hannes

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Einen Schörl sollten wir haben für Hannes. Direkt auf dem Körper getragen, schützt er vor Missgunst und Neid, vor übler Nachrede und überhaupt vor schlechten Einflüssen. Aber ich weiß nicht, wo ich so schnell einen Schörl auftreiben soll. Teuer sind sie auch.

Unverdienter Sieg

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Gänzlich unverdient, der Sieg von Hannes Paumer beim Schützenfest. Ich verstehe nicht, dass sie ihm den Sieg zuerkannt haben; wenn der Straßburger ein zweites Mal hätte schießen dürfen nach dem Unfall, dann hätte mit Sicherheit er gewonnen.

Ich an Paumers Stelle hätte mich geschämt, den Preis anzunehmen.

Und jetzt lässt er überall herumerzählen, er hätte den Preis dem Spital gestiftet. Ob das stimmt, weiß man ja auch nicht.