Schnee

Heute Nacht hat es geschneit.

Ich öffne das Haustor, und die Kälte beißt mir in die Backen, eine klare, belebende Kälte, wie junger Wein. Die Gasse schimmert, die Häuser haben dicke Mützen auf und aller Schmutz, aller Abfall und  Unrat der vielen Menschen ist unter dem Schnee verschwunden.

Die Stadt ist still, das Frühmessläuten klingt gerade aus, unter meinen Schuhen knischt der Schnee. Von Norden weht es in die Stadt hinein, ein scharfer Wind, der den Menschen- und Tiergestank aus den Gassen treibt, und es riecht endlich einmal nach nichts, oder doch, es riecht nach Nachthimmel und Sternen und Kälte und Schnee, es riecht… sauber. Ich atme durch.

Foto: © Helene Souza, pixelio

Ich laufe mit meinen Ledereimern zum Tiergärtnertor, am Fröschturm vorbei und an den Weberhäusern, die noch dunkel sind, hinüber zum Treibberg, zu meinem kleinen Gärtchen. Heute ernte ich die letzten Schlehen.

Ich habe so ein Glück gehabt, dass ich dieses kleine Stückchen Garten innerhalb der Mauer pachten konnte.

Mein alter Garten lag vor der Stadt, und ich musste immer warten, bis die Stadttore aufgemacht wurden. Und wehe dir, du bist abends zu spät. Einmal ist mir das passiert, ich war zu spät und allein, und der Torhüter am Wöhrder Törlein wollte mich nicht einlassen. Ich will euch nicht sagen, was der Kerl als Gegenleistung verlangt hat. Der Rat will das nicht, da bin ich mir ziemlich sicher, aber es gibt wirklich ein paar üble Kerle unter den Scharwächtern. Ich habe dann letztlich vor der Stadt in einem Schafstall geschlafen. Ich war von oben bis unten verdreckt, aber das ist die Art von Dreck, die sich abwaschen lässt.

Die Schlehenernte ist meine letzte Gartenarbeit für dieses Jahr. Das Wintergemüse habe ich vor Wochen schon heimgeholt und im Keller in Erde eingeschlagen, die Wurzeln, den Lauch und den letzten Kohl. Jetzt sind da nur noch die Schlehen, pralle blaue Beeren, die dick an dick auf den Ästen sitzen, wie Paternosterperlen. Sie brauchen erstmal einen richtigen Frost, bevor man sie überhaupt essen kann, aber dann sind sie lecker, herb und süß zugleich. Heute Nacht, das sollte gereicht haben. Mein Busch hängt übervoll und ich freue mich schon auf Hirsebrei mit Schlehenmus. Kennt ihr das? Mmm…

4 Gedanken zu “Schnee

  1. Ich würde Reisbrei mit Schlehenmus bevorzugen oder Schlehenmus blank mit Vanilleeis, das werde ich ausprobieren – ich bin sicher, es schmeckt mir 🙂

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