Seidenbänder

Matthes hat gesagt, heut Nacht kann ich mit ihm auf dem Strohsack schlafen. Aber ich glaub nicht, dass ich schlafen kann. Wenn ich die Augen zumach, seh ich immer bloß die Seidenbänder, wie sie sich rot färben.

Dabei wollt ich doch nur sehen, warum da so ein Geschrei war. Auf dem Hafenmarkt waren ganz ganz viele Leute, ein Riesenauflauf, wüstes Geschimpfe, das muss ich sehen!, hab ich gedacht. Hannes hinter mir her, er wollte mich festhalten, hat mich aber nicht erwischt. Ich schlüpfte nach vorn.

Mittendrin in all den Leuten standen zwei, die schubsten sich und schrien sich an. Auf dem Boden lag eine Tragstange und daneben zwei Körbe mit Seidenbändern. Die Bänder ringelten sich auf dem Pflaster, Pferdeäpfel, Mist und alles.

Du Hurensohn, schrie der eine, so ein langer Dünner, wisst ihr? Und noch viele Schimpfwörter und Flüche mehr, die ich hier nicht aufschreiben kann. Er schrie immer lauter, wegen seinen Seidenbändern.

Der andere war so ein kleiner Bulliger. Er hatte ein Lederwams an, vielleicht einer von der Stadtwache. Er lachte und sprang herum wie ein Teufel. Das kommt davon, schrie er zurück, wenn man alle Leute umrennt, bist du blind? Ich zeig dir, was ich mit deinen Seidenbändern mach, du hergelaufender Hungerleider, da!

Und er trampelte weiter auf den Bändern herum und stampfte sie in mit seinen Stiefeln in den Dreck.

Die Leute machten „ahhh“ und wichen zurück; ich stand auf einmal in der ersten Reihe. Der Dürre hatte ein Messer in der Hand und fuchtelte dem anderen vor der Nase herum. Der steckt die Hand in sein Wams, zieht sie wieder heraus, etwas blitzt, er macht mit dem Arm einen großen Bogen durch die Luft, so –

Die Zuschauer schrien. Der Lange stolperte zwei Schritte vorwärts und presste die Hände auf den Bauch. Er sackte in die Knie, mitten zwischen seine ruinierten Seidenbänder. Und die gelben, grünen, blauen, weißen Bänder färbten sich rot.

Eine Hand packte mich an den Haaren, hinten im Genick.

„Sieh hin. Das ist es, was ein Messer tut. Sieh es dir an.“

Ich wollte den Kopf wegdrehen, aber Hannes hielt mich so, wie man ein Karnickel hält. „Einen Bader, holt einen Bader!“, schrie jemand, und einer rief nach einem Wundarzt.

„Ihr Narren“, sagte Hannes, nicht allzu laut. „Holt den Priester.“

Er zog mir den Kopf herum, so dass ich ihn anschauen musste.

„Wenn du ein Messer ziehst, musst du bereit sein zu töten, Auberlin. Zu töten oder zu sterben. Verstehst du?“

Er ließ mich los. Ich schaute zu dem Langen zwischen seinen Bändern. Er war auf die Seite gekippt. Das Blut pulste immer noch aus seinem Bauch, aber er rührte sich nicht mehr. Die Menschenmenge war ganz still geworden.

Ich schluckte. Ich nickte. Ich nickte viele viele Male. Hannes packte mich an der Schulter.

„Komm.“

2 Gedanken zu “Seidenbänder

  1. Oje, der Auberlin muss manches sehr früh lernen.
    Schön, dass der Matthes ihm da helfen möchte – so verstehe ich das meinsame Strohlager – bösen Geistern in der Nacht begegnet man besser zu zweit.

    • Ja, Gewalt auf den Straßen war wohl nicht so selten. Und wenn dann noch so viele Leute in einer kleinen Stadt sind wie zu Messezeiten, und es ist heiß…

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