Pfennigwecken

Das Korn ist teurer geworden. Der Weizen, die Gerste, der Hafer, sogar Hirse und Schmalz. Linsen kosten 60 Pfennige der Metzen. Und die Pfennigwecken sind schon wieder kleiner geworden, das zweite Mal seit der Ernte.

Großer Auflauf, Gerangel und Wutgeschrei heute morgen in den Gassen und am Brothaus, aber es hat ja alles keinen Zweck, der Rat hat das Gewicht für einen Pfennigweck neu festgesetzt, es ist bei allen Bäckern so. Über Nacht sind die Pfennigwecken ein Stückchen kleiner geworden, und mehr Kleie ist auch drin als vorher, glaube ich. So ist das immer, wenn das Korn teurer wird: Der Preis der Brote ändert sich nicht, aber die Größe. Und die Qualität.

Die Gerste hat auch angezogen. Das ist für mich nicht so schlimm, der Gerstenpreis ist bei meinem Gerstenwasser nur ein Faktor unter vielen (Kräuter, Gewürze, Feuerholz, Töpfe und Krüge undsoweiter), aber die Brauer trifft es hart. Beim Bier wird natürlich die Maß nicht kleiner, und die Schankmaß oder das Schenkseidel werden auch nicht teurer – die Preise hält die Stadt stabil wie den Brotpreis – aber das Bier wird dünner. Der Rat legt fest, wie viel Gerste die Brauer verwenden müssen, um einen Eimer Bier zu brauen. Und wenn die Gerstenpreise gar zu sehr steigen und die Brauer gar zu sehr jammern, hat der Rat ein Einsehen (mit den Brauern).

Für mich ist das nicht so schlimm, im Winter ist ohnehin der Wein mein Hauptgeschäft, und die Weinernte war gut, sogar sehr gut. Die Weinpreise legt zwar auch der Rat fest, aber mein Bruder hat sehr günstig eingekauft, Rheinwein, ausgezeichnete Qualität, und ich probiere fleißig neue Rezepte für Gewürzwein aus.

Es ist wie beim Gerstenwasser, wenn die Leute schon Geld für Würzwein bei mir ausgeben, wollen sie das Gefühl haben, dass es etwas ganz Besonderes ist. Nicht etwas, was sie fürs halbe Geld daheim selbst machen könnten.

Dabei fällt mir ein, habt ihr gute Rezepte für heißen Würzwein? Die würde ich nämlich gerne ausprobieren. Meine kleine Anna ist mir beim Probieren und Testen sonst ja eine unschätzbare Hilfe, aber sie trinkt keinen Wein – keinen Tropfen, und probiert ihr mal, eine Tochter vom Stainlinger zu etwas bewegen, was sie nicht will (oder eine Tochter von der Stainlingerin – ich bin mir nach wie vor nicht sicher, wo Anna diesen Dickkopf herhat).  Ebenso gut könntet ihr zum Reuhelberg rausgehen und sagen: Rück mal bitte, Reuhelberg…

Der Reuhelberg, das ist dort, wo die großen Steinbrüche sind, im Süden der Stadt, ihr wisst schon.

Also, habt ihr Rezepte?

Punktestand

Status

Tut mir leid; wie es steht, kann ich euch nicht sagen.

Keine Zeit. Die Schlange vor meinem Stand ist eine halbe Nürnberger Meile lang. Schießen macht durstig, zuschauen offenbar noch mehr.

Ich weiß nur, dass Hannes und Uelein Stumpf eine Runde weiter sind, und das weiß ich bloß deshalb, weil die beiden jedesmal nach einer Runde bei mir vorbeikommen (haben wir vorher so ausgemacht). Meistens haben sie andere Schützen im Schlepptau. Für die Teilnehmer am Wettkampf ist mein Gerstenwasser heute kostenlos.

Für die anderen nicht. Entschuldigt mich, ich muss hier weitermachen.

Bestellbüchlein

Hm, mal sehen. Rummel, Wirsberger, Mendel, Stainlinger, Derr, 3x Tucher, Volz. Und Grohl. Grohl? Doch nicht Jacob Grohl, der Sammler von teuren Heiligtümern? Doch, schau an. Das sind zehn, nein, elf Kannen. Und eine für den Markt. Ich muss

  • Gerste nachkaufen
  • Eisenkraut auftreiben (Maria Behringer?)
  • zwei größere Kannen besorgen
  • einen billigeren Anbieter für Agraz finden
  • Feuerholz machen
  • den Tagespreis für Kardamom herausfinden
  • die Buben vom Nachbarn fragen, ob sie mir die Kannen austragen
  • Linhard fragen, wieviel Kardamom er noch hat (er wird sofort versuchen, mit dem Preis raufzugehen, ich kenne ihn, aber da hat er bei mir Pech)
  • den Hund in den Holzschuppen schicken, wegen der Ratten
  • ach, und dem Wirt vom Wilden Mann zwei Fässer Rheinwein liefern lassen. Wo steckt eigentlich unser Weinschröter? Ich kann ja schlecht die Fässer alleine aus dem Keller wuchten.

Und dann muss ich mein Gerstenwasser für heute kochen und dann muss ich auf den Markt, ich bin ja Weinhändlerin. Eine Händlerin gehört auf den Markt.

Also, ich schreibe dann morgen weiter!

Probetrinken

Status

Also ich glaub, die Füße von Hannes und Linhard finden ihren Weg zum Stand von Frau Hoevels inzwischen ganz von allein. Jeder Weg nach Hause führt über den Weinmarkt, da fällt schon gar kein Wort mehr. Heute haben sie vergessen, mich heimzuschicken. Ich hielt mich mucksmäuschenstill.

Am Weinmarkt hat Frau Hoevels die eine windstille Ecke erwischt, wo sogar ein paar Sonnenstrahlen hinkommen. Sie hat ein zweites Kohlebecken und eine neue, dicke Kanne neben ihrem Weinkrug stehen. „Aaaahhh“, sagte Linhard, und Hannes griff nach einem Becher, um sich  einzuschenken.  Frau Hoevels schlug ihm die Hand weg.

„Finger weg. Auf die Sprüche von euch zwei Spaßvögeln kann ich verzichten. Was ich brauche, ist eine ehrliche Meinung.“

Sie schenkte aus der neuen Kanne ein, mischte heißes Wasser dazu und gab den Becher – mir. Ich war total verdattert. Sie hat mich noch nie beachtet, noch viel weniger angelächelt. Sie hat Grübchen, wenn sie lacht, und ihre Augen sind braun, aber nicht richtig braun, es sind grüne Punkte drin und außen ganz hell, wie richtiges Gold. Sie hat einen dicken hellbraunen Zopf –

„Mach den Mund zu, Auberlin“, sagte Hannes, und Linhard stieß mich mit dem Ellbogen an: „Sag danke.“

„Lasst ihn in Ruhe, ihr Possenreißer. Du bist der Auberlin, stimmt’s? Sag mir, wie es dir schmeckt.“ Ihre Augen hingen an meinem Gesicht, ganz so, als hätte sie noch nie jemanden trinken sehen. Mir wurde ganz heiß.

„Es schmeckt sehr gut“, sagte ich. „Und ich wünsch Euch gute Geschäfte, Frau Hoevels.“ So etwas bringt Linhard mir bei, den Geschäftsfreunden aufrichtig Glück und Erfolg wünschen, das ist am Ende wichtiger als dein Preis, sagt Linhard, aber Frau Hoevels zieht die Stirn in Falten.

„Sehr gut? Ist das alles, was dir einfällt? Sag mir, wie es dir schmeckt. Das kann doch nicht so schwer sein, Junge.“

Himmel, das Letzte, was ich will, ist, dass sie mich böse anschaut. Aber es schmeckt sehr gut, wirklich, und ich trinke den Becher leer, ehe Hannes oder Linhard vielleicht auf die Idee kommen, ihn mir wegzunehmen. Und dann, weil mein Kopf leer ist und meine Zunge aus Blei, strecke ich ihn Frau Hoevels zum Nachschenken hin. Hannes wirft den Kopf zurück und lacht.

„Da hast du deine Antwort, Alit.“

Linhard probiert ein ganz, ganz  kleines Schlückchen, vorsichtig schiebt er das Getränk von einer Backe in die andere, noch ein Schlückchen, Ingwer, murmelt er, Kardamom, Pfeffer?, Salbei, Deumenthen, nein, Eisenkraut, ja? und ein kleiner Schuss Agraz. Sehr gut, Alit, also wirklich sehr gut (hab ich doch gesagt!!!). Für wie viel willst du die Kanne verkaufen?

Also wenn ich einen Heller bekäme für jedes Mal am Tag, wo Linhard „wie viel“ sagt –

„Ich denke, der Preis spielt keine Rolle“, sagt Hannes, und Linhard und Alit schauen ihn an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen.

„Keiner kauft dein Gerstenwasser, weil er es braucht.  Dieses Gerstenwasser -“ Hannes hebt den  Zeigefinger – „gehört in jeden Kaufmannshaushalt in der ganzen Stadt. Es ist gesund, schmackhaft und ein Wundermittel gegen kalte Füße. Den Großvater macht es munter, die Kinder schlummern wie in Engelsarmen, und der Mann macht Späßchen, selbst wenn die Geschäfte mäßig gehen. Es hilft gegen dreckige Straßen, gegen Verstopfung und Durchfall, und wenn du dich ein wenig krank fühlst, wirst du davon wieder fröhlich und stark. Es ist billiger als Wein, gesünder als Wasser, besser als Bier und etwas ganz, ganz Besonderes, denn es ist so neu, dass es noch niemand kennt. Alit, hast du nicht jemanden unter deinen Kunden, für den das genau das Richtige ist? Jemand aus den Geschlechtern, vielleicht? Am besten einen Ratsherrn… mit einer Frau, die gerne Gäste hat…??“

Frau Hoevels lässt die Schultern hängen. Jetzt hat er sie traurig gemacht, so ein Trampel! „Ich kenne keinen Ratsherrn“, sagt sie. „Wir sind doch fremd in der Stadt -“

„Das stimmt nicht.“ Linhard setzt seinen Becher ab. „Du kennst einen,  den Stainlinger. Seine Frau ist eine Tucherin. Hannes hat recht, Alit, wenn der dein Gerstenwasser schmeckt, verkaufst du mehr, als du herstellen kannst.“

Sie sieht ein wenig erschrocken aus. „Und wenn nicht? Ich meine, wenn es ihr nicht schmeckt?“

„Dann“, sagt Hannes und schenkt uns allen noch einen Becher ein, „dann kannst du jede Kanne und jeden Becher einzeln verkaufen und mit Leuten wie meinem Bruder hier um jeden einzelnen Heller feilschen, bis du dir wünschst, du hättest das Wort Gerstenwasser nie in deinem Leben gehört. Alit, Mädchen, schick dem Stainlinger eine Kanne. Jetzt.“

Kardamom

Status

Mit Kardamom schmeckt das Gerstenwasser noch viel besser. Das müsst ihr unbedingt ausprobieren, das schmeckt sooo gut  – Schuss Agraz am Ende nicht vergessen! Es ist gut für den Magen, senkt das Fieber, und gute Laune kriegt man auch 🙂

Ich könnte hüpfen, so gut schmeckt das 🙂

Aber Kardamom ist ja gleich noch viel teurer als Ingwer. Was mache ich jetzt?

Gerstenwasser, so ein dummes Zeug

Das hab ich doch gleich gesagt. Gerstenwasser verkaufen wollen, so ein dummes Zeug. Aber meine Schwägerin meint ja, die ganze Stadt wartet nur auf sie und ihre Einfälle.

Jetzt hockt sie da am Tisch und versucht, nicht zu heulen. Dabei war doch von vornherein klar, dass das eine vollkommen unsinnige Idee ist. Sonst wären doch schon längst auch andere vor ihr draufgekommen. Aber Alit, nein, die glaubt ja immer, sie ist klüger als alle anderen.

Ich muss wirklich mit meinem Mann reden, wenn er nach Hause kommt. Erst schmeißt sie auf dem Markt mit Fischen und bringt uns in der ganzen Stadt ins Gerede. Im Hausarrest heckt sie dann gleich die nächste Dummheit aus. Und verschwendet gute Gerste und all die Kräuter für so einen Unfug wie Gerstenwasser, was doch jeder selber macht! Hoffärtig ist sie, wie alle Kölnerinnen. Sie hat eine entscheidende Wahrheit noch nicht gelernt: Hochmut kommt vor dem Fall.

Dem netten jungen Herrn Paumer stiehlt sie auch noch die Zeit. Die beiden hocken schon den ganzen Nachmittag miteinander am Tisch und rechnen, lange Reihen mit Zahlen auf teurem Papier. Holz, Gerste, Kräuter, Ingwer, Kannen und Krüge, Botenlöhne. Lagerraum. Endlos! Wie viel Mühe für eine Idee, von der doch jeder sehen kann, wie unsinnig sie ist.

Jetzt starrt sie auf das Papier, die Augen voller Tränen. Versucht seit einer halben Ewigkeit, den Fehler in der Rechnung zu finden.

„Es tut mir leid, Alit“, sagt der Herr Paumer. Es klingt, als täte es ihm wirklich leid. „Aber wenn du nicht so viel davon verkaufst wie ein mittelgroßer Bierbrauer, lohnt es sich nicht. Und ich kann dir den Preis für Ingwer nicht garantieren. Das weißt du selbst.“

Er lächelt sie an. Was für ein hübsches Lächeln er hat. Aber ein bisschen dumm ist er auch – jeder, der einen Nachmittag lang Geduld mit Alit und ihren Einfällen hat, hat wohl nicht besonders viel Verstand unter der Mütze.

„Das ist schade. Es ist das beste Gerstenwasser, das ich je getrunken habe. Ich glaube nur nicht, dass du damit Geld verdienen kannst, und Geld verdienen müssen wir alle.“

Sie beißt sich auf die Lippen.

„Ich weiß.“

Gerstenwasser

Nur noch ein kleines bisschen mehr Ingwer. Wenn das Zeug nur nicht so teuer wäre. Aber ich hab jetzt alles durchprobiert – Salbei, Minze, Dost, Lorbeer, Gundermann, Wein- und Eberraute, Beifuß, Bockshornklee, Schabzigerklee, Engelwurz, Fenchel, Anis, sogar Wermut und Kümmel (brrr). Was ein gutes und ein richtig gutes Gerstenwasser unterscheidet, ist ein Stückchen Ingwer. Ein Schuss Agraz dazu, fertig. Man muss es nur vorher lang genug kochen, das ist der Trick.

Es tut gut und schmeckt … lebendig. Wunderbar. Meine Schwägerin sagt, ich bin verrückt, dass ich Gerstenwasser verkaufen will. Niemand wird etwas kaufen, das er selber billiger herstellen kann, und wenn, dann werden die Bierbrauer mich vor Gericht zerren, weil ich kein Braurecht habe. Aber ich braue doch nicht. Und die Leute kaufen ja auch meinen Gewürzwein, den sie ebenfalls selber billiger herstellen könnten. Es muss doch einen Grund geben, dass sie meinen kaufen.

Jetzt, wo ich ein wirklich gutes Rezept habe, muss ich die Sache genau durchrechnen. Und mit Linhard reden, ob er mir einen guten Preis für Ingwer machen kann.

Und dann steige ich in die Herstellung von Gerstenwasser ein. Man kann nie genug Eisen im Feuer haben.