Gerstenwasser

Nur noch ein kleines bisschen mehr Ingwer. Wenn das Zeug nur nicht so teuer wäre. Aber ich hab jetzt alles durchprobiert – Salbei, Minze, Dost, Lorbeer, Gundermann, Wein- und Eberraute, Beifuß, Bockshornklee, Schabzigerklee, Engelwurz, Fenchel, Anis, sogar Wermut und Kümmel (brrr). Was ein gutes und ein richtig gutes Gerstenwasser unterscheidet, ist ein Stückchen Ingwer. Ein Schuss Agraz dazu, fertig. Man muss es nur vorher lang genug kochen, das ist der Trick.

Es tut gut und schmeckt … lebendig. Wunderbar. Meine Schwägerin sagt, ich bin verrückt, dass ich Gerstenwasser verkaufen will. Niemand wird etwas kaufen, das er selber billiger herstellen kann, und wenn, dann werden die Bierbrauer mich vor Gericht zerren, weil ich kein Braurecht habe. Aber ich braue doch nicht. Und die Leute kaufen ja auch meinen Gewürzwein, den sie ebenfalls selber billiger herstellen könnten. Es muss doch einen Grund geben, dass sie meinen kaufen.

Jetzt, wo ich ein wirklich gutes Rezept habe, muss ich die Sache genau durchrechnen. Und mit Linhard reden, ob er mir einen guten Preis für Ingwer machen kann.

Und dann steige ich in die Herstellung von Gerstenwasser ein. Man kann nie genug Eisen im Feuer haben.

Messer

Heute hat der Herr Paumer den Linhard und den Hannes zu Meister Hans geschickt, Messer bestellen. „Und nehmt den Lehrbuben mit, damit er etwas lernt!“

„Gute Idee. Der Bengel schnappt sowieso immer genau das auf, was er nicht soll“, sagte Hannes.

Der Herr lachte. „Da ist er nicht der Erste und nicht der Letzte. Es ist eure Aufgabe, dem ein wenig entgegenzuwirken.“

Entgegenzuwirken. Wie die manchmal reden. Und ich kann nicht fragen, was das heißt, sie wissen ja nicht, dass ich gelauscht habe. Außer Hannes vielleicht, der kann durch geschlossene Türen sehen. Diesmal aber nicht, denn er pfeift in den Hof hinunter. „Auberlin!  He!!!“

Der Meister Hans macht unsere schönsten Messer, die mit den Brasilholz- und Sandelholzgriffen. Linhard sagt, das kommt, weil er seine vier Töchter an die Werkbank setzt; Frauen machen einfach die schöneren Sachen. Na, ich weiß nicht. Als wir reinkamen, sprangen sie alle vier gleichzeitig auf, nahmen Hannes und Linhard bei der Hand und fingen an zu schnattern. Mich beachteten sie gar nicht, ich bekam auch nichts von dem Gewürzwein. Schöne Sachen, pah. Weiberwirtschaft. Wieso hat der Meister Hans keinen Gesellen, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann?

Es wurde dann furchtbar langweilig. Hannes und Lienhard besahen und probierten und drehten und wendeten fertige Messer, Klingen, Hölzer, Griffe, Schalen, Scheiden… lobten hier und schüttelten den Kopf da, wollten den Griff oder die Klinge genau so, nur ein wenig anders, und dann fingen sie an zu rechnen. Kleine Frauenmesser mit Buchsbaumgriffen, zwölf Dutzend für soundsoviel. Vierzehner- und Zwölfermesser, soundsoviel. Dasselbe mit Brasil- oder Zypressenholz, soundsoviel. Wieviel Holz man braucht und welche Klingen, den Leim und die Nieten, wer sie schleift, wer was liefert und bis wann, was bis zur Nördlinger Messe fertig wird und was erst danach und dann immer so weiter. Herr Jesus. Wie lange kann man über Messergriffe reden?

Interessant wurde es erst wieder, als Hannes dann noch die Dolche ausprobierte. Er nahm ein altes Stück Leder und testete den Schnitt, und dann warf er jeden einzelnen Dolch in die Luft und fing ihn wieder auf. Ein Dolch hat zwei Schneiden, das wisst ihr, oder? Einmal falsch zugegriffen, und du kannst dir alle Sehnen an der Hand zerschneiden, für immer. Aber Hannes, der wirbelt ein halbes Dutzend Dolche gleichzeitig durch die Luft. Am Ende warf er sie auf ein Brett, so dass sie mit der Spitze steckenblieben. Sie formten ein schönes großes Nürnberger N.

Meister Hans und seine Mädchen lächelten und nickten –  Messerer sind mit Messerkunststückchen schwer zu beeindrucken. Ihr solltet mal ihren Schwerttanz an der Fasnacht sehen! Aber Hannes ist auch gut. Linhard klopfte ihm auf die Schulter. „Mach das auf der Messe, und ich sage dir, die Dinger gehen weg wie warme Semmeln. Meister Hans? Wieviel verlangt Ihr für…“ Und schon ging es wieder von vorne los.

Ich will das auch können mit den Messern, aber Hannes sagt NEIN. Ich soll zusehen, dass ich etwas Vernünftiges lerne statt Gauklerstückchen. Hannes ist echt gemein. Er kann etwas, ich aber darf es nicht lernen. Wofür hat mein Vater denn das Lehrgeld bezahlt? Doch wohl dafür, dass  ich etwas lern.

Jedenfalls wurden sie handelseinig, und Linhard bestellte ein Fass Dolche, auf die Herbstmesse in Frankfurt. Himmel, das ist fast noch ein ganzes Jahr.

Auf dem Heimweg hatten die zwei dann richtig gute Laune – wegen dem guten Geschäft und trotz dem Geschnatter von Bärbel/Kathra/Els und Klärchen, oder vielleicht wegen dem Wein… Linhard rieb sich die Hände, und Hannes hüpfte und tanzte herum und fuchtelte mit den Armen, als müsste er Mücken abwehren.

Auf der Brücke unterm Weinmarkt blieb Linhard stehen. „Ein letzter Becher bei Alit?“

„Ihr trinkt doch immer einen letzten Becher bei Alit, was gibt es da zu fragen“, sagte ich. Das brachte mir ein Grinsen von Hannes und von Linhard eine Kopfnuss ein. Aua, sagte ich und rieb mir für alle Fälle den Schädel. Linhards Kopfnüsse tun nicht weh, aber ich tu immer so, als ob. Er gab mir dann seine Liste mit den Holzbestellungen und schickte mich heim, mit dem ausdrücklichen Befehl, damit sofort zu Matthis ins Lager zu gehen. „Auf der Stelle, hast du mich gehört?“

Jaja, ich bin ja nicht taub. Auberlin, spring. Aber es ist doch wahr, die mit ihrer Alit. Was die auf dem Weinmarkt rumstehen…