Der Stadtbaumeister

Ich lese mich gerade durch Endres Tuchers Baumeisterbuch.

Uns trennen fünfeinhalb Jahrhunderte, Endres Tucher war Nürnberger Stadtbaumeister von 1460 bis 1471. Er sollte mir fremd sein, ein Alien. Nur kommt mir manches, was er berichtet, seltsam vertraut vor.

Lorenzkirche (links oben), Frauentor (rechts unten) und über dem Frauentor die Marthakirche mit Garten und darüber die Peunt, heute Bauhof.

Endres Tucher notiert im Baumeisterbuch seine Tätigkeiten und Aufgaben, außergewöhnliche und alltägliche. Er war „Leiter des Bauamtes“, würden wir heute sagen. Und sein Arbeitsplatz, der Bauhof – „die Peunt“ – heißt heute noch „Am Bauhof“ und beherbergt städtische Ämter.

Zuständig war er für die städtischen Bauarbeiter (ja, die gab’s!) und für die städtischen Gebäude, darüber hinaus für Straßen und Straßenreinigung, für den Winterdienst (gab’s auch, zumindest wurde der Schnee von den Mauern weggeschaufelt), für die Türme, Gräben  und Mauern, für den Fischbach, der damals durch die Lorenzer Stadthälfte floss, für Brunnen und Wasserleitungen (!), für Löschgerät und Feuerspritzen (!), für den städtischen Fuhrpark („von der stat pfert“ heißt ein Kapitel im Baumeisterbuch, und „pfert“ ist hier natürlich Plural), für die Steinbrüche und die Abfallbeseitigung. Ähem. Man sieht schon, der Mann hatte zu tun.

Was der Mann auch hatte, war Ärger. Obwohl er immer sachlich und detailliert berichtet und sich kaum jemals einen persönlichen Kommentar erlaubt, scheint doch zwischen den Zeilen durch, womit er Tag für Tag zu kämpfen hatte:

  • zu allererst mit sturen, rücksichtslosen Zeitgenossen, denen alle Vorschriften grad egal waren. Dabei waren die Regeln doch zum Nutzen aller erlassen!
  • Sodann mit Amtskollegen von geradezu preußischer Pendanterie, ohne Sinn für Verhältnismäßigkeit;
  • Und zum Schluss mit Vorgesetzen („meine Herren vom Rat“ nämlich), die sich in ihrer Ratsstube undurchführbare Verordnungen ausdachten und dann zum Stadtbaumeister sagten: „Setz das um.“

Kommt euch das irgendwie bekannt vor?

Lassen wir doch Endres Tucher selber zu Wort kommen. Nach altem Brauch schickten die Steinbrucharbeiter dem Baumeister zu bestimmten Anlässen „ein püschel eichen laubs in sein Haus“, nämlich dann, wenn die Steine“geeicht“, also  gewogen und gemessen wurden (die Quader waren selbstverständlich genormt, kein Mensch kann vernünftig bauen, wenn die Steine nicht ein einheitliches Maß haben.). Dann wurde aber das Schlagen von frischem Grün verboten; Holz war der wichtigste Rohstoff der Zeit und es gab das „Waldamt“, das über diese Ressource wachte. Zu Pfingsten aber schickten die Steinbrecher dem Baumeister

ein püschel eichen laubs nach altem herkommen. altzo kommen des Lienhart Grolantz, die zeit amptmann des walds Sebaldi (=des Sebalder Reichswaldes), forstknecht an die steinwegen (Waagen) und pfendten ein (=überbrachten einen Zahlungsbefehl) von des eichen laubs wegen, und der amptmann wollt nit minder denn zweintzig pfunt alt haben, wollt auch solichs alts herkommen und die ungevehrlichkeit der ding fur kein entschuldigung haben, wie woll ich ihm sagt, das ichs von meinem gelt nit geben wolt, sunder wo er des ie nit geratten wolt (falls er partout nicht darauf verzichten würde), so nem ich das gelt auß der losungstuben (der Ratsstube, hier konkret: Stadtkasse), und gebe ihms und ließ ins wider hinauftragen (nämlich auf die Losungerstube), und half alles nit.

Die Geschichte zog sich dann ein paar Wochen hin, ohne dass Groland nachgab.

also sant ich im am suntag vor sant Margareten (das ist ca. 5 Wochen später) zweintzig pfunt alt, des behielt er dreissig pfenning und sendet mir das ander wider. also schicken mir die steinprecher noch eichens laub, und zu zeitten pirckens, linthens und anders, also das sie doch die alten gewonheit noch halten.

Bürokraten gab es also schon damals. Dreckfinken auch. Der Baumeister soll

den zollnern unter den thorn (=Toren) bestellen (befehlen), das sie niemant keinen mist lassen strewen in die vorwerck, wann man slecht den auf auf hauffen (macht Misthaufen) und lest dann dieselben hauffen lang oft ligen, und die hauffen irren dann am riett auß und ein zu füren (stören beim Herein- und Hinausreiten). auch lest man zu zeitten pei nacht leut auß und ein, die über solich hauffen fallen; darzu ist es ein unlust, wo die vorwercke nit sauber gehalten werden. wo aber iemant einstrewet mit gewalt , als man vill dretziger leut vindet, so soll der paumeister den spital lassen den mist hinfuren, oder aber den in den statgraben werfen, und den domit zu tüngen; das kompt den fündelkindern zu nutz (das Heilig-Geist-Spital durfte den Mist auf den Straßen und das Waisenhaus – „die Findel“ – den Stadtgraben als Weide nutzen).

Noch eins? In dem Örtchen Leinburg bei Nürnberg sollte ein öffentlicher Weg angeblich auf Kosten der Stadt unterhalten werden, weil der von den „Zulieferern“ des Baumeisters benutzt wurde, von Steinbrechern und Kalkbrennern. Tucher fahndete nach den Unterlagen.

„derselb brief dann in der losung stuben (=der Ratsstube) sein soll, wurde mir gesagt. ich hab darnach suchen lassen, aber die losunger (=die Bürgermeister) haben noch bißher des nit vinden kunnen und sagen, nachdem sie noch vill brief haben, die nit registriret sein, darunter derselb brief sein mocht, wissen sie des etzund nit zu vinden etc.“

Könnte von mir sein ;(

Das Wappen der Patrizierfamilie Tucher

Zum Schluss noch ein paar Worte zu Endres Tuchers Leben, und da habe ich dann doch den Eindruck, dass sich Gräben auftun zwischen uns, und ich würde Endres Tucher gerne ein paar Dinge fragen. Endres Tucher stammt aus einer der ganz großen, reichen Nürnberger Patrizierfamilien, er wird eine Ausbildung als Kaufmann erhalten haben (vermutlich im „Ausland“, in Lyon oder Venedig vielleicht), wurde mit Dreißig Genannter des Inneren Rates, also des einzigen Gremiums, das in der Stadt etwas zu sagen hatte, Stadtbaumeister mit Ende Dreißig, insgesamt war er 22 Jahre Ratsmitglied; ein umtriebiger, tätiger Mann.

Mit 52 Jahren löst er im Einvernehmen mit seiner Frau seine (kinderlose) Ehe auf, übergibt seinen Anteil an den „väterlichen Gütern“ an seine Brüder und geht ins Kloster. 1507 stirbt er, hochbetagt, im Nürnberger Kartäuserkloster – dort, wo heute das Germanische Nationalmuseum steht.

Nun waren die Menschen dieser Zeit mitunter religiös mit einer Ernsthaftigkeit, die wir uns kaum mehr vorstellen können. Außerdem wird Endres Tucher als Conversbruder, also als Laienmönch, nicht den ganzen Tag nur gebetet und meditiert haben; auch ein Kloster braucht eine funktionierende Verwaltung, und Brüdermönche waren zum Arbeiten da, auch bei den Kartäusern. Die Stadtkartausen des 15. Jahrhunderts waren darüber hinaus oft Zentren des Humanismus, also der intellektuellen Strömung der beginnenden neuen Zeit, der Renaisscance. Aber Kartäuser?

Schweigen?

Und hiermit lasse ich Endres Tucher wieder zurückschlüpfen in sein Jahrhundert. Wenn ihr mal zufällig im Germanischen seid, sperrt die Ohren auf. Es gibt dort ja ein paar dieser kleinen Zellenhäuschen, in denen die Kartäusermönche gewohnt haben (nachgebaute, glaube ich). Ob Endres als Brudermönch wirklich so ein Häuschen für sich hatte, weiß ich nicht, aber möglich ist es, schließlich war er nicht irgendwer, sondern immerhin ein Tucher, ein enger Verwandter jenes Anton Tucher, der wenige Jahrzehnte später den Engelsgruß in der Lorenzkirche stiftete. Also aufgepasst – wenn ihr ein mahnendes Räuspern hört,  vielleicht ist er es ja, unser Freund Endres Tucher.