Cowboys aus Ungarn – Ochsenhandel im Mittelalter

Ich habe immer geglaubt, Cowboys und Cattle Trails seien originär amerikanische Erfindungen, so wie der Kaugummi, das Space Shuttle, das Fließband und Google. Weit gefehlt.

Der Ochse auf der Fleischbrücke ist ein ungarisches Graurind. Er hat leider seine schönen großen Hörner eingebüßt.

Fünfhundert Jahre, bevor Rowdy Yates (alias Clint Eastwood) Texas Longhorns durch den Wilden Westen trieb, gab es in Europa einen regen transkontinentalen Viehhandel, bei dem Jahr für Jahr Hundertausende von Tieren aus Polen, Ungarn und dem heutigen Rumänien in die Stadtlandschaften in Oberitalien und Süddeutschland getrieben wurden. Im Nordwesten waren es dänische Rinder, die die Fleischversorgung der Gewerbezentren  am Rhein, in Brabant und Flandern (also heute Belgien/Niederlande) sicherstellten.

Damals wie im 19. Jahrhundert war es der Fleischhunger der rasch wachsenden Handels- und Gewerbezentren, der den Viehhandel antrieb. Venedig hatte um 1500 schon über 100.000 Einwohner, Nürnberg 40.000, Köln mindestens 45.000. Das direkte Umland allein konnte all diese vielen fleißigen Handwerker(innen), Händler(innen) und Gewerbetreibenden nicht mehr ernähren.

Ungarische Graurinder, eine Rückzüchtung. So oder so ähnlich haben die Tiere im 15. Jahrhundert ausgesehen.

Also wanderten Jahr für Jahr zahllose Herden von 200-600 Ochsen aus dem ungarischen Tiefland in Richtung Süddeutschland. Drei bis vier Monate waren sie unterwegs, sie legten bis zu tausend Kilometer zurück und wurden selbstverständlich von Cowboys begleitet, in diesem Fall von ungarischen Heiducken und ihren „Ochsenkapitänen“, immer ein Kapitän und 5-6 Treiber auf 100 Ochsen. Sie starteten meist am Donauknie, trekkten vorbei an Bratislava (damals Preßburg), Wien und St. Pölten, schwammen(!) bei Schärding über den Inn, zogen weiter nach Regensburg, wo sie durch die engen Altstadtgassen und über die Steinerne Brücke getrieben wurden, um aufs nördliche Donauufer zu gelangen, und kamen dann schließlich auf der Wöhrder Wiese vor den Toren Nürnbergs an.

Man muss sich einmal die Logistik eines solchen Ochsentriebes durch und über zahllose Herrschaftsgebiete, Zollstellen, Flüsse, Brücken und Städte vorstellen. Ochsen brauchen unterwegs Routen, Rastplätze, Futter und Wasser; ihre Treiber ebenso. Das Ganze musste geplant, organisiert und vorfinanziert werden. Meist machten das Großhändler, die im Gegenzug gegen die ungarischen Ochsen Handwerks- und Gewerbeprodukte aus den damaligen Produktionszentren nach Ungarn lieferten, v.a. das berühmte Aachener und Kölner Tuch, Metallwaren, Werkzeug und Waffen.

Die ganze Sache scheint wie am Schnürchen geklappt zu haben. Wir haben einen konkreten Bericht, inkl. Abrechnungen, aus dem Jahr 1422. Konrad von Weinsberg, der „Reichserbkämmerer“ (heute würde man sagen: Finanzminister) der deutschen Könige/Kaiser, erstand im Frühjahr 1422 am Donauknie in der Nähe von Gran für 1006 ungarische Gulden exakt 284 schöne, fette, ungarische Ochsen. Das Geld dafür hatte er sich rechts und links zusammengeliehen, nur ganze 6 Gulden stammten aus seiner eigenen Tasche (den Rest steuerten Nürnberger Großkaufleute und sein eigener Schwager bei). Und nun kommt’s:

Von Weinsbergs 284 Ochsen wurden 17 unterwegs verkauft, teils verbilligt, waren also der weiteren „Ochsentour“ vielleicht nicht mehr gewachsen. Zwei mussten nach der Innquerung bei Schärding notgeschlachtet werden. 25 Ochsen erreichten Nürnberg und verließen als Suppenfleisch, Schuhleder, Löffel, Wursthäute und Armbrustsehnen, Knochenmehl, Filzstiefel, Unschlittkerzen und Laternenscheiben die Nürnberger Fleischbänke bzw. Werkstätten. Nur ein einziger Ochse ging unterwegs verloren (im Spessart, wieder bei einer Flussquerung, diesmal ging es über den Main).

Und 239 Ochsen erreichten wohlbehalten ihre Ziele in Aschaffenburg, Bingen und Mainz.

John Wayne würde vor Neid erblassen.

Licht und Schatten

Nacht und Tag.

Daran muss ich immer denken, wenn ich die beiden Paumer-Brüder zusammen über den Markt gehen sehe. Linhard ist lang und dünn – „wie eine Bohnenstange, die der Bauer auf dem Feld vergessen hat“, sagt Hannes und tanzt zur Seite, um Linhards Ellbogen auszuweichen. So geht das die ganze Zeit mit den zweien. Wie die Schulbuben.

Aber Hannes hat nicht ganz recht, Linhard ist viel kräftiger als er aussieht. Ich habe einmal gesehen, wie er einen Ochsen zu Boden warf. Er packte mit jeder Hand ein Horn und zwang ihn mit einem Ruck am Kopf nieder. Das geht, wenn man weiß, wo man hinfassen muss und wenn man keine Angst hat. Niemand hätte ihm das zugetraut, nicht dem Kaufmannssohn mit seinen teuren Kleidern und diesen feinen Händen. Hinterher tat er so, als wäre nichts dabeigewesen.

Hannes ist einen Kopf kleiner und hat die Schultern und die Arme eines  Steinmetzen. Im Gegensatz zu Linhard sieht er genau so aus, wie du dir einen Ochsenbändiger vorstellst. Und es gefällt mir, wie seine Hände fliegen, wenn er redet. Man sieht, dass er lange bei den Welschen gelebt hat, die machen das auch. Du denkst immer, ein Krieg bricht aus, dabei reden sie übers Abendessen.

Hannes mit Linhard zusammen ist ein Feuerwerk. Hannes ohne Linhard ist ein Zuschauer. Sieht alles und sagt nichts. Ich frage mich oft, was er dann denkt. Einmal habe ich ihn selbst gefragt, aber er hat einen Scherz gemacht. Dass das Denken nicht seine Art wäre.

Die Leute schauen Hannes immer zweimal an, weil sie diese leuchtend blauen Augen unter dem dunklen Schopf nicht glauben können. Und die jungen Frauen schauen ihm dann hinterher. Also die eine Hälfte von ihnen, die andere Hälfte dreht sich nach Linhard um. So ist das mit den Paumer-Brüdern.

Ich brauche mich nach keinem von beiden umzudrehen. Die Paumer sind wohlhabende Kaufleute, nicht reich vielleicht nach Nürnberger Maßstäben, aber doch eine alte, angesehene Familie. Ich bin eine  Weinhändlerin. Die Schwester des Weinhändlers, wie die hier in Nürnberg sagen.

Aber ich freue mich trotzdem immer, wenn sie an meinen Stand kommen und ein paar Worte wechseln. Und gute Kunden sind sie ja außerdem auch.

Ochsen aus Ungarn

Die Stadt schimmert blau, und die Luft ist erfüllt vom Brüllen der Ochsen.

Es sind schöne, kraftvolle Tiere, mit sanften Augen und Hörnern so lang wie meine ausgespannten Arme. Sie kommen aus Ungarn, lagern mit ihren Ochsenknechten draußen auf der Wöhrder Wiese. Jeden Tag treiben die ein paar von den Ochsen durch die Stadt, den Fleischbänken zu.

Der Ochse ist das nützlichste Tier, das ich kenne. Ich glaube, an dem ganzen großen Berg von Tier gibt es nichts, was man nicht verwerten kann. Aus den Knochen macht man Leim, aus den Haaren Filzstiefel, Pinsel aus den Ohrenhaaren, aus dem Fett Talglichter, aus den Därmen Wursthäute und Armbrustsehnen, aus dem Darminhalt Dünger… und aus den Häuten Leder. “Zäh wie Ochsenleder”, das trifft es ganz genau. Ochsenleder ist unglaublich fest, es reißt einfach nie. Und das Horn kann man auf hundert Arten schnitzen, sägen, schneiden, spalten, glätten und in völlig neue Formen bringen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was die Horndrechsler für hübsche Dinge herstellen. Aus Horn kann man Kämme machen, Löffel, Knöpfe, Messergriffe, Ahlen, Spielsteine, Laternenscheiben und sogar Bögen. Von einem Ochsen wird überhaupt nichts weggeworfen, nicht mal das – äh – Geschlechtsteil. Wusstet ihr, was “Ochsenziemer” sind, diese harten Stöcke, die die Fuhrleute so gerne verwenden und immer vor den Hunden in Sicherheit bringen müssen? Nun, jetzt wisst ihr es.

Die lagern also draußen auf der Wöhrder Wiese. Drei Monate waren sie unterwegs, sie kommen aus dem Alföldi, aus der ungarischen Tiefebene, und sind der Donau gefolgt, an Preßburg vorbei, das ihr jetzt Bratislava nennt, nach Wien, bei Schärding sind sie durch den Inn geschwommen, dann wieder die Donau entlang bis zur Steinernen Brücke in Regensburg… bis hierher zu uns, in unsere Werkstätten und Kochtöpfe. Bis zu mir, denn ich gehe heute abend zur Fleischbrücke und kaufe mir ein schönes fettes Stück Ochsenfleisch für meine Suppe.

Man sollte diesen wunderbaren Tieren ein Denkmal setzen, das wäre vernünftiger als das hunderttausendste Heiligenbildchen hinten in den Kirchenwinkeln, oder das millionste Ablasszettelchen.

Oh je.

Ich habe das nicht gesagt, und ihr habt es nicht gehört, einverstanden? Aber wahr ist es doch, denn der Ochse ist Arm und Reich gleichermaßen nützlich und ich weiß nicht, was wir ohne ihn täten. Gut, vielleicht nützt er den Reichen ein wenig mehr als den Armen. Aber nennt ihr mir irgendetwas, was den Reichen nicht mehr nützt als den Armen, Reliquien, Ablässe und Heilige eingeschlossen.

Das Blau kommt von den Hosen der Ochsenknechte. Diese Farbe gibt es bei uns eigentlich nicht, nur manchmal auf den Bildern der Madonna oder im Juni, wenn die Kornblumen blühen. Gutes, blaues Tuch. Tut mir leid, ich bin Kölnerin und sehe das sofort, ich kann gar nicht anders. Und wahrscheinlich ist es sowieso Kölner oder Aachener Tuch, denn das liefern unsere Kaufleute im Gegenzug gegen die Ochsen ins Ungarland. Es kleidet, das muss ich jetzt mal sagen, die ungarischen Ochsentreiber ausgesprochen gut. Wenn sie sich umwenden oder herumspringen, fliegen ihre Hosen und sie sehen aus wie blaue Kreisel.

Sie gehen mit weiten, wiegenden Schritten, und ich denke Dinge, die ich wahrscheinlich beichten sollte. Man sagt, dass sie keine Häuser haben, sondern ihren Herden über die Steppe folgen, dass sie nicht lesen können, und dass sie eher reiten lernen als laufen. Kann schon sein. Sprechen kann man mit ihnen nicht, niemand von uns versteht ihre Sprache.

Fremd sehen sie aus. Ich bin schon froh, dass sie ganz sicher keine Waffen tragen – die Stadtknechte hätten sie sonst niemals durch die Tore gelassen. Jeder einzelne von ihnen weiß mit Messer, Speer und Peitsche umzugehen, irgendwie sieht man das. Eine Herde halbwilder Ochsen monatelang durch fremde Länder zu treiben, dafür braucht es schon ganz besondere Kerle.

Ein halbes Dutzend von ihnen steht seit einer Stunde auf dem Markt, und ich weiß genau, was sie tun, obwohl es so aussieht, als würden sie sich nur die Langeweile vertreiben. Sie spielen ein Spiel, bei dem sie kleine Münzen in die Luft werfen und dann offenbar blitzschnell darauf wetten, wie sie fallen, es gibt jedenfalls viel Gelächter. Aber das ist nur Schau. Sie beobachten das Marktgeschehen. Ich mache das auch, wenn ich in einer fremden Stadt bin und die Händler nicht kenne. Wenn man die Augen aufmacht, kriegt man viel heraus – wer freundlich ist, wer Stamm- und wer Laufkundschaft hat, wo gelacht wird, wie das Geschäft läuft. Man erkennt den Händler an seinen Kunden, immer. Wenn ich wo fremd bin, schaue ich eben genau hin und es passiert mir sehr, sehr selten, dass ich übers Ohr gehauen werde.

Die Ochsenknechte wollen also Wein kaufen, wen wundert’s, Ochsen treiben ist eine heiße, staubige Arbeit und ihr Vorrat ist wahrscheinlich längst aufgebraucht. Da, jetzt haben sie offenbar genug gesehen und eine Entscheidung getroffen. Sie stecken ihre Spielmünzen weg und kommen als blauer Fleck über den Markt, schauen nicht rechts und nichts links und steuern schnurstracks auf unsere Ecke zu. Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Der Stand, vor dem sie sich aufbauen, ist meiner.