Bei Meister Wolgemut

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Beide Torflügel zu Meister Wolgemuts Werkstatt stehen offen, und drinnen in der Eingangshalle ist es dämmrig und kühl, so fühlt es sich zumindest an nach der Hitze auf den Gassen. Es riecht nach Harz; Bretter und Tafeln stapeln sich bis unter das Gewölbe. Am Eingang hockt ein Lehrjunge auf einem Schemel und kämpft mit einem gelblichen Erdbrocken. Der Mörser ist ein bisschen groß für den Klumpen, er rutscht ihm immer wieder zur Seite.

„Ja?“

Kein Gruß, kein Lächeln, nur dieses eine ungeduldige Wort. Es ist einer der jungen Gesellen, der zu uns herkommt, oder vielleicht ein älterer Lehrling. Ein Bursche in meinem Alter.

wolgemuts malergeselle

Michael Wolgemuts unwirscher Geselle

Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, als ich nach Meister Wolgemut frage.

„Der Meister hat keine Zeit. Und ich auch nicht. Also, was wollt Ihr? Und Sebald, verdammt, nimm einen kleineren Mörser. Und brauch nicht den ganzen Tag für das bisschen Farbpulver.“

Er schnipst dem Lehrling mit dem Finger gegen das Ohr; der packt seinen Mörser und verschwindet aus der Reichweite des Gesellen.
„Ihr wollt was?????“, fragt er, als ich ihm erklärt habe, was ich brauche. „Ein Schild für einen Verkaufsstand? Wisst Ihr, wo Ihr hier seid?“

Er ist wirklich noch sehr jung, am Kinn hat er mehr Flaum als Bart, gerade mal die Andeutung eines Schattens auf der Oberlippe. Steht aber da, als würde die Werkstatt ihm gehören.

„Wir brauchen das Schild wirklich sehr dringend“, sagt Anna. „Wir zahlen gut.“

Er schaut Anna an wie etwas, das die Katze ins Haus geschleppt hat und das schon ein bisschen komisch riecht. Er würdigt sie keiner Antwort.

„Machen wir nicht“, sagt er zu mir. „Guten Tag.“

So ein Lackaffe. Er hat sich schon abgewendet, wenn ich jetzt noch etwas sagen möchte, muss ich zu seinem Rücken sprechen.

Und habt ihr seine Haare gesehen? Das sind keine natürlichen Locken, die hat er sich mit viel Aufwand und Mühe reingedreht ;(

Affe.

Das Geld ist nicht weg, das hat jetzt nur ein anderer

Hannes hat euch ja erzählt, wie ihm dieser Nürnberger Maler zu einem sehr ordentlichen Wettgewinn verholfen hat. Ich erzähle euch jetzt, wie er seinen Wettgewinn wieder losgeworden ist – und zwei Goldgulden noch dazu. In Ordnung?

Am Tag nach der Wette im »Mönch« sind Hannes und ich rübergegangen in die Werkstatt von Meister Wolgemut, wo unser Kreis-Maler an der Staffelei stand und gerade den Lehrjungen anbellte, weil ein winziges Strichlein  zu dick oder zu dünn oder zu krakelig oder zu fest ausgefallen war – irgendetwas in der Art. Er warf er seinen Pinsel auf die Arbeitsplatte, als wir reinkamen.

„Ja?“

Ganz so, als gäbe es in der ganzen Stadt nichts wichtigeres als ihn und seine Arbeit. Manchmal denke ich, der Bursche ist nicht ganz richtig im Kopf.

Hannes grinste. „Ich schulde dir sechs Gulden. Meinen halben Wettgewinn.“

Man hätte ja nun meinen können, sechs Gulden hätten auf den Kerl Eindruck gemacht. Aber nichts da. Er nahm seinen Pinsel wieder zur Hand und maß mit ausgestrecktem Arm irgendwelche Abstände an dem Bild, das er gerade in Arbeit hatte. Offenbar passte etwas nicht, denn er schaute ärgerlicher und ärgerlicher drein.

„Du schuldest mir nichts. Und du störst mich bei der Arbeit.“

Hannes nahm die sechs Gulden aus dem Beutel, schüttelte sie in der Hand – wisst ihr überhaupt, wie Goldgulden klingen?  –  und warf sie in die Luft. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung fing er alle sechs wieder auf. Er macht das öfter, und ich habe noch nie gesehen, dass ihm einer runtergefallen wäre.

Das weckte die Aufmerksamkeit unseres Malergesellen. Er sah Hannes an und nickte.

„Ich erinnere mich an dich. Du bist der Junge, der so gut zielen konnte.“

Hannes lächelte seine Schuhspitzen an. „Nicht so gut, wie du zeichnen konntest.“

„Das stimmt.“

Irgendetwas ist mit diesem Burschen. Seine Grobheit wäre ja noch zu ertragen, ungehobelt sind viele, aber dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein ist nicht normal. Hannes, der mit Großmäulern sonst ganz schnell fertig ist, begegnet diesem Kerl mit schier endloser Geduld.

Ich will die Geschichte abkürzen. Jedenfalls, zehn Minuten später hatte Hannes ein Bild unterm Arm – ein Bild von einem Hasen. Von einen Hasen. Ich habe nichts gegen Hasen, aber ich sehe auch nicht, wofür sie gut sein sollen, außer dazu, sie an den Bratspieß zu stecken. Und für ein Bild von so einem Hasen legt mein Brüderchen seinen gesamten Wettgewinn auf den Tisch. Ich habe mir schon lange geschworen, den Mund zu halten, wenn Hannes Geschäfte abschließt – aber diesmal musste ich an mich halten.

„Ich bekomm dann noch zwei Gulden.“

Hannes zögerte. „Zwölf Gulden für das Bild, hast du gesagt. Wofür jetzt nochmal zwei?“

„Für die Leinwand und die Farben.“

Hannes seufzte (das hat er Onkel Endres abgeguckt, und ich bin mir ziemlich sicher, er tut das nur, wenn ich dabei bin) –  aber er griff in seinen Beutel und holte die zwei Gulden hervor. Ich fand es an der Zeit, mich einzumischen.

„Es ist nur ein Bild von einem Hasen. Findest du nicht, dass du deine Hasen ein wenig teuer verkaufst?“

Der Maler sah mich an, als bräuchte ich Rechenunterricht.

„Das ist ein Hase von mir.“

„Ja, aber das weiß ja keiner.“ Hannes ist, auch wenn er  zwischendrin aufhört zu denken, doch ein Paumer – soll heißen, Geschäftsmann, und er weiß sehr wohl, wie man handelt.  Ich konnte der Logik des Gesprächs nicht ganz folgen, war aber froh, dass Hannes begann, dem Hasenmaler und seinen Forderungen  Widerstand zu leisten. Der Maler aber packte seinen Pinsel  und setzte mit zwei, drei schnellen Strichen sein Monogramm in die Bildecke.

„So, da. Zufrieden? Und jetzt geht bitte, ich muss jetzt wirklich weiterarbeiten.“