Ein Nürnberger Malergeselle malt einen Kreis

Linhard versucht ja immer, mich in die Herrentrinkstube mitzunehmen, aber meistens kommt es anders, und wir landen im »Mönch«.

In der Herrentrinkstube sitzen die Nürnberger Patrizier, die ehrbaren Kaufleute (wie die Paumer ;)) und ihre nicht minder ehrbaren Gäste. Im »Fröhlichen Mönchlein« sitzen alle.

Die Schänke liegt direkt am Wöhrder Türlein, und jeder, der von dieser Seite in die Stadt hereinkommt, fällt sozusagen direkt in den »Mönch« hinein. Die Wege nach Nürnberg sind staubig und lang, über die Türhüter am Wöhrder Türlein habe ich so meine eigenen Gedanken und der Wirt im »Mönchlein« bedient jeden, der zahlen kann. Seid ihr im Bild?

Heute saß dort ein fremder Kaufmann.

Er hockte allein am Tisch, hatte rechts und links alles beiseite geschoben und bemühte sich, mit einem Zirkel, der dafür nicht lang genug war, einen Kreis auf ein Blatt Papier zu bringen. Er rutschte immer wieder ab, oder das Blatt rutschte ihm weg, oder Zirkel und Stift verhedderten sich in den Ärmelöffnungen seiner Schaube, und er fluchte wie ein Fuhrknecht.

„Ich kann den Kreis für dich zeichnen,“ schlug ein Bursche vom Nebentisch vor.

Nürnberger Malergeselle

Der Nürnberger Malergeselle

Wo habe ich den das letzte Mal gesehen? Ich kenne ihn, da bin ich mir sicher. Ein langer Lulatsch von Kerl, in einem Aufzug, der den eitelsten Venzianer vor Neid erblassen ließe. Flaum am Kinn, aber Locken bis auf die Schultern, das Hemd in tausend Falten gerafft und eine Mütze mit einer Quaddel obendrauf – wie eine Spinne, die zu viele Beine hat und jetzt nicht weiß, wohin damit. Es ist wirklich lange her, dass ich so einen Geck gesehen habe.

Der Kaufmann musste wohl ähnlich denken, denn er winkte ab.

„Ich brauch hier einen ganz exakten Kreis. Euere Nürnberger Zirkel sind ein Gelump. Bei uns in Augsburg -“

Der Bursche lachte. „Ich brauch keinen Zirkel für einen Kreis. Gib mir den Stift.“

Jetzt wurden die Leute aufmerksam. Es ist etwas in der Stimme von diesem Burschen, eine Selbstsicherheit,  bei der sich einem die Nackenhaare aufstellen. Man kriegt Lust, ihm eine aufs Maul geben. Und da erinnerte ich mich.

Wir waren eine ganze Horde Buben, wir suchten ein Ziel für unsere Steinschleudern. Einer von den Großen brachte ein Stück Holzkohle und ein altes Brett und hatte die Idee, einen Hasen zu zeichnen. Und da kam dieser kleine Kerl und schubste ihn weg.

Der Große knuffte, der Kleine knuffte zurück und blieb Sieger. Er schnappte sich die Kohle, das Brett – und mir fiel die Kinnlade herunter. Da saß er, der Hase, die Ohren aufgestellt, Hinterbeine zum Sprung bereit, und ließ uns Jäger nicht aus den Augen. Ich war fünf damals, vielleicht sechs, und ich wagte nicht, meine Schleuder zu heben, weil ich dachte, der Hase würde bei der kleinsten Bewegung wegspringen.

Der Bub, der ihn gezeichnet hatte, war kaum älter als ich.

Das ist er also, unser Hasenmaler. Zu lange Haare und dieses selbstsichere Gehabe hatte er damals schon.

„Einen Kreis freihändig, das kannst du nicht. Das kann keiner“, sagte jemand. Der Bursche schüttelte ungeduldig den Kopf. Er streckte die Hand aus, nach dem Stift.

Ich warf ein Goldstück auf den Tisch. „Einen Gulden, dass er es kann.“

Das weckte sie auf, die Kundschaft im »Mönch«. Gespielt wird hier immer – der Wirt hat eine zuverlässige Absprache mit den Stadtknechten, denke ich – aber ein Gulden ist viel Geld.  Aber auch sicheres Geld, denn wer malt schon freihändig einen Kreis? Also wurde in Beuteln gekramt, gerechnet und gezählt, disputiert und zusammengelegt. Die Gulden klingelten auf dem Tisch, fünf, zehn, ein Dutzend. Linhard sog hörbar die Luft ein.

„Wenn ihr dann mal fertig seid“, sagte der Geck. Er packte den Stift und schwang seinen Arm, fast ohne hinzusehen.

Stille. Gemurmel.

„Das gibt es doch nicht“, sagte einer.

„Her mit dem Zirkel. Nachmessen“, rief ein zweiter. Aber das war lächerlich, und alle wussten es. Der Kreis war makellos, schöner, als jeder von uns es mit dem Zirkel gekonnt hätte. Ich sah zu, wie der Schlaumeier sich mit dem Zirkel abmühte, und strich meinen Wettgewinn ein.

Linhard fing meinen Blick ein und machte eine Kopfbewegung zur Tür. Recht hat er. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein schlechter Verlierer im »Mönch« das Messer zieht. Ich schnappte mir meine Laterne und folgte ihm unauffällig nach draußen.

Wie heißt der Hasenmaler nochmal? Ich sollte ja wohl meinen Wettgewinn mit ihm teilen. Er ist ein Sohn von dem Goldschmied in der Burgstraße, von dem Ungarn, jetzt erinnere ich mich.

Nur der Name, der will mir nicht einfallen.