Niklas Muffel: Der Bürgermeister am Galgen

Am Mittag des 15. Februar 1469 wird Niklas Muffel, Nürnbergs – heute würden wir sagen »Oberbürgermeister« –  in der Ratsstube verhaftet. Er wird ins Lochgefängnis gesteckt, gefoltert und zwei Wochen später als Dieb und Verräter hingerichtet. Was war geschehen?

Um es gleich zu sagen, die historische „Wahrheit“ ist in dieser Geschichte ein scheues Reh. In den Chroniken fehlen Blätter, Zeugenaussagen wurden erst Monate nach dem Prozess schriftlich fixiert und die zeitgenössischen Gewährsleute munkeln und raunen vor sich hin, ohne wirklich mit der Sprache herauszurücken.“Got weiß ez!“, schreibt der Chronist Heinrich Deichsler,  „und thet im gewalt und unrecht“ Christoph Scheurl, der Dürer-Freund und Ratskonsulent – allerdings nur in seinem privaten Aufzeichnungen und fast fünfzig Jahre nach den Ereignissen. Ganz genau weiß es nur der Dichter des volkstümlichen „Muffelliedes“, der sich hinter dem Namen „Heinz Überzwerch“ versteckt: Niklas III. Muffel sei einem Komplott seiner Neider zum Opfer gefallen, der Nürnberger Rat habe einen Justizmord verübt. Fangen wir mal anders an:

Wer war Niklas Muffel?

Der Karrierediplomat
Der Reliquiensammler
Der Choleriker
Der Taschenspieler
Der Bürgermeister am Galgen

Der Karrierediplomat
Niklas Muffel stammte aus einem alteingesessenen Nürnberger Patriziergeschlecht, schon mit Anfang Zwanzig wurde er in den Rat gewählt und machte eine steile Karriere im diplomatischen Dienst der Stadt (und Nürnberg war damals reichsunmittelbar, hatte also landesherrliche Befugnisse. Die Stadt war mächtiger, ganz sicher aber finanzkräftiger als so mancher Adlige). Muffel vertrat Nürnberg beim Schwäbischen Städtebund, verhandelte mit Herzog Ludwig von Bayern, mit König (später Kaiser) Friedrich III., mit dem Papst, mit Nürnbergs Nachbarn und Erzfeind, dem Markgrafen von Ansbach – und er brachte 1452 die Reichsinsignien, die ja in Nürnberg aufbewahrt wurden, zur Kaiserkrönung Friedrichs nach Rom. 1457 wurde er ins Losungeramt berufen (Losung heißt „Steuern“, aber die beiden Losunger waren die ranghöchsten Politiker überhaupt). Muffel hatte das Stadtsiegel in Verwahrung, er hatte die Schlüssel zu den Stadttoren und zu den Reichskleinodien, er war

„der aller öberst in der ganzen stat“,

wie die Jahrbücher sagen.

Der Reliquiensammler
Im Dezember 1468, als er vielleicht schon spürte (wenn auch vermutlich nicht im Wortsinn), wie sich die Schlinge um seinen Hals zusammenzog, schrieb Niklas Muffel seine Familiengeschichte nieder. Darin erzählt er, wie die Familie Muffel zu ihrer ersten Reliquie kam: König Wenzel, zu Gast im Hause Niklas I. Muffel, bat dessen Frau Barbara, ihm die Haare zu waschen. Zum Dank erbat sich die fromme Großmutter (die unseren Niklas, Niklas Muffel III., später großzog) ein Teilchen des Spans vom Kreuz Christi, den der König um den Hals trug. Dem König war das gar nicht recht, er wollte von der wertvollen Reliquie nichts abgeben. Aber der Span teilte sich ganz ohne fremdes Zutun in zwei gleich große Hälften. Genau so steht es in Muffels „Gedechtnüssen“.

Über Muffels Romreisebericht von 1452 habe ich ja schon geschrieben – und darüber, wie ratlos mich diese endlose Aufzählung von Heiligenlegenden, Reliquien und Ablässen macht. Es hilft mir wenig, wenn die Literatur immer wieder darauf hinweist, Muffels Religiosität sei eben „zeittypisch“ gewesen. Die Kritik der Reformation am Ablasshandel ist ja nicht aus dem Nichts entstanden; Hus ist zu diesem Zeitpunkt schon über 35 Jahre tot (π ist gleich DreiKommaHusVerbrannt, wir erinnern uns). Halten wir einfach fest: Muffel war tief religiös, Fegefeuer, Ablässe und Wunder eingeschlossen. Sein erklärtes Ziel war es, für jeden Tag des Jahres irgendein Heiligenknöchelchen zu erwerben, um täglich in den Genuss von 800 Jahren Ablass zu kommen (die Berechnung der akkumulierten Ablässe entzieht sich mir, ist aber auch ohne Belang. Wichtig ist nur, dass es Muffel selbst mit diesen Dingen sehr, sehr ernst war).

Er hat die 365 dann nicht mehr geschafft. Bei seinem Tod besaß er „nur“ 308 Reliquien.

Der Choleriker
Muffel geriet immer wieder mit einzelnen Ratsmitgliedern und auch mit dem gesamten Rat aufs Heftigste aneinander. Bei einem Vorfall im Jahr 1460, also fast neun Jahre vor dem Ende, verweigerte Muffel einen diplomatischen Auftrag mit den Worten, er würde lieber ins Lochgefängnis oder auf einen Strafturm gehen, sich zum Stadtbüttel oder Lochhüter machen oder sich den Kopf abhauen lassen, als diese Mission zu übernehmen (ich gehe davon aus, dass er das sicher nicht wörtlich gemeint hat, auch wenn es dann fast so gekommen ist). Bei den „Ratsfreunden“ kam dieser Wutausbruch gar nicht gut an.

„Dorumb so hett er ein merckliche stroffe verdyennet, die wolt ein Rate zu disen zeiten bey im behalten und der doch hienoch nit vergessen“,

steht im Ratsbuch. Prophetische Worte, und dies ist nur einer von mehreren Vorfällen, die ihre Spuren in den Quellen hinterlassen haben. Außerdem erregte Muffel immer wieder Anstoß, weil er versuchte, die Stadt für seine seine persönlichen Belange einzuspannen (z.B., um einen seiner Söhne zum Probst von St. Stephan in Bamberg zu machen). Man muss dazu allerdings sagen, dass das Ratsherrenamt in Nürnberg ein Ehrenamt war und dass Muffel sein volles Arbeitsleben in den Dienst seiner Vaterstadt gestellt hat – und dabei sein Familienvermögen zu managen und acht Kinder zu versorgen hatte. Man kann sich schon vorstellen, dass die Grenzen zwischen städtischen und privaten Angelegenheiten unscharf werden konnten. Jedenfalls: es gab, schon seit langem, böses Blut zwischen dem Rat und Muffel, der letzte dokumentierte Vorfall fand im Frühjahr 1468 statt, also knapp ein Jahr, ehe Muffel verhaftet wurde; dabei ging es wieder um bittere Vorwürfe Muffels gegen den Rat, die er aber, wie er später zu Protokoll gab, nur in der Wut geäußert und nicht ernst gemeint habe.

Der Taschenspieler
Ende April, Anfang Mai oder Mitte Mai 1468 – die Zeugenaussagen gehen hier auseinander – hat sich nach Aussage von Anton Tucher (Losunger), Anton Tallner (Ratsherr), Johann Rynolt (Ratsschreiber) und Martin Vischer (Ratsschreiber) außerdem

„begeben, das Niclaus Muffel in der Losungstuben bei dem goldpeuttel gesessen were, mit ettlichen guldin gehanndelt hett, und als er auffgestanden und über die stuben geganngen, weren im ettwieviel guldin aus dem ermel gefallen (…)“

Alle Anwesenden, auch Muffel, seien sehr erschrocken, Muffel habe aber gesagt, die Gulden gehörten der Stadt, und Tallner und Rynolt hätten Muffel geholfen, die Goldstücke wieder einzusammeln (man fragt sich, wie viele es waren, wenn es drei Leute brauchte, um sie aufzulesen). Es wird aus den Aussagen klar, dass die Anwesenden an einen Diebstahlsversuch glaubten.

Wenige Wochen später, so berichtet Ratsherr Tallner, seien er, Muffel und Ratsschreiber Rynolt in der der Losungstube gewesen. Muffel habe Tallner und Rynolt angewiesen, „müntze in säcklin zu machen“. Dann

„gienge Muffel hin und tätte die eussere türe des gewelbs auff, und da zwischen stunde ein eyserne büchsen, darin weren etliche secklin mit guldin, und weren allewegen tausent guldin in einem secklin getzellet (…). also tett Muffel die eysinin büchsen auf und praytet seine cleider auf das weytest über die büchsen, und als er ein gute weyl in der laden umbgangen were, stünde er auf und gienge auß der stuben und were ein weyle auß und käme wider.“

Soso. Ich habe keine Schwierigkeiten, mir einen Beamten vorzustellen, der in die Kasse greift… aber das, was hier beschrieben wird, ist ein Taschenspielertrick, und damit habe ich Schwierigkeiten. Der Historiker Gerhard Fouquet hat zu Recht darauf hingewiesen, dass keiner der Zeugen explizit behauptet, dass ein Säckchen mit 1.000 Gulden gefehlt habe. Diese Behauptung findet sich in Müllners „Annalen der Reichsstadt Nürnberg“, die aber sind von 1623, und Müllner stützt sich hier auf Muffels eigenes Geständnis, nicht auf die Zeugen. Am Ende sollte das allerdings keine Rolle mehr spielen, denn Muffel hat den Diebstahl nach seiner Verhaftung zugegeben.

Der Bürgermeister am Galgen
Das Geständnis erfolgte unter der Folter bzw. unter Androhung der Folter, und wer diese Art von Authentizität will oder braucht, kann sich die Lochgefängnisse unter dem Rathaus ansehen, inklusive der „Kapelle“, der Folterkammer samt Instrumentarium (Mo-Fr 10-16:00 Uhr, im Sommer länger und öfter, Sonderöffnungszeiten an den Feiertagen). Die Verhaftung Muffels im Februar 1469 erfolgte übrigens aufgrund eines (uns ziemlich banal erscheinenden) Ratsgeheimnisses, das Muffel ausgeplaudert hatte – eine Pflichtverletzung, die er vor versammeltem Rat offen zugab. Nun aber war offenbar das Maß voll, Muffel wurde verhaftet, und es kam auch diese acht Monate alte Geschichte wieder zum Vorschein, die Anton Tucher damals den „Älteren Herren“ des Rates angeblich mitgeteilt hatte, die aber unter den Tisch gekehrt worden war.

Muffel hat in den Lochgefängnissen alles zugegeben, die Ärmelgulden, das Säckchen mit den 1.000 Gulden, den Geheimnisverrat, alles. Vor seiner Hinrichtung hat er sein Geständnis widerrufen, zumindest, was die Diebstähle betrifft –

„er het es von grosser marter wegen müssen bekennen, er het sorg, man hört der marter nit auf und untz er stürb an der marter on unseren lieben herrn (ohne Absolution)“,

berichten die „Jahrbücher“. Ist unser frommer Niklas Muffel mit einer Lüge auf den Lippen gestorben? Oder meinte er nur, es sei eigentlich kein Diebstahl gewesen, weil er das Geld habe zurückzahlen wollen, wie er ja in seinem Geständnis auch behauptete?

Noch seltsamer ist, dass der Rat den „schönen geraden Kindern“ des Niklas Muffel die Rückzahlung der gestohlenen Gulden erließ. Die Geschichte wird von Simon Lindner erzählt, Muffels Beichtvater vor seinem Tod, und sie geht so: Muffel beauftragte Lindner, seinen Kindern zu sagen, sie sollten eine bestimmte (nicht genannte, aber „merkliche“ und „große“) Summe an die Stadt Nürnberg zurückzahlen, jedoch vorher den Rat bitten, die Summe zu mindern oder zu stunden, bis die Kinder besser bei Kasse seien. Lindner (der dies alles schriftlich bezeugte) ging also zum Rat, bekam den Bescheid, der Betrag werde komplett erlassen(!), und suchte daraufhin Muffels Söhne auf, die natürlich wissen wollten, wie hoch die Summe sei. Hm, meinte Lindner, da die Summe ja erlassen sei, sei die Höhe egal, und der Grund, weshalb das Geld überhaupt hätte zurückgezahlt werden sollen, falle unters Beichtgeheimnis und das würde er, Lindner, mit ins Grab nehmen.

Ähem.

Das Urteil der Anderen
In der Stadt schlug die Geschichte natürlich hohe Wellen; kaum jemand glaubte, dass der mächtige Losunger tatsächlich hingerichtet werden würde, schon gar nicht am Galgen („und soll viel darauf verwettet worden sein“, schreibt Müllner in seinen Annalen; man kann sich das deutlich vorstellen). Muffels einflussreiche Freunde, u.a. der Herzog von Bayern-Landshut, die Frau des Markgrafen von Ansbach, ein päpstlicher Legat, setzten sich für ihn ein, aber vielleicht schadete das eher, als es nützte: Muffels bedenkliche Nähe zum Adel und seine damit fragwürdig gewordene Loyalität zur Reichsstadt Nürnberg gehört ja mit zum Hintergrundrauschen dieser Geschichte. Dass Muffel sehr gute Kontakte nach außerhalb hatte, mag auch mit ein Grund gewesen sein, dass der Rat die Geschichte mit den fehlenden Gulden zunächst unter den Teppich kehrte (falls sie überhaupt stimmt), und dass der Prozess und die Hinrichtung so ungewöhnlich schnell abgewickelt wurden (ehe noch mehr Bittgesuche eingehen konnten und hochrangige Fürsprecher brüskiert werden mussten).

Die zeitgenössischen Chronisten, die Söhne Muffels, seine politischen Freunde, „Volkes Stimme“ in den Gassen der Stadt – sie alle unterstellten falsches Spiel. Aber es bleibt bei Andeutungen und Gerüchten, ein eindeutiger Grund, persönlich oder politisch, weswegen Muffel hätte sterben müssen, ist nirgends erkennbar. Die ältere Forschung ist der Meinung, Muffel sei in allen Punkten schuldig im Sinn der Anklage gewesen, wenn auch unverhältnismäßig hart bestraft worden (der Galgen war ja die schmählichste aller Hinrichtungsarten); die jüngere Forschung folgt eher dem Konzept der „Stadttyrannen“, stellt Muffel also in eine Reihe mit anderen hohen städtischen Würdenträgern des 15. Jahrhunderts, die sich allzu weit über ihre eigene soziale Schicht hinauswagten, also den Gruppenkonsens der herrschenden Oligarchien sprengten – und ihre Hybris mit dem Leben bezahlten.

Olga Pöhlmann, eine zu Recht vergessene Autorin des 20. Jahrhunderts, hat einen Roman über Niklas Muffel geschrieben. Die Personen darin sprechen ein selbst erfundenes Frühneuhochdeutsch, sagen so erstaunliche Sachen wie „justament derohalben!“ und fluchen vorzugsweise mit dem gräßlichen „Hunderttausend Sack voll Enten!„.
Davon abgesehen, trägt der Roman wenig zur Erhellung bei. Olga Pöhlmann macht Muffel zum Golden Boy – einem privilegierten Glückskind, dem alles gelingt und alle Herzen zufliegen. Ruiniert wird er von einer adeligen (und vollständig fiktiven) fame fatale, selbstverständlich aus verschmähter Liebe – Hell hath no fury like a woman scorn’d. Es ist schon in Ordnung so, dass sich niemand an dieses Buch erinnert.

muffelliedDer Dichter des „Muffelliedes“ unterstellt den Ratsmitgliedern Jobst Tetzel, Anton Tucher, Hans Imhof, Niklas Groß und anderen Neid, Mißgunst, Hass und den Wunsch, Muffel in seinen Ämtern zu beerben. Aber auch „Überzwerchs“ Gedicht ist vermutlich politisch motivert, möglicherweise stand er im Dienst von Nürnbergs Erzrivalen, dem Ansbacher Markgrafen.

Und ich? Ich mache die Akte Muffel an dieser Stelle einfach zu. An dem armen Muffel wurde schon genug herumgezerrt, im Leben und im Tod, nicht mal am Galgen hatte er Ruhe.
muffel_jahrbuecherUm Mitternacht, hm, und zwölf Pferde, also wenn das mal keine Räuberpistole ist. Aber wie sagt unser Chronist Heinrich Deichsler so schön?

„Got weiß ez.“

„Denn es ist daselbst finster“: Nikolaus Muffels Romreiseführer von 1452

Mein letztes Leseabenteuer macht mich ratlos. Ich habe mir den Romreise-Bericht des Nikolaus Muffel von 1452 vorgenommen; jenes Niklas Muffel, der in den Folgejahren zum mächtigsten Politiker Nürnbergs aufstieg und 1469 am Galgen endete.

Der Text ist mir ein einziges Rätsel.

„Do hernach stet der ablas und die heiligen stet zu Rom (…)“

beginnt das Ganze, und genau so geht es weiter. Kirchen, Heilige, Legenden, Prozessionen, weinende Marienstatuen, wundertätige Bilder, fünf Ave Maria vor dem richtigen Altar, um eine Seele aus dem Fegefeuer erlösen, und vor allem: Ablässe und Reliquien, da capo al fine.

Es gibt in dem ganzen Text eine Stelle, in der sich ein Spalt auftut zwischen den frommen Legenden und dem, was Muffel bereit ist zu glauben; eine.

„(…) und ein stuck von einer seulen, daran das pett der junckfraw Maria gestanden sol sein“

schreibt er, ein einziges Mal Zweifel andeutend. Ansonsten: eine Statue gegen Fieber; ein Kreuz an der Kirchendecke, das St. Johannes im Gebet erschien; ein Christusbild, „das  brachten die engel von hymel gefurt durch die gulden pforten“; Bilder, die sich gegen einen Neuanstrich wehren, indem sie zu bluten beginnen; die „rut mosys, domit er schlug an dem stein, das wasser darauß floß“; ein Stück vom brennenden Dornbusch; die Asche Johannes des Täufers; ein Schulterbein von Sankt Lorenz; das Messer, mit dem Jesus beschnitten wurde; die übriggebliebenen Gerstenbrote von der Speisung der Fünftausend; ein Arm der Heiligen Anna; die Hand des Thomas von Canterbury; ein Stück vom Heiligen Kreuz; der Stein, auf den Judas seine dreißig Silberlinge warf; ein Bild des 12-jährigen Jesus, gemalt von St. Lukas; ein Marienbild, das die Johanniter den Kartäusern wegnehmen wollten, da „sprach dasselb gemalt pild: was thut yr, sy (die Kartäuser, MB) sind in meinem schutz, get ab; also enpfil in all yr wer („Wehr“, Waffen); und endlos so fort. Ich erspare euch hier die Knochen und Körperteile, Körperflüssigkeiten und mit Körperflüssigkeiten in Kontakt gekommenen Textilien aller Heiligen und Zelebritäten des alten und des neuen Testaments, die ihr euch nur vorstellen könnt.

Dass nicht alle Pilger ausschließlich fromme Andacht im Herzen trugen, kann man sich schon vorstellen, Muffel aber auch:

„Item darnach ist ein gruft und umbganck unter sant Peter kor (…); man sperret die gruft selten auf von sünd wegen, die do geschehen möchten, denn es ist daselbst finster.“

Welcher Art die zu befürchtenden Sünden sind, wird nicht näher erläutert.

Im Detail listet Muffel hingegen die Ablässe auf, die man in Rom erwerben kann. Für die Nicht-Katholiken hier, ein Ablass ist keineswegs die Vergebung der Sünden, sondern der Erlass der Sündenstrafen, also der Zeit im Fegefeuer.  Ecco:

  • andächtiges Betrachten „von dem schwert, do sant Paulus mit enthaubt ist worden“, 300 Jahre;
  • Messe hören in der Kapelle sancta sanctorum „mit XII namhaftig leichnam dorin“, 3000 Jahre;
  • „so man die Fronica (Hl. Veronika) weist“, 7000 Jahre Ablass für die Römer, „aber die lantleut haben X tausent jar ablas und die uber mer (Meer), perg oder tal kummen, XIIII tausent jar ablas“;

und endlos, endlos so weiter. Man fragt sich angesichts dieser Zahlen, ob man sich die Zeit im Fegefeuer überhaupt als endlich vorzustellen hat.

Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und gelernt, dass Muffels Romreiseführer einem Muster folgt; sog. „Indulgenz-„, also Ablassführer, waren zu seiner Zeit eine verbreitete Textsorte. Was mich interessiert, ist: Soll ich mir vorstellen, dass Nikolaus Muffel alles, was er berichtet, als Teil der realen Welt empfunden hat? Dass die Sphäre Gottes und die Welt der Menschen für ihn so nahe beeinander lagen, dass ein Engel ein Bild herüberreichen konnte? Es scheint so.

Es ist immer leicht, von außen auf eine fremde Welt zu blicken und zu sagen: ja, spinnen die denn völlig? Ich möchte nur daran erinnern, dass es noch nicht so lange her ist, dass ein ganzes Volk bereit war zu glauben, dass die Juden unser Unglück sind – um nur ein Beispiel zu nennen, und dass dieser „Glaube“ sehr, sehr reale Konsequenzen hatte. Ich denke auch nicht, dass Muffels Zeitgenossen alle dasselbe geistige Universum bewohnten, das tun wir im Jahr des Herrn 2013 ja auch nicht. Und wir sind 1452 nicht mehr allzu weit weg von der Reformation, in der dann die meisten heiligen Knöchelchen, wundertätigen Statuen und Späne vom Kreuz Christi johlend auf den Müll geschmissen oder verbrannt wurden. Und natürlich ist das alles zusammengenommen nicht halb so seltsam wie die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Michael-Jackson-Reliquien sammeln.

Und doch. Muffels Romreisebuch bleibt mir fremd, und wenn ich es als Ausdruck empfundener, gelebter Frömmigkeit lesen soll, dann macht es mich: ratlos.