Vor dem Rat

Linhard ist großartig.

Ich halte den Kopf gesenkt, so wie er es mir eingeschärft hat, und höre zu, wie er den beiden Ratsherren erklärt, dass ein Fluch kein Fluch und ein Fausthieb kein Fausthieb ist.

Das Fünfengericht gibt es nicht mehr, aber den Fünferplatz.

Vater hat getobt, als der Stadtbüttel kam mit der Nachricht, dass ich wegen der Rauferei mit Sixtus Wiehr auf dem Rathaus erscheinen muss. Nicht meinetwegen, sondern wegen Sixt. Vater war drauf und dran, gleich selbst hinüberzulaufen und den ehrbaren Herren vom Rat „um fünf Pfenning die Meinung zu sagen“, wie er sich ausdrückte. Linhard musste mit Menschen- und mit Engelszungen reden, um uns beide zu beruhigen 😉

Jetzt steht er vor den beiden Bürgermeistern als mein Fürsprech, und ich muss sagen, ginge es nicht um mich selbst, er würde auch mich überzeugen.

Ich sei der denkbar friedlichste Mensch, erklärt Linhard; nur Sixts ungeschickter Schuss, der ihn, meinen Bruder, fast das Leben gekostet hätte, hätte mich aus der Fassung gebracht. Mit Letzterem hat er nun allerdings recht.

Die letzten beiden Nächte bin ich, ich weiß nicht wie oft, schweißgebadet aufgewacht, und immer höre ich im Traum das Tschuck, mit dem der Armbrustbolzen einschlägt. Nur dass er sich in meinem Traum nicht in den Sand bohrt, sondern in Linhards Eingeweide.

Immer sehe ich Linhard, wie er die Hände auf den Bauch presst; im Gesicht noch kein Schmerz, keine Angst, nur Erstaunen. Dieses Nichtverstehen im ersten Moment. Unter seinen Händen sein Blut.

Ich habe Linhard nichts von meinen Träumen gesagt. Linhard schläft ruhig, ich glaube, er hat noch nie gesehen, wie jemand von einer Armbrust getroffen wird. Ich träume es für ihn, das muss für uns beide reichen.

Sixtus will, dass ich vors Fünfergericht gestellt werde, ich glaube aber, daraus wird nichts. Der jüngere der beiden Ratsherren hat die Hände vor dem Bauch gefaltet und guckt aus dem Fenster. Ich glaube nicht, dass er weiß, was wir hier verhandeln. Der Kerl hat einen Goldring am Finger und muss zwischendrin immer mal wieder draufschielen, vielleicht hat er Angst, dass der Ring plötzlich verschwindet. Diese reichen Bürgersöhnchen hier haben mehr Klunker an den Pfoten als anderswo die Nutten.

Nur natürlich sehr viel teurer.

Der andere Ratsherr hat Sixtus nun schon zweimal gefragt, wie es zu diesem Schuss kam, der Linhard beinahe das Leben gekostet hätte. Sixtus windet sich und murmelt etwas von „Versehen“. Das scheint den Ratsherrn nicht zu beeindrucken.

„Paumer“, sagt er, und diesmal meint er mich.

Ratsglocke

Wen, glauben die eigentlich, führen sie denn hinters Licht in dieser Stadt? Da gibt es Vorschriften für alles, wie breit deine Hausfront sein darf und wie hoch dein Dach, wie aufwendig deine Fassade und wie teuer deine Kleider. Wie viele Gänge dein Hochzeitsessen haben darf und wieviele Gäste du laden darfst, wenn du ein Kind taufen lässt. Das gilt für alle, mit seinem Reichtum prahlt man nicht, nicht in Nürnberg.

Trotzdem brauchst du nur mit offenen Augen durch die Stadt zu laufen, dann siehst du schon, wo hier das Geld wohnt.

Heute morgen bin ich hinüber zum Weinmarkt gegangen. Als ich unter der Veste durchging, fing die Ratsglocke an zu läuten. Und da kamen sie aus ihren Häusern.

Die ganze Straße hinunter zum Markt gingen die Tore auf, und da kamen sie, die Ratsherren in ihren Schauben, Marderpelz und alles, einer aus jedem zweiten oder dritten Haus. Der halbe innere Rat wohnt in dieser Straße. Vage erkannte ich den einen oder anderen wieder, suchte nach den Namen, für die ich zehn Jahre lang keine Verwendung gehabt hatte. Und da sah ich Sixtus Wiehr.