Ochsen aus Ungarn

Die Stadt schimmert blau, und die Luft ist erfüllt vom Brüllen der Ochsen.

Es sind schöne, kraftvolle Tiere, mit sanften Augen und Hörnern so lang wie meine ausgespannten Arme. Sie kommen aus Ungarn, lagern mit ihren Ochsenknechten draußen auf der Wöhrder Wiese. Jeden Tag treiben die ein paar von den Ochsen durch die Stadt, den Fleischbänken zu.

Der Ochse ist das nützlichste Tier, das ich kenne. Ich glaube, an dem ganzen großen Berg von Tier gibt es nichts, was man nicht verwerten kann. Aus den Knochen macht man Leim, aus den Haaren Filzstiefel, Pinsel aus den Ohrenhaaren, aus dem Fett Talglichter, aus den Därmen Wursthäute und Armbrustsehnen, aus dem Darminhalt Dünger… und aus den Häuten Leder. “Zäh wie Ochsenleder”, das trifft es ganz genau. Ochsenleder ist unglaublich fest, es reißt einfach nie. Und das Horn kann man auf hundert Arten schnitzen, sägen, schneiden, spalten, glätten und in völlig neue Formen bringen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was die Horndrechsler für hübsche Dinge herstellen. Aus Horn kann man Kämme machen, Löffel, Knöpfe, Messergriffe, Ahlen, Spielsteine, Laternenscheiben und sogar Bögen. Von einem Ochsen wird überhaupt nichts weggeworfen, nicht mal das – äh – Geschlechtsteil. Wusstet ihr, was “Ochsenziemer” sind, diese harten Stöcke, die die Fuhrleute so gerne verwenden und immer vor den Hunden in Sicherheit bringen müssen? Nun, jetzt wisst ihr es.

Die lagern also draußen auf der Wöhrder Wiese. Drei Monate waren sie unterwegs, sie kommen aus dem Alföldi, aus der ungarischen Tiefebene, und sind der Donau gefolgt, an Preßburg vorbei, das ihr jetzt Bratislava nennt, nach Wien, bei Schärding sind sie durch den Inn geschwommen, dann wieder die Donau entlang bis zur Steinernen Brücke in Regensburg… bis hierher zu uns, in unsere Werkstätten und Kochtöpfe. Bis zu mir, denn ich gehe heute abend zur Fleischbrücke und kaufe mir ein schönes fettes Stück Ochsenfleisch für meine Suppe.

Man sollte diesen wunderbaren Tieren ein Denkmal setzen, das wäre vernünftiger als das hunderttausendste Heiligenbildchen hinten in den Kirchenwinkeln, oder das millionste Ablasszettelchen.

Oh je.

Ich habe das nicht gesagt, und ihr habt es nicht gehört, einverstanden? Aber wahr ist es doch, denn der Ochse ist Arm und Reich gleichermaßen nützlich und ich weiß nicht, was wir ohne ihn täten. Gut, vielleicht nützt er den Reichen ein wenig mehr als den Armen. Aber nennt ihr mir irgendetwas, was den Reichen nicht mehr nützt als den Armen, Reliquien, Ablässe und Heilige eingeschlossen.

Das Blau kommt von den Hosen der Ochsenknechte. Diese Farbe gibt es bei uns eigentlich nicht, nur manchmal auf den Bildern der Madonna oder im Juni, wenn die Kornblumen blühen. Gutes, blaues Tuch. Tut mir leid, ich bin Kölnerin und sehe das sofort, ich kann gar nicht anders. Und wahrscheinlich ist es sowieso Kölner oder Aachener Tuch, denn das liefern unsere Kaufleute im Gegenzug gegen die Ochsen ins Ungarland. Es kleidet, das muss ich jetzt mal sagen, die ungarischen Ochsentreiber ausgesprochen gut. Wenn sie sich umwenden oder herumspringen, fliegen ihre Hosen und sie sehen aus wie blaue Kreisel.

Sie gehen mit weiten, wiegenden Schritten, und ich denke Dinge, die ich wahrscheinlich beichten sollte. Man sagt, dass sie keine Häuser haben, sondern ihren Herden über die Steppe folgen, dass sie nicht lesen können, und dass sie eher reiten lernen als laufen. Kann schon sein. Sprechen kann man mit ihnen nicht, niemand von uns versteht ihre Sprache.

Fremd sehen sie aus. Ich bin schon froh, dass sie ganz sicher keine Waffen tragen – die Stadtknechte hätten sie sonst niemals durch die Tore gelassen. Jeder einzelne von ihnen weiß mit Messer, Speer und Peitsche umzugehen, irgendwie sieht man das. Eine Herde halbwilder Ochsen monatelang durch fremde Länder zu treiben, dafür braucht es schon ganz besondere Kerle.

Ein halbes Dutzend von ihnen steht seit einer Stunde auf dem Markt, und ich weiß genau, was sie tun, obwohl es so aussieht, als würden sie sich nur die Langeweile vertreiben. Sie spielen ein Spiel, bei dem sie kleine Münzen in die Luft werfen und dann offenbar blitzschnell darauf wetten, wie sie fallen, es gibt jedenfalls viel Gelächter. Aber das ist nur Schau. Sie beobachten das Marktgeschehen. Ich mache das auch, wenn ich in einer fremden Stadt bin und die Händler nicht kenne. Wenn man die Augen aufmacht, kriegt man viel heraus – wer freundlich ist, wer Stamm- und wer Laufkundschaft hat, wo gelacht wird, wie das Geschäft läuft. Man erkennt den Händler an seinen Kunden, immer. Wenn ich wo fremd bin, schaue ich eben genau hin und es passiert mir sehr, sehr selten, dass ich übers Ohr gehauen werde.

Die Ochsenknechte wollen also Wein kaufen, wen wundert’s, Ochsen treiben ist eine heiße, staubige Arbeit und ihr Vorrat ist wahrscheinlich längst aufgebraucht. Da, jetzt haben sie offenbar genug gesehen und eine Entscheidung getroffen. Sie stecken ihre Spielmünzen weg und kommen als blauer Fleck über den Markt, schauen nicht rechts und nichts links und steuern schnurstracks auf unsere Ecke zu. Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Der Stand, vor dem sie sich aufbauen, ist meiner.