Wie soll ich das Hannes erklären

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Dass wir damals wirklich geglaubt haben, wir könnten den Lauf der Dinge ändern – wie soll ich das Hannes erklären?

Aber so stimmt es ja nicht. Wir haben niemals geglaubt, dass wir den Lauf der Dinge ändern könnten. Aber dass die Jungfrau Maria eingreift: das ja.

Dass die Jungfrau einem von uns leibhftig erscheint, dass sie uns die Lösung von allen Höllenstrafen verspricht – nicht in Rom, nicht für ein halbes Fürstentum, sondern genau hier bei uns, nur ein paar Tagesreisen entfernt, um den Preis eines bußfertigen Herzens – wie verzweifelt muss man sein, um so etwas zu glauben? So verzweifelt waren wir. Und die, die nicht verzweifelt waren, witterten ein Geschäft.

Die Taglöhner liefen von ihren Baustellen davon, die Bauern von ihren Achtel-, Sechzehntel-, Zweiundreißigstelhufen (und eine Zweiunddreißigstelhufe ist eigentlich nichts mehr; gerade noch groß genug, dass ein Mensch einen Ort hat, von dem aus er fortlaufen kann). Die Knechte liefen von den Pflügen und die Mädge aus dem Stall. Die Leute klaubten ihre letzten Heller zusammen, sangen Marienlieder auf den Straßen, ein Wald von Fahnen und übermannshohen Wachskerzen – gespickt wie die Igel mit  Würzburger Schillingen, Nürnberger Fünfern, Innsbruckern, Pfennigen, Kreuzern, ich habe es gesehen. Wo sind diese ganzen Wallfahrtsgaben eigentlich hingekommen? Das würde ich ja gern noch wissen.

Die weltlichen Obrigkeiten wussten erst nicht, was sie von der Sache zu halten hatten. Eine Marienerscheinung, keiner wollte sich ein vorschnelles Urteil erlauben. Die Würzburger hatten ihre Stadtwachen dreifach, vierfach verstärkt, als wir kamen, ganz so, als seien wir (vielleicht) ein feindliches Heer. Aber auf der Mainbrücke ließen sie uns zollfrei durch, und aus den Vorstädten zogen uns die Taglöhner, Mägde und Gesellen hinterher, obwohl der Rat es verboten hatte.

Die Bischöfe schäumten und nannten uns Ketzer. Aber es war zu spät, und die Wut, mit der sie uns drohten und uns beschimpften, richtete sich dann wie ein Gegenfeuer gegen sie selbst.

Denk dir einen Bauern auf seinem Achtelhof, aufgerieben von Abgaben und Lasten, die er nicht mehr versteht und auch kaum mehr bedienen kann. Wem schuldet er eigentlich was? Eine Leibhenne hier, das Fastnachtshuhn da, Martinsgans, Spanndienste, hier der große Zehnt, dort der kleine, Gerichtsgebühr wieder woanders, der Herr will jagen: Hundslager, dann stirbt die Bäuerin, her mit dem Bestkleid; und dann kommt der Bischof und erhebt eine Landessteuer, die ganz neu ist und von der der Bauer nicht versteht, was sie soll. Geht er in die Kirche, hört er von Höllenstrafen; hier muss er sich schinden, dort geht er dem Fegefeuer entgegen. Und wenn er stirbt, können sich seine Kinder die Achtelhufe teilen – nachdem sie das beste Stück Vieh im Stall abgegeben haben.

Und dann erscheint die Jungfrau Maria.

So war das, damals in Niklashausen. Ob wir an Wunder geglaubt haben? Ja.

Woran auch sonst.

Die Niklashäuser Fahrt

„Unser Wirt in Spalt„, sage ich.

Herdegen bückt sich, ohne den Rhythmus seiner Schritte zu unterbrechen, und pflückt sich einen neuen Grashalm.

„Du hast also das Gerede gehört. Glaub nicht alles. Die, die reden, waren nicht dabei, und die, die dabei waren, reden nicht.“

Dazu habe ich nichts zu sagen. Ich hab ja gar kein Gerede gehört, ich halte nur die Augen offen. Herdegen seufzt und schiebt sich den Grashalm zwischen die Zähne.

niklashausen - der pfeifer auf einer Weinkufe

Der Pfeifer (manchmal auch Pauker) von Niklashausen. Er steht auf einer Weinkufe und predigt den Wallfahrern. Das andächtige Volk hat riesige, teure Kerzen mitgebracht.

„Vielleicht ist es besser, du hörst es von mir. Die Niklashäuser Fahrt?“

Ich schüttle den Kopf.

„Das ist alles lange her. Zehn, fünfzehn Jahre.“ Er rechnet an den Fingern nach. „Eher fünfzehn. Ich war noch ein junger Kerl. Ohne Verstand, wie du.“ Er schaut zu mir herüber; ich grinse zurück. „Und ich *weiß* nichts, das musst du bedenken. Ich war nicht dabei, nicht in Niklashausen.

Jedenfalls, damals war ich viel im Würzburgischen unterwegs. Main- und Taubertal, Mainzer Gebiet, Odenwald. Hügelig, schlechte Wege, ich hatte mein erstes eigenes Gespann und einen Teufel von einem Braunen, der Pferde und Menschen biss. Heute wäre ich mit ihm schnell fertig, aber damals machte er mir das Leben sauer.

Es war Sommer, heiß, und mit einem Mal war auf den Straßen kein Durchkommen mehr. Alle Welt rannte ins Taubertal. Die Bauern praktisch vom Feld weg, Frauen mit Säuglingen, Mägde mit ihren Grastüchern und Sicheln. Handwerksgesellen aus Wertheim und Hall. Rannten los wie sie waren, ohne Kleider, ohne Geld, nannten einander Bruder und Schwester und überließen Gott dem Herrn die Sorge um ihr tägliches Wohl. Die Straßen waren schwarz vor Menschen, sogar euer Nürnberger Rat musste seinen Bürgern das Laufen nach Niklashausen verbieten. Genutzt hat es, wie du dir denken kannst, soviel.“

Herdegen macht die Geste des Hintern-Abwischens.

„In Niklashausen ist nämlich die Jungfrau Maria erschienen und hat allen, die zu dem kleinen Kirchlein in Niklashausen kommen, einen vollkommenen Ablass versprochen.“

Ich bleibe stehen. „Einen was?“

Herdegen lacht. „Genau. Vollständiger Erlass der Sündenstrafen, wie wenn du in einem Gnadenjahr nach Rom pilgerst. Verkündet hat das Ganze ein Dudelsackpfeifer.“ Herdegen lacht wieder. „Schafhirte war er auch. Die Pfaffen haben getobt, der Bischof von Eichstätt hat die Möchtegern-Wallfahrer eigenhändig mit dem Stock in seine Kirche zurückgeprügelt.“

„Selig sind die Sanftmütigen“, sage ich, „denn sie werden das Erdreich besitzen.“

Herdegen schnaubt. „Das Erdreich besitzen sie, jedenfalls da unten im Taubertal. Alles Pfaffen- und Klosterland. Und das war die zweite Geschichte. Die Pfaffen sind alle Halsabschneider, predigte der Schafhirte, Bauernschinder und wahre Ketzer. Wir sollten ihnen den Zehnten nicht mehr geben, und es würde bald soweit kommen, dass die Pfaffen und Herrn um Taglohn arbeiten müssten.“

Herdegen schaut sich nach allen Seiten um, dann zieht er mich am Ärmel zu sich heran und singt mir ins Ohr:

„Wir wollen’s Gott im Himmel klagen
Kyrieeleis
Dass wir die Pfaffen nit sollen totschlagen
Kyrieeleis.“

Ich schaue mich auch um, ich kann gar nicht anders. Das ist die Melodie von einem Wallfahrtslied, und so etwas zu singen –

Etwas läuft mir kalt den Rücken herunter. Herdegen schaut mich an, erwartungsvoll, wie mir scheint, aber für diesmal kann ich die Antwort schuldig bleiben. Von hinten kommt Auberlin angespreißelt.

„Linhard lässt fragen, ob ihr nicht mal Rast machen wollt. Unsere Pferde sind müde.“