Turm und Hausarrest

Sechzehn Tage Turm, wenn man Linhard, Sixtus und mich zusammenrechnet, und acht Tage Hausarrest für Alit. Das ist hart. Das war ein teuerer letzter Becher bei Alit. Und wir haben ihn nicht mal mehr trinken können ;(

Linhard und ich waren bei unserem Messerermeister bei St. Jakob gewesen, wir waren ziemlich aufgeräumt, Meister Hans hat vier Töchter und die haben uns Wein und Nüsse hingestellt. Linhard wollte wie immer auf dem Heimweg einen letzten Becher bei Alit trinken. Den bekam er dann nicht mehr.

Alit stand hinter ihrem Tisch am Weinmarkt, die Arme in die Seiten gestemmt, um sie herum schon eine ziemliche Menge Gaffer.

„Ich pansche meinen Wein nicht. Wenn er dir zu teuer ist, kauf woanders, aber sag nie wieder, dass ich Wein pansche, du Lügner, du elender. Scher dich nach Hause, verschwinde. Verleumder!“

„Nenn du mich nicht Lügner, du Kölner Landsknechtshure.“

Sixtus Wiehr, noch blasser als sonst. Landsknechtshure? Linhard neben mir schubste ein paar Leute beiseite, packte Sixtus am Hemd und schlug ihm mit der Linken die Mütze vom Kopf.

„Lass Frau Hoevels in Ruhe. Möchtest du nicht vielleicht mich ein wenig beleidigen?“ Linhard ist einen Kopf größer als Sixtus – er ist einen Kopf größer als die meisten Leute – und Linhard zu beleidigen, ist keine gute Idee. Ich weiß nicht, was in Sixtus gefahren ist an diesem Tag. Er muss den Verstand verloren haben. Jedenfalls zog er sein Messer.

Ich sprang nach vorn, aber da machte es schon Splatsch. Sixtus schrie auf und ließ sein Messer fallen. Er riss die Hände vors Gesicht. Irgendetwas Glibbriges quoll zwischen seinen Fingern hervor; ich verstand überhaupt nicht, was vorgefallen war. Ich bückte mich jedenfalls und hob Sixts Messer auf – Regel Eins nach jedem Kampf, über so etwas denkst du ja überhaupt nicht nach. Linhard und ich sahen uns an, dann Sixtus, der sich die Augen rieb und jammerte, und dann Alit.

Die stand mit großen, runden Augen hinter ihrem Tisch. Die Hände in einer Schüssel mit Sulzfischen.

„Wenn du in eine Schützengesellschaft eintreten möchtest, komm zu uns auf den Egidienberg. Es gibt außer meinem Bruder und mir dort nicht viele, die treffen, worauf sie zielen.“

Das ist Linhard. Immer der Erste, der sich wieder fängt.

Na ja, dann kamen ja auch schon die Stadtknechte. Ich hatte Sixtus‘ Messer noch in der Hand, das hat mir vier Tage auf dem Turm eingebracht. Der Stainlinger hatte überhaupt keine Lust, sich die Geschichte genau erklären zu  lassen. Linhard, vier Tage Turm, weil er Sixt die Mütze runtergeschlagen hat. Sixtus acht, wegen Beleidigung und Messerzücken auf dem Markt, und da ist er noch billig weggekommen. Aber er hat auch den Spott zu tragen, das tut sicher mehr weh als ein paar Tage Turm. Es wird auch ein paar Tage dauern, bis seine Augen aufhören zu brennen. Das Glibberzeug, in dem die Sulzfische eingelegt sind, hat Essig und jede Menge Ingwer und Pfeffer drin – urghh, das möchte ich nicht ins Gesicht kriegen. Aber sehr praktisch in diesem Fall, dass Alit Sulzfische zur Hand hatte 😉

Sie bekommt acht Tage Hausarrest. Das ist hart, wenn man bedenkt, dass sie übel beleidigt und verleumdet wurde. Aber der Stainlinger hat es nicht so gern, wenn die Bürger ihre Meinungsverschiedenheiten selber regeln. Bei Streitigkeiten vermittelt der Rat, jedenfalls hat er das in seiner abschließenden Strafrede mindestens ein Dutzend Mal gesagt. Und dann gefragt, ob wir uns das alle merken können.

Na ja. Vier Tage Turm. Ich möchte sowieso nicht, dass Linhard da alleine hingeht. Er ist in dieser Stadt aufgewachsen  und war überhaupt noch nie auf dem Turm, hat er mir gesagt. Da ist es schon besser, wenn ich dabei bin.

Die Nürnberger Straftürme kenne ich natürlich noch nicht, ich bin ja erst acht Wochen wieder hier. Aber es war wohl nur eine Frage der Zeit.

Stainlinger. Gottseidank.

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Ahhh, der Stainlinger hat den Vorsitz in unserer Verhandlung. Das ist gut.

Es ist einfach nur dumm gelaufen, dass die Stadtknechte dazukamen. Richtig dumm. Aber der Stainlinger als Richter bedeutet Glück im Unglück. Der behandelt alle gleich, jedenfalls hat er den Ruf.

Ich mache mir nur ein wenig Sorgen um Alit. Den Mund zu halten, ist ihre Stärke nicht, und sie ist immer noch wütend, glaube ich.

Das gibt eine interessante Verhandlung. Hmmm.

Stainlinger, au weia

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Stainlinger. Oh-oh.

Der Alte ist so uneben nicht, glaube ich, aber er hat mich vor ein paar Wochen erst rund gemacht, und zwar genau wegen einer Rauferei mit Sixt. Mir klingen jetzt noch die Ohren von der Strafpredigt, die er mir gehalten hat.

Der wird sich freuen, mich so schnell wiederzusehen, und wenn es auch nur als Zeuge ist. Oh-oh.

Stainlinger, dieser Wichtigtuer

Status

Unser Richter vorm Fünfergericht: Lutz Stainlinger. Dieser alte Wichtigtuer mit seinem Marderpelz und seinem Ratsherrenbauch; mit Andacht und Würde schiebt er ihn vor sich her, wie eine Frau im neunten Monat.

Das hasse ich wirklich an Nürnberg, dass du keinen Schritt tun kannst, ohne dass der verdammte Rat sich einmischt. Ich bin mit diesem Trottel Sixtus Wiehr aneinandergeraten, und? Ist doch alles schon wieder vorbei. Es ist ja wahr, es muss Ordnung sein auf den Märkten, aber muss sich der Rat denn in jede Kleinigkeit einmischen? Haben denn meine Herren vom Rat nichts Besseres zu tun?

Unfasslich.

Nicht schon wieder diese zwei

Beinahe seit ich Ratsherr bin, und das ist schon ziemlich lange, bin ich Schöffe am Fünfergericht. Alle außer mir sind der Meinung, ich mache das gut. Mit anderen Worten, sie sind heilfroh, dass sie es nicht machen müssen. Es ist eine der weniger ruhmreichen Tätigkeiten im Rat. Mit Königen und Kaisern verhandeln… jaja. Aber besoffene Fuhrknechte zu Geldstrafen verurteilen? Den Frieden wiederherstellen, wenn die Messerer- mit den Pflasterergesellen aneinandergeraten… und, vor allen Dingen: die Söhne unserer ehrbaren Geschlechter zur Raison bringen, solange sie noch nicht verstanden haben, dass Gesetze auch für sie gelten.

Waffentragen in der Stadt. Verbotenes Glücksspiel. Prügeleien um Mädchen. Raufereien, nächtliche Randale, Waffenzücken, Drohungen, Beleidigungen, Beschädigung von fremdem Eigentum, Verleumdung, Ruhestörungen und nochmal Raufereien. Alle Sorten Unfug, die ihr euch vorstellen könnt, und einige, die ihr euch wahrscheinlich nicht vorstellen könnt. Ein paar von unseren angesehensten Handelsherrn machen heute noch einen Bogen um mich, wenn sie mich sehen; als hätten sie heute noch Sorge, dass ich sie ein paar Tage in den Turm sperren lasse. Das tue ich nicht. Die meisten haben ihre Lektion gelernt.

Aber, wie das Sprichwort schon sagt, die Dummen werden nicht alle und alle paar Jahre wächst wieder eine Generation von jungen Dummköpfen heran, mit denen ich mich dann herumschlagen muss. Wenn ihnen wenigstens mal was Neues einfallen würde. Aber es geht mit jeder neuen Generation von vorne los, Waffentragen in der Stadt. Verbotenes Glücksspiel. Prügeleien um Mädchen. Raufereien, nächtliche Randale, Waffenzücken, Drohungen, Beleidigungen, Beschädigung von fremdem Eigentum

Die meisten meiner Ratskollegen haben keine Lust dazu. Es sind die Kinder ihrer Nachbarn, Freunde, Geschäftspartner, Schwestern und Brüder, die da vor ihnen stehen und glauben, weil der Schöffe mit ihrem Onkel verschwägert ist, lässt er sie laufen.

Ich lasse sie nicht laufen. Ich habe für Ordnung zu sorgen; Die Bürger in der Stadt wollen in Ruhe ihren Geschäften nachgehen, die Gäste auch. Und deshalb haue ich den jungen Burschen ordentlich auf die Hörner, auch wenn der eine oder andere Vater dann wutentbrannt in meiner Stube steht.

Was ist das hier wieder für eine Geschichte? Wiehr und Paumer – die Stadtknechte mussten sie auf dem Weinmarkt trennen. Beleidigung, Verleumdung, Gewalt. Auf dem Markt, ich bitte euch. Warum nicht gleich in der Kirche?

Der Paumer, wusst ichs doch, dass ich den nicht zum letzten Mal gesehen habe. Einmal hab ich ihn mit einer Strafpredigt laufen lassen; ein zweites Mal kommt er mir nicht so billig davon. Und wer sonst noch? Ahh, Frau Hoevels. Die Schwester des Weinhändlers. Mischen denn jetzt schon unsere Händlerinnen bei den Raufhändeln mit? Und was ist das hier, Sulzfische?  Man denkt ja immer, man hat schon alles gehört, aber das möchte ich jetzt doch wissen, was da vorgefallen ist. Und ich kriege es raus, und wenn ich sie alle zusammen in den Turm stecke.

Das wollen wir doch mal sehen.

Ich, Stainlinger, Ratsherr

Es gibt Tage, da ist es eine Strafe Gottes, Ratsherr zu sein. Meine Frau kocht heute Ochsenfleischsuppe. Sie hat sie gerade aufs Feuer gesetzt, als ich zum Rat ging, mit Zwiebeln, Sellerie und Petersilie. Inzwischen wird das ganze Haus danach duften; und ich sitze hier und muss diese vier jungen Dummköpfe ertragen. Dreieinhalb. Einer der vier hat Verstand unter der Mütze.

Mein junger Ratskollege ist damit nicht gemeint. Ich glaube nicht, dass er weiß, was wir hier verhandeln. Schaut die ganze Zeit aus dem Fenster, wenn er nicht mit seinem Ring spielt. Wer hat den Burschen in den Rat berufen?

Und dieser Sixtus Wiehr ist ja auch nicht ganz gescheit. Jammert, weil der Paumer ihm eine geschoben hat. Man sieht’s übrigens. Wiehr hat immer noch eine dicke Backe und ein grün-blau-purpur-schwarzes Auge. Hübsch. Ich würde mal ganz vorsichtig sagen, der junge Paumer hat mit Überzeugung hingelangt.

Wie kann man aber auch so unglaublich dämlich sein, mit der Armbrust über die Grabenmauer zu schießen? Der Schießgraben ist wahrhaftig tief genug. Man wundert sich, dass der Wiehr sich nicht seinen eigenen S… – aber lassen wir das.

Der mir gefällt, ist der junge Paumer. Also der andere Sohn, der Linhard, der seinen Hitzkopf von Bruder verteidigt. Linhard steht ruhig vor seinen Bürgermeistern, er hat sich für seinen Auftritt ein gutes Wams angezogen, und er setzt seine Worte so, wie unsere Rosenkranzmacher ihre Perlen zu setzen wissen: gleichmäßig und wohl aufgereiht  an der ordentlichen Schnur seiner Gedanken, sodass man ihm gerne folgt und ganz wie von selbst zu dem Schluss kommt, es könne gar nicht anders sein, als er sagt. Er gefällt mir, wie er da steht und mir fest und ruhig in die Augen schaut, während er das Blaue von Himmel herunterlügt.

Jeder kann sehen, dass der jüngere, der Hannes Paumer, seiner Familie und uns noch genug Scherereien bereiten wird. Aber was soll ich machen mit ihm, soll ich ihn vors Fünfergericht schicken, damit die Familien Paumer und Wiehr, die sich jetzt schon nicht grün sind, sich noch mehr entzweien?

Mir reicht es jetzt mit diesen Holzköpfen. Ich regele die Sache jetzt und hier. Dem kleinen Paumer halte ich eine Standpauke, dass ihm drei Tage lang die Ohren klingen. Raufen und, noch viel schlimmer, Fluchen in der Stadt! Die richtigen Wörter werden mir schon einfallen. Und dann geh ich heim zu meiner Ochsenfleischsuppe.

Wegen dem Wiehr rede ich mit dem  Eibenschützenmeister.  Über die Grabenmauer schießen, mitten in der Stadt. Donner, Blitz und Krätze sollen ihn treffen, ihn und alle seine Kinder!