Heiltumsweisung und Reichskleinodien in Nürnberg

Das „Hochwirdige Heiligtum“, das da bis zur Reformation alljährlich in Nürnberg gezeigt wurde, ist eine (für uns) – reichlich abenteuerliche Zusammenstellung von – was? Schätzen? Ramsch?

reichskleinodien - kaiserkroneZum einen sind da die Reichskleinodien selbst – Kaiserkrone, Schwert, Zepter, Reichsapfel, Krönungsornat etc. Die Insignien des Kaisers, deren Besitz ihn als legitimen Herrscher ausweisen. Aber schon bei der Heiligen Lanze kann man streiten, ob sie zum weltlichen, politischen Bereich gehört, oder zum religiösen, denn sie enthält einen Nagel vom Kreuz Christi und macht ihren Träger im Kampf unbesiegbar.

Dem Mittelalter war diese Unterscheidung ohnehin fremd. Neben den Reichsinsignien haben sich im Lauf der Jahrhunderte alle möglichen Reliquien eingefunden – ein Armbein der Heiligen Anna, ein Zahn Johannes des Täufers, ein Span von der Krippe Jesu, fünf Dornen aus der Dornenkrone, die Schürze Christi bei der Fußwaschung, Glieder von  Ketten, mit denen diverse Apostel, deren Namen ich jetzt nachschlagen müsste, gefesselt waren, ein Stück Tischtuch vom letzten Abendmahl – eben der typische vorreformatorische Plunder, über den wir hier und hier ja schon ausführlich diskutiert haben.

In den Besitz dieser Schätze gelangte die Reichsstadt Nürnberg 1423.  Große Teile des Reiches waren durch die Hussitenaufstände in Unruhe, Kaiser Sigismund suchte einen sicheren Aufbewahrungsort. Nürnbergs Mauern und die unerschütterliche Reichstreue der Stadt müssen den Kaiser überzeugt haben, er vertraute Nürnberg seine Herrschaftsinsignien an, „auf ewige Verwahrung“. Was für eine Auszeichnung für die Stadt. Ganz so ewig haben wir sie dann doch nicht behalten, forever is a long time.

Die Verhandlungen, die der Übergabe vorausgingen, wurden ausschließlich mündlich und im Geheimen geführt. Sebald Pfinzing, einer der drei Obersten Hauptleute der Stadt, sei beim Kaiser, raunen die Nürnberger Rechnungsbücher von 1423,

„von etlicher heimlicher sache wegen, die der rat wol waiß.“

Im Februar 1424 reisten Ratsherr Sigmund Stromer von der Rosen und Georg Pfinzing, Sohn unseres eben erwähnten Geheimdiplomaten, nach Blindenburg (Visegrád nördlich von Budapest, am Donauknie) und erwarben eine Ladung Hausen. Für die Nicht-Ichthyologen unter euch, der Hausen ist eine europäische Störart, ein ziemlich großer Fisch aus dem Schwarzen Meer und im Mittelalter ein wichtiger Handelsartikel. Ob das Mittelalter Kaviar gegessen hat, weiß ich nicht, aber der Hausen war ein beliebter Speisefisch und die Hausenblase war unersetzlich, in der gehobenen Küche ebenso wie im Scriptorium und in der Malerwerkstatt, denn daraus wurde u.a. Gelatine und Fischleim hergestellt, ein wichtiges Bindemittel für Farben – aber ich schweife ab.

Unsere beiden Nürnberger transportierten also ihre Ladung Fische von Budapest nach Nürnberg. Als sie vor dem Frauentor ankamen, strömte ihnen die halbe Stadt entgegen, Rat, Orden, Klerus, Bürger in feierlichster Prozession. Der Fuhrmann fiel auf die Knie.

Letzters steht in den Quellen, nicht in den Quellen steht, dass dieser Fuhrmann der Großvater unseres Freundes Matthis war. Das Kästchen mit den Reichskleinodien wurde umgeladen auf einen Wagen, in dem vorn und hinten Knaben saßen, Kerzen in den Händen und als Engel verkleidet (das stammt jetzt wieder aus den Quellen). Das Heiligtum wurde in die Kirche des Heilig-Geist-Spitals gebracht, die heute nicht mehr steht.

Heiltumsweisung_1487

Heiltumsstuhl auf dem Hauptmarkt; oben die Kleriker, die die Schaustücke zeigen, in der Mitte die Leute vom Sicherheitsdienst. Die Zuschauerinnen unten haben z.Tl. Spiegel in den Händen, um die Spiegelung der Reliquien auf sich lenken zu können.

Dort wurden sie das Jahr über sicher aufbewahrt und jedes Jahr am zweiten Freitag nach Ostern am Hauptmarkt Bürgern und Gästen öffentlich „gewiesen“; auf dem Hauptmarkt wurde eigens ein Gerüst aufgestellt. Zu dem Event lief halb Deutschland zusammen, Endres Tuchers Baumeisterbuch gibt uns im Detail Einblick in die Vorbereitungen und die Sicherheitsvorkehrungen. Begleitend gab es eine Messe, die aber im Vergleich zu den anderen großen Handelsmessen (Frankfurt, sogar Nördlingen) eher regionalen Charakter hatte.

Mit der Reformation wurden auch die öffentlichen Heiltumsweisungen eingestellt. Wie die Reichskleinodien dann zwischendurch nach Wien kamen, den zweiten Weltkrieg in einem Bunker unter dem Nürnberg Paniersplatz verbrachten (also praktisch unter meinen Füßen) und für immer verlorengegangen wären, wenn nicht ein amerikanischer Offizier eine Situation richtig eingeschätzt und im richtigen Moment seinen Revolver gezogen hätte – nun, das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Teil 2 des Beitrages zur Geschichte der Reichskleinodien in Nürnberg