Die leichtgläubigen Menschen des späten Mittelalters

Zum dritten Mal innerhalb der letzten Tage habe ich jetzt von den leichtgläubigen Menschen des späten Mittelalters gelesen, und jetzt platzt mir der Kragen. Aber so richtig.

Es sind wissenschaftliche Werke, populärwissenschaftliche, Geschichtsseiten für Kinder und Jugendliche, Bücher und Websites, die uns erzählen, die Menschen des ausgehenden Mittelalters seien »leichtgläubig« gewesen (leichtgläubiger als wir, kann das ja nur heißen) – weil sie Schauergeschichten glaubten wie die Ritualmord-Legende um den kleinen Simon von Trient.

Wie kann man – nach der Erfahrung der Nazi-Zeit – irgendwen von irgendwann als »leichtgläubig« bezeichnen? 

Aber ich will gar nicht in die Nazizeit zurückgehen. Seit wir eine nennenswerte Anzahl Flüchtlinge im Land haben, höre ich – und mein Bekanntenkreis besteht nicht aus AfD-Wählern – die unglaublichsten Geschichten, die alle anfangen mit  »meine Freundin hat eine Arbeitskollegin, und die hat erzählt…« – und dann folgt eine Schauergeschichte, die hundert Meter gegen den Wind nach urban legend stinkt, wenn man nur das Hirn einschaltet. Einschalten würde.

Flüchtlinge kaufen ihre Nivea-Creme in der Apotheke. Flüchtlinge klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, und die Polizei darf nicht gegen sie vorgehen. Meine Freundin, die hat eine Kollegin, die hat einen Cousin, der arbeitet in einem Schuhgeschäft, und dort hat die Geschäftsleitung den Angestellten verboten, die Polizei zu rufen, wenn Flüchtlinge Schuhe klauen.

Und dergleichen mehr. Manche Geschichten sind lustig (Haarverlängerung auf Krankenschein; wie muss man gelocht sein, damit einem sowas einfällt?), aber die meisten sind fies, und in der Summe machen sie mir Angst.

In der Süddeutschen las ich vor einigen Wochen über eine aktuelle urban legend, die einer Ritualmordlegende schon ziemlich nahekommt (der Artikel steht hier, allerdings hinter einer Paywall, aber er ist mehr als lesenswert: http://www.sueddeutsche.de/politik/russlanddeutsche-geschmack-des-ostens-1.2844291?reduced=true). 
Eigentlich müsste man jetzt, dachte ich da, eine Internetseite bauen, auf der all die Flüchtlingslegenden aufgelistet sind. Damit man den Schwachsinn auf einem Haufen beisammen hat. Aber wo soll ich die Kraft und die Zeit dafür hernehmen, und alleine schafft man das ja gar nicht?
Ich bin ungeheuer erleichtert, dass es dieses Projekt schon gibt, wie ich inzwischen festgestellt habe. Es heißt hoaxmap.org, ist ein klein wenig unhandlich in der Bedienung und so klasse, und so schaurig, dass ich ernsthaft überlege, die Initiator/innen für den Bundesverdienstorden vorzuschlagen. Das kann man. Das kann jeder.
Und den Scheißdreck hinterfragen, den man im Moment von überall her erzählt kriegt, auch von Leuten, von denen man das nicht gedacht hätte, das kann auch jede/r.
So viel zum Thema leichtgläubige Menschen des späten Mittelalters. Schaut, wenn ihr eine Zeitreise machen wollt, auf hoaxmap.org.

Rettich reinigt das Gehirn

Ich atme jedes Jahr durch, wenn der Jahresanfang überstanden ist: die Fastenzeit, die Osterzeit und dann noch die Heiltumsweisung.

Weil es jetzt wieder Eier, Lämmer, Milch, Rettiche und das erste frische Grünzeug gibt, ja, ja, – doch, natürlich ist das wichtig („Bleib bei der Wahrheit, Stainlinger“, sagt Margret über ihrem Haushaltsbuch und runzelt die Stirn, ob meinetwegen oder wegen eines Eintrags im Buch, weiß ich nicht.) Ja, ein Stück Lamm statt der ewigen Fischpasteten auf dem Teller, und Rettich wirkt Wunder gegen Husten und reinigt das Gehirn – und das haben wir nötig nach der Osterzeit, ihr wisst gar nicht, wie sehr.

Die Fastenzeit ist schlimm genug, der Gerstenbrei macht die Leute kirre, wenn sie nicht ohnehin ihre Vorräte aufgebraucht haben und am Hungertuch nagen, was sie auch nicht friedlicher macht. Und dann kommt die Karwoche und mit ihr die Bettelmönche und ihre Bußpredigten, und ich schicke Streifen durch die Rotschmied- und die Judengasse, da, wo die Judenhäuser sind.

Nicht, um die Nürnberger Juden daran zu erinnern, dass sie besser in ihren Häusern bleiben – das machen die in der Karwoche sowieso. Aber du weißt nie, was den Leuten einfällt; nicht den Juden, unseren Leuten. Die Juden fangen vor Ostern ein Christenkind, schlachten es, so wie sie unseren Herrn geschlachtet haben, und verbacken das Blut in ihren Mazzen, die sie zum Pessachfest essen.

Seit die Geschichte des kleinen Simon von Trient in hundert Flugblättern und sogar Büchern nachzulesen ist, auch hier in Nürnberg, denken die Leute überhaupt nicht mehr nach. Braucht man nicht mehr, die Geschichte ist ja bekannt.

Die Juden essen kein Blut; das weiß im Grunde jeder. Und überhaupt, wer glaubt schon solche Schauergeschichten? Ich will es auch sagen: Nicht jeder, aber fast jeder. Die Leute glauben nicht, was man beweisen kann, sondern das, was man an jeder Ecke hört. Alles klar?

Und diese Bettelmönche in ihren schmierigen Kutten gießen Öl ins Feuer, mit ihren Predigten gegen den Judenwucher. Jedesmal, wenn ich einen dieser Kerle auf der Straße predigen höre, möchte ich ihn in den nächsten Wassertrog stecken. Ja, die Zinsen sind Wucherzinsen. Und wie viel davon landet als Judensteuer beim Kaiser oder in den Kassen der Fürsten und Städte, an die der Kaiser seine Judensteuer verpfändet, he?

Zu kompliziert, Stainlinger, sagt Margret. Die Leute wollen es einfach haben. Was erwartest du? Dass die Leute freiwillig das Hirn einschalten? Willst du die Menschen ändern?

Sie schaut von ihrem Haushaltsbuch auf.

„Wenn du das willst, Stainlinger, dann schicke ich besser nach noch mehr Rettichen für dich. Rettiche reinigen das Gehirn, wie du weißt.“