Um Haaresbreite

Mitten im Leben der Tod. Jeder Tag kann unser letzter sein; wir alle wissen das, immer. Aber heute wurde ich besonders nachdrücklich daran erinnert. Ohne meinen Bruder Hannes wäre ich jetzt nicht hier.

Sandmühle / Schießgraben

Mitten in der Stadt hätte mich um ein Haar ein Armbrust-Bolzen durchbohrt. Wir waren auf dem Heimweg von der Lorenzer Stadtseite, Hannes und ich. Es wurde schon dunkel, wir waren  über den kleinen Steg an der Sandmühle gegangen. Ich drehte mich zu Hannes um, wollte etwas sagen, da riss er mich zu Boden. Wir rollten durch den Sand, und da erst hörte ich das Schwirren der Sehne und dann das böse Tschuck, mit dem sich der Bolzen hinter mir in den Boden bohrte. Ein paar Leute schrien auf; das Rattern der Mühlräder hinter uns schien mir plötzlich überlaut. Einen Augenblick lang war es in mir ganz still, nur mein Herz hämmerte. „Was beim Bockshoden -“ fing Hannes an, aber ich legte ihm die Hand auf den Arm; er muss sich wirklich angewöhnen, nicht so maßlos zu fluchen. „Die Eibenschützen.“

Der ehemalige Schießgraben (Grübelstraße)

Ich rappelte mich auf und zog Hannes hoch, der noch nicht recht wusste, ob es wirklich klug war, schon aufzustehen. Und da kamen sie auch schon aus dem Schießgraben herauf, ganz richtig vorweg der Schützenmeister der Eibenschützengesellschaft, ein halbes Dutzend seiner Schützen hinterher und ganz zum Schluss Willibald Decker, der niemand anderen als Sixtus Wiehr am Arm hinter sich herzog. Hannes ging zu dem Bolzen, zog ihn aus der Erde und marschierte auf den Schützenmeister zu.

„Wer“, sagte er ganz leise, „wer. von. euch. bockshäutigen Eseln hat diesen Bolzen abgeschossen und beinahe meinen Bruder umgebracht?“

Der Schützenmeister machte eine beschwichtigende Geste und legte Hannes die Hand auf den Arm. Er sah mich an, mich kennt er. „Paumer? Jemand verletzt?“

„Nein, aber wenn mein Bruder mich nicht weggerissen hätte…“

Der Schützenmeister sah zu der Stelle, an der der Bolzen eingeschlagen hatte, und ich konnte sehen, wie er im Kopf die Flugbahn berechnete. Sein Gesicht wurde hart, unter seinem linken Auge begann ein Muskel zu zucken.

„Ich will wissen, wer das war“, sagte Hannes, immer noch leise. „Und ich will wissen, wer so einem Holzkopf eine Armbrust in die Hand gibt. Wer von euch ist so dämlich, dass er über eine Grabenmauer schießt?“ Und dann fiel sein Blick auf Sixtus Wiehr, der sich im Hintergrund der Schützengruppe ganz klein gemacht hatte, mit hochrotem Kopf. Hannes stapfte auf ihn zu. Seine Wut teilte die Gruppe wie der Stab des Moses das Rote Meer. Er packte Sixtus am Wams. „Du räudiges Ratten-“

„Hannes.“ Der Schützenmeister der Eibenschützen ist ein ruhiger, besonnener Mann, zwei weitere Schützen griffen ein, und gemeinsam gelang es uns, Hannes von Sixtus wegzuziehen. Aber nicht, bevor Sixt ein paar ordentliche Püffe in die Rippen und einen Faustschlag eingesteckt hatte; von seiner Lippe tropfte Blut und sein linkes Auge schwoll schon zu. Sixtus hatte die Arme vorm Gesicht, aber er wehrte sich nicht. Willibald Decker, normalerweise nicht der erste, wenn es gilt, sich nützlich zu machen, nahm seinen Freund Sixtus am  Arm und zog ihn mit sich fort. Der Schützenmeister wandte sich Hannes zu.

„Hannes Paumer, wie? Ich habe von dir gehört, du warst lange weg. Achte darauf, was du sagst. Der Rat duldet keine Blasphemie und kein Fluchen. Und keine Schlägereien. Ich habe diesmal nichts gehört, aber sieh dich vor.“ Er nickte mir zu. „Pass auf ihn auf.“

Und damit gab er seinen Schützen einen Wink, und sie gingen alle wieder hinunter in ihren Graben. Hannes sah mich an. „Ich?“ fragte er. „Ich soll mich vorsehen? Ich???“ Jetzt war seine Stimme nicht mehr leise. Er kochte, ich konnte die Hitzewellen spüren, er brodelte geradezu. Er hatte noch immer die Fäuste geballt, und seine Augen waren schmale Schlitze.

Es hat keinen Sinn, mit Hannes zu reden, wenn er in dieser Verfassung ist. Schon als er noch ein ganz kleiner Junge war, konnte er völlig außer sich geraten manchmal, und dann war mit ihm nicht mehr zu reden. Ich legte ihm den Arm um die Schultern, meinem Lebensretter, drehte ihn um und schob ihn die Gasse entlang, heimwärts. Dorthin, wo er in Sicherheit war vor sich selbst, vor seiner eigenen Wut.