Treibsand

Status

Je mehr ich über Niklashausen höre, desto bodenloser wird das Gelände; nichts als Treibsand. Praktisch jeder hier im Zug weiß über Niklashausen bescheid, außer mir, und eine nicht so kleine Anzahl von Leuten ist offenbar dabeigewesen oder kennt einen, der einen kennt, und der ist dabeigewesen. Jeder erzählt mir seine Geschichte, nur Matthes nicht, Matthes beißt die Zähne zusammen und schweigt.

Die Wallfahrer von Niklashausen wollten die geistlichen Pfründen abschaffen und den Reichtum der Klöster auf alle verteilen (Herdegen). Sie waren der Jungfrau Maria zuliebe unterwegs und erhofften sich in Niklashausen den Erlass all ihrer Sündenstrafen, wie er sonst nur in einem Heiligen Jahr in Rom zu haben ist (Konrad, ein anderer von den Frammersbachern). Sie machten aus der Wallfahrt einen Jahrmarkt und ein Bordell, die Waller liefen und schliefen in den kurzen Sommernächten über- und miteinander, wie es sich gerade ergab, und die Jungfrau hätte sich mit Entsetzen abgewendet, wäre sie dabeigewesen, es war eine einzige Schande (Jörg, Konrads Onkel). Die Waller standen kurz davor, die Klöster anzuzünden und die Pfaffen zum Teufel zu jagen, und ganz Würzburg hätte sich ihnen angeschlossen, es ist nur dummerweise nicht mehr dazu gekommen, weil nach der Verhaftung des Pfeifers alles auseinanderlief (wieder Herdegen). Eine Bande von Feiglingen und Schwachköpfen, nicht in der Lage, den Heiligen Jüngling gegen eine Handvoll bischöflicher Reiter zu verteidigen; wären nur ein paar hundert echte Kerle dabeigewesen, damals, als die Wallfahrer vor der Marienburg in Würzburg standen, sähe das Land heute anders aus (Heintz Unger, ein Fuhrknecht).

Und unser Gastwirt in Spalt, der, dem Matthes um keinen Preis begegnen wollte?

Ein Spion des Bischofs, der nach der Wallfahrt jeden Namen, den er kannte, an die Obrigkeiten verkauft hat. Einer der Anführer beim Zug nach Würzburg, er war es, der die Marienburg stürmen wollte. Einer von denen, die sich an den letzten Groschen der Wallfahrer bereichert haben – das Geld für seinen Gasthof hat er mit Buden und Ständen in Niklashausen verdient. Der Bruder eines der Männer, die mit dem Pfeifer zusammen hingerichtet wurden, und beinah hätte ihn das gleiche Schicksal getroffen, er wird heute noch gesucht.

So, bitte. Soll ich euch eine Liste machen, auf der ihr ankreuzen könnt, was ihr glauben möchtet?

Ich muss nach der Bless sehen, sie lahmt ein bisschen, vielleicht hat sie sich ein Steinchen in den Huf getreten. Wird auch Zeit, dass ich mal wieder was Sinnvolles tue.

Wo steckt eigentlich der Auberlin schon wieder?

Die Niklashäuser Fahrt

„Unser Wirt in Spalt„, sage ich.

Herdegen bückt sich, ohne den Rhythmus seiner Schritte zu unterbrechen, und pflückt sich einen neuen Grashalm.

„Du hast also das Gerede gehört. Glaub nicht alles. Die, die reden, waren nicht dabei, und die, die dabei waren, reden nicht.“

Dazu habe ich nichts zu sagen. Ich hab ja gar kein Gerede gehört, ich halte nur die Augen offen. Herdegen seufzt und schiebt sich den Grashalm zwischen die Zähne.

niklashausen - der pfeifer auf einer Weinkufe

Der Pfeifer (manchmal auch Pauker) von Niklashausen. Er steht auf einer Weinkufe und predigt den Wallfahrern. Das andächtige Volk hat riesige, teure Kerzen mitgebracht.

„Vielleicht ist es besser, du hörst es von mir. Die Niklashäuser Fahrt?“

Ich schüttle den Kopf.

„Das ist alles lange her. Zehn, fünfzehn Jahre.“ Er rechnet an den Fingern nach. „Eher fünfzehn. Ich war noch ein junger Kerl. Ohne Verstand, wie du.“ Er schaut zu mir herüber; ich grinse zurück. „Und ich *weiß* nichts, das musst du bedenken. Ich war nicht dabei, nicht in Niklashausen.

Jedenfalls, damals war ich viel im Würzburgischen unterwegs. Main- und Taubertal, Mainzer Gebiet, Odenwald. Hügelig, schlechte Wege, ich hatte mein erstes eigenes Gespann und einen Teufel von einem Braunen, der Pferde und Menschen biss. Heute wäre ich mit ihm schnell fertig, aber damals machte er mir das Leben sauer.

Es war Sommer, heiß, und mit einem Mal war auf den Straßen kein Durchkommen mehr. Alle Welt rannte ins Taubertal. Die Bauern praktisch vom Feld weg, Frauen mit Säuglingen, Mägde mit ihren Grastüchern und Sicheln. Handwerksgesellen aus Wertheim und Hall. Rannten los wie sie waren, ohne Kleider, ohne Geld, nannten einander Bruder und Schwester und überließen Gott dem Herrn die Sorge um ihr tägliches Wohl. Die Straßen waren schwarz vor Menschen, sogar euer Nürnberger Rat musste seinen Bürgern das Laufen nach Niklashausen verbieten. Genutzt hat es, wie du dir denken kannst, soviel.“

Herdegen macht die Geste des Hintern-Abwischens.

„In Niklashausen ist nämlich die Jungfrau Maria erschienen und hat allen, die zu dem kleinen Kirchlein in Niklashausen kommen, einen vollkommenen Ablass versprochen.“

Ich bleibe stehen. „Einen was?“

Herdegen lacht. „Genau. Vollständiger Erlass der Sündenstrafen, wie wenn du in einem Gnadenjahr nach Rom pilgerst. Verkündet hat das Ganze ein Dudelsackpfeifer.“ Herdegen lacht wieder. „Schafhirte war er auch. Die Pfaffen haben getobt, der Bischof von Eichstätt hat die Möchtegern-Wallfahrer eigenhändig mit dem Stock in seine Kirche zurückgeprügelt.“

„Selig sind die Sanftmütigen“, sage ich, „denn sie werden das Erdreich besitzen.“

Herdegen schnaubt. „Das Erdreich besitzen sie, jedenfalls da unten im Taubertal. Alles Pfaffen- und Klosterland. Und das war die zweite Geschichte. Die Pfaffen sind alle Halsabschneider, predigte der Schafhirte, Bauernschinder und wahre Ketzer. Wir sollten ihnen den Zehnten nicht mehr geben, und es würde bald soweit kommen, dass die Pfaffen und Herrn um Taglohn arbeiten müssten.“

Herdegen schaut sich nach allen Seiten um, dann zieht er mich am Ärmel zu sich heran und singt mir ins Ohr:

„Wir wollen’s Gott im Himmel klagen
Kyrieeleis
Dass wir die Pfaffen nit sollen totschlagen
Kyrieeleis.“

Ich schaue mich auch um, ich kann gar nicht anders. Das ist die Melodie von einem Wallfahrtslied, und so etwas zu singen –

Etwas läuft mir kalt den Rücken herunter. Herdegen schaut mich an, erwartungsvoll, wie mir scheint, aber für diesmal kann ich die Antwort schuldig bleiben. Von hinten kommt Auberlin angespreißelt.

„Linhard lässt fragen, ob ihr nicht mal Rast machen wollt. Unsere Pferde sind müde.“