Mit Alit über den Weinmarkt

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Das war hochinteressant, heute mit Alit über den Weinmarkt zu schlendern. Ihre Idee; sie “wollte mal sehen, was die Konkurrenz so treibt” (sicher). Als sie merkte, dass mich das Thema Weinhandel interessiert, hat sie mich in alle Ecken und Winkel gezogen, dahin, wo die Tische klein sind und die Sonderangebote verhökert werden. Das war sozusagen ein Schnellkurs über die, naja, windigeren Aspekte ihres Gewerbes.

Mein bester Malvasier, ich muss ihn günstig abgeben, weil ich eine neue Lieferung ordern muss, junger Herr, ein unerhörtes Angebot, nur noch heute, probiert, mein Herr! Ich habe gar nicht gewusst, dass es so viele Möglichkeiten gibt, Wein zu panschen.

Der Malvasier hatte eine sehr herbe Note, die mir vage bekannt vorkam. Alit lachte und meinte, für einen Anfänger gar nicht so schlecht (Anfänger? Damit meint sie mich???).

“Das ist billiger Weißwein, Linhard, mit Holundersaft gefärbt. Warte, bis die Marktaufseher vorbeikommen. Wetten, dass der Rote vom Tisch verschwindet?” Und so war es auch.

Also das ist schon sehr dreist. Einmal nippte Alit nur an dem Becher und kippte ihn dann sofort weg.

“Finger weg. Linhard, von jedem Wein, der nach Galgant schmeckt. Wahrscheinlich war Schimmel im Fass, und mit dem Galgant schmeckst du es nicht. Der Schimmel ist aber trotzdem drin, so einen Wein darfst du nicht trinken, er ist nicht gut für dich.”

Sie machte ein strenges Gesicht (das kann sie also auch?). “Du musst deine Winzer kennen, und du musst deine Fässer und Schläuche und Trichter schrubben, und wenn dir die Finger bluten. Dann schimmelt dir der Wein nicht.”

Nun möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass auf der Nürnberger Heiltumsmesse vorwiegend gepanschter Wein verkauft wird, das stimmt natürlich nicht, wir haben eine strenge Marktaufsicht hier in der Stadt, die passt genau auf, die meisten Weine waren völlig in Ordnung, viele waren sogar ziemlich gut. Und wir ein bisschen lustig.

Vor Wein, der nach Salbei schmeckt, hat Alit mich auch gewarnt. Mit Salbei kriegst du ihn wieder einigermaßen hin, wenn er gekippt ist, sagt sie, aber nicht für lange. Und deine armen Kunden haben am nächsten Tag einen Brummschädel, dass sie durch keine Tür passen. Also was es da alles an Tricks gibt, unfasslich. Oder nicht, das ist ja in jedem Gewerbe so. Aber kennen tut man halt nur sein eigenes.

Nur dass Rosmarinwein jung hält und gegen Haarausfall hilft, wie dieser alte Winzer aus Volkach am Main behauptet hat – das hat Alit auch bestätigt. Die beiden haben sich weggeschmissen vor Lachen, und der Alte hat nochmal nachgeschenkt, einen guten sauberen jungen Frankenwein, frisch und lecker. Alit hat sofort zu feilschen angefangen, dann aber das Interesse verloren und gesagt, sie würde vielleicht morgen wiederkommen (mit allen Wassern gewaschen, das Mädchen) – aber wegen dem Rosmarinwein hab ich dann doch noch ein wenig nachgebohrt. Ich kenne Alit inzwischen ja doch ganz gut.

“Erzählst du das deinen Kunden auch?”

“Aber sicher. Es stimmt ja auch, jedenfalls für die jungen und die, die volles Haar haben. Soll ich ein Fass von dem Volkacher kaufen, was meinst du? Und wieviel würdest du zahlen?“

Moment mal. Was ist das jetzt? Alit stellt mir dieselbe Art von Fragen wie ich meinem Lehrjungen -???

Gerstenwasser

Nur noch ein kleines bisschen mehr Ingwer. Wenn das Zeug nur nicht so teuer wäre. Aber ich hab jetzt alles durchprobiert – Salbei, Minze, Dost, Lorbeer, Gundermann, Wein- und Eberraute, Beifuß, Bockshornklee, Schabzigerklee, Engelwurz, Fenchel, Anis, sogar Wermut und Kümmel (brrr). Was ein gutes und ein richtig gutes Gerstenwasser unterscheidet, ist ein Stückchen Ingwer. Ein Schuss Agraz dazu, fertig. Man muss es nur vorher lang genug kochen, das ist der Trick.

Es tut gut und schmeckt … lebendig. Wunderbar. Meine Schwägerin sagt, ich bin verrückt, dass ich Gerstenwasser verkaufen will. Niemand wird etwas kaufen, das er selber billiger herstellen kann, und wenn, dann werden die Bierbrauer mich vor Gericht zerren, weil ich kein Braurecht habe. Aber ich braue doch nicht. Und die Leute kaufen ja auch meinen Gewürzwein, den sie ebenfalls selber billiger herstellen könnten. Es muss doch einen Grund geben, dass sie meinen kaufen.

Jetzt, wo ich ein wirklich gutes Rezept habe, muss ich die Sache genau durchrechnen. Und mit Linhard reden, ob er mir einen guten Preis für Ingwer machen kann.

Und dann steige ich in die Herstellung von Gerstenwasser ein. Man kann nie genug Eisen im Feuer haben.

Treue Kunden

Es klopft ans Tor; die Schwägerin öffnet, eine Kinderstimme. Ob sie bitte eine Kanne Gewürzwein haben kann, für die Mutter?

Ich kann es noch immer nicht fassen, was ich für Kunden habe. Den Anfang machte der alte Paumer: Kaum saß ich im Hausarrest und Hannes und Linhard auf dem Turm, da schickte er seine alte Haushälterin zu mir, Wein kaufen und gleich noch eine große Kanne für übermorgen bestellen. Mir kamen die Tränen. Ich bin so froh, dass er nicht mir die Schuld gibt dafür, dass seine Söhne in Turmhaft sitzen.

Und dann kamen sie mit ihren Krügen und Kannen, die Kinder und Mägde all meiner treuen Kunden und auch reichlich Bürger, die ich überhaupt nicht kenne. Ganz klein und warm fühlt sich das an, wenn ich daran denke, tief innen drin. Womit habe ich das verdient?

Die Schwägerin sagt, dass der Weinverkauf aus dem Keller heraus nicht erlaubt ist. Und das stimmt, ich darf nur auf dem Markt verkaufen. Aber es ist auch bloßes Geschwätz: Soll ich vielleicht meine Kunden wegschicken????

So wie diese Kleine hier, die ich noch nie gesehen habe. Ein hübsches Kind, zehn vielleicht, mit einem Stupsnäschen und dicken Zöpfen. Teure Kleider. Sie lächelt und hält mir ihre Kanne entgegen.

„Frau Hoevels?“

Sie ist so hübsch, dass man einfach zurücklächeln muss. Ich ziehe sie vorsichtig an einem ihrer Zöpfe. „Ja, das bin ich. Deine Mutter bekommt ihren Wein. Magst du einen Birnenschnitz? Wer bist du denn?“

Sie nimmt sich höflich einen ganz kleinen Schnitz aus der Schale. Ein wohlerzogenes Kind. „Mutter schickt mich, sie möchte gern eine Kanne von Eurem besten Wein.“ Und dann strahlt sie mich an.

„Ich bin Anna, die Tochter von Lutz Stainlinger.“