TVöD im Mittelalter

Ich habe ja schon mehrfach von Endres Tucher berichtet, unserem Stadtbaumeister, und seinem Baumeisterbuch, in dem er akribisch alles aufschrieb, was ihm für seine Amtsführung der Jahre 1461 bis 1475 als wichtig erschien. Von den Linden, die er in Nürnberg pflanzte, von seinem Rezept für Sulzfische (eine Art Weihnachtsgratifikation für die städtischen Angestellten) und nicht zuletzt von seinem beständigen Kampf gegen die Unvernunft seiner Mitmenschen im Allgemeinen und die Misthaufen unter den Stadttoren im Besonderen. Neben dem ganzen Kram trug Endres Tucher auch noch die Personalverantwortung für die städtischen Bauarbeiter. Und das ist einen eigenen Beitrag wert.

Endres Tucher wäre nicht Endres Tucher, wenn er nicht auf den Pfennig genau – und das bitte ich wörtlich zu nehmen – aufgeschrieben hätte, welcher Handwerker wie viel verdient, wie lange er arbeitet, welche Sonderzahlungen und geldwerte Leistungen ihm zustehen und wie viel Badgeld er bekommt (das Badgeld ist eine Lohnzulage, die bei keinem der Handwerker fehlt, nicht mal bei den Tagelöhnern; wir kommen gleich noch dazu). Und die Menschen wären nicht Menschen, wenn sie nicht mehr  wollten. In den Worten unseres Baumeisters:

„Wann aber der guldein gestigen ist und grosse clag von den erbeittern [Arbeitern] was, das sie solichs lonnes nit zu komen mochten [mit so einem Lohn nicht auskommen können] (…), hat ein erberger rate [der ehrbare Rat] (…) iren lon erhöchet (…) umb zwen pfenning, doch das man inen nit zu essen geben soll etc. und do man inen vor drei pfenning badgeltz geben hat, sol man iren nun hinfur zwen pfenning geben zu badgelt.“

Ahhh. Kommt euch die grosse clag irgendwie bekannt vor? Ja, genau. Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst, genau das haben wir hier. Mit ein wenig Phantasie kann man – über 500 Jahre hinweg – das Geschacher hören, das der neuen Vereinbarung vorausging. Mehr Lohn? Nnggghhgh <großes Gestöhne>. Aaaaaber dann kürzen/streichen wir ein paar Vergüngstigungen, zum Beispiel das Essens- und Badegeld. Großes Gestöhne, da capo al fine.

Zwen pfenning, wie viel war das überhaupt?

Das war ordentlich; das war eine nominelle Gehaltserhöhung von mehr als 10 Prozent. Ein qualifizierter Facharbeiter, ein Zimmerer-, Maurer-, Steinmetz- oder Tünchergeselle bekam 18 Pfennig pro Tag im Sommer, 14 im Winter (im Winter war die Arbeitszeit kürzer). Dazu kam noch das „Badgeld“, das 2-4 Pfennige pro Woche betrug. Ein Ungelernter („Taglöhner“) bekam ziemlich genau die Hälfte. Etwas mehr als die anderen Handwerker, nämlich bis zu 26 Pfennig plus mehrere Gulden Vorauszahlung einmal jährlich, erhielten die Pflasterer,

 „dann man ir wenig findet und nit wol gehaben mag.“

schreibt unser Baumeister. Ahh. Fachkräftemangel?

Auch die Dachdecker wussten, was sie wert waren – sogar der „Dachknecht“ bekam 16-20 Pfennig am Tag, dennoch

„so hab ich bißher kein redlichen tagknecht [Dachknecht] umb den lon mug gehaben“,

seufzt unser Baumeister und muss noch eine Einmalzahlung drauflegen.

Wie viel das nun „wirklich“ war – was man für 10, 16, 26 Pfennige kaufen konnte – das ist ein kniffliges Thema (und es hilft nicht, wenn man weiß, dass z. B. ein Pfennigweck zwar immer einen Pfennig kostete, aber unterschiedlich schwer sein konnte, je nach Getreidepreis und Konjunktur). Man kann aber davon ausgehen, dass das keine Familienernährer-Löhne waren, sondern dass Frauen und Kinder immer mitarbeiteten. Die Vorstellung, dass „der Mann die Familie ernährt“, gehört ins bürgerliche Zeitalter, und sie galt sowieso nie für die Unterschichten, nicht für die Arbeiter des Industriezeitalters und schon gar nicht für die Bauern. Dem Spätmittelalter war sie ganz sicher fremd.

Ich möchte aber nochmal auf die Sache mit dem Badgeld zurückkommen. Zu gern, zu gern wüsste ich ja, ob tatsächlich alle Nürnberger Bauhandwerker samstags nach Arbeitsschluss als Pulk in die öffentlichen Badestuben gestürmt sind (und vermutlich nicht nur sie, denn es werden ja kaum die die städtischen Angestellten alle gebadet haben und die andern alle dreckig geblieben sein). Vielleicht ist „Badgeld“ nur ja ein Wort für eine Lohnzulage – Trinkgeld muss man ja auch nicht unbedingt vertrinken.

Vielleicht aber auch nicht. Dass der Samstag Badetag war, geht auch noch aus einer anderen Notiz hervor. Dem Brunnenreiniger (dem „Rörenheintz“) wird ausdrücklich aufgetragen, die Tröge am Schönen Brunnen am Dienstag zu säubern und nicht etwa am Freitag oder Samstag,

„nachdem man des wassers zu fischen, paden und ander notturft mer auf die tag bedarf denn auf den eritag [Dienstag]„.

Und noch einen anderen Hinweis gibt es auf das Baden: Die Gesellen, schreibt Tucher, die Zimmerergesellen vorneweg, hätten seit der Zeit seines Vorgängers im Baumeisteramt

allewegen ie uber viertzehn tagen ein pad abent inen furgenomen und sein einer stund ee abgangen [von der Arbeit] dann sie sunst abgeen sollten, das aber doch von alter also nit herkomen ist. 

Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich nennt man das; und die Steinmetzgesellen zogen natürlich mit den Zimmerern gleich

„und geen derleichen uber viertzehn tagen auch ein stund ee ab, dann sie sunst thun solten.“

Er würde, sagt der Baumeister, dies zum gegenwärtigen Zeitpunkt dulden, er würde seinen Arbeitern beim feierlichen Gelöbnis (sie mussten alle einen Eid leisten) aber eigens auf die Seele binden,

„dass sie sunst dester vleissiger sent und zu rechter zeit zu und abe der arbeit geen, domit sie die stunde auch woll mugen herein pringen (…).“

Ah ja? Hereinarbeiten? Irre ich mich, oder klingt er hier ein wenig hilflos – so wie einer, der vor vollendete Tatsachen gestellt wird und sich Mühe gibt, sein Gesicht zu wahren?

Einmal mehr wünsche ich mir, ich wäre dabeigewesen. Nein, nicht dabeigewesen vielleicht, ich bin mir nicht sicher, dass ich mutig genug wäre für das fünfzehnte Jahrhundert. Aber ob etwas dran ist an meinem Gefühl, dass manches *sooo* anders damals auch nicht war, oder ob ich das nur hineinlese in den Text – das wüsste ich schon gerne.

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