Trucker des Mittelalters

Jeder, der schon mal im Brain-on-Modus in einer gotischen Kathedrale gestanden hat, kennt diesen Moment der Ehrfurcht – nicht nur vor dem Gesamteindruck, sondern auch wegen der schieren technischen Leistung unserer Altvorderen. Kaum eine meiner  Turmführungen in der Lorenzkirche vergeht, ohne dass eine Besucherin/ein Besucher sagt:

„Also was diese Menschen damals geleistet haben, mit sooo wenig Hilfsmitteln!!!“

Ich möchte aber hier nicht über die Baumeister und ihre teils hochspezialisierten Handwerker schreiben, sondern über einen Berufsstand, der für den Alltag der Menschen damals vielleicht noch wichtiger war, der aber kaum bleibende Spuren hinterlassen hat; über die – nun, heute würden wir sagen, Logistikbranche.

Zu der Zeit, zu der unsere Geschichte spielt, konnte man in Nürnberg Gewürze aus dem Orient kaufen, Glas aus Venedig, Wolle aus England, Seide und Zitronen, Wein aus Griechenland, Tuch aus Flandern, Pelze und Wachs aus den Deutschordensländern weit im Nordosten, Ochsen aus Ungarn und und und. Und umgekehrt lieferten die Nürnberger ihre Handwerkserzeugnisse und Handelswaren ebenfalls in die ganze damals bekannte Welt. Wie kamen all diese Güter eigentlich Tag für Tag von A nach B?

Wenn man mal von den ungarischen Ochsen absieht – die mussten selber laufen – dann wurden die Waren selbstverständlich von Fachleuten transportiert, nicht anders als heute auch; auf dem Wasser, wo es möglich war, und über Land überall sonst. Es gab selbstverständlich den Kaufmann, der seine Transporte selbst begleitete (so, wie unser Auberlin das anlässlich der Nördlinger Pfingstmesse erzählt), aber die Regel war das nicht unbedingt; wenn ein Kaufherr aus Brügge Waren in Augsburg bestellte, musste keineswegs dort der Jakob Fugger sein Pferd satteln. Sondern der Augsburger suchte sich einen Fuhrunternehmer, dem er seine Waren anvertrauen konnte. Das Ausstellen von Frachtpapieren gehörte zu den Dingen, die unser Kaufmannslehrling Auberlin ganz sicher lernen musste.

Diese Fuhrleute müssen Teufelskerle gewesen sein. Erstens mal waren die Straßen nicht sicher, ein Raubüberfall war immer eine reale Gefahr, Fuhrleute waren bewaffnet (auch wenn es die Raubritter meist auf Lösegeld abgesehen hatten und nicht auf Mord und Totschlag), und zweitens und wichtigerens waren die Routen natürlich in einem Zustand, wie wir ihn uns heute kaum mehr vorstellen können; Karrenwege, die bei Schnee und Regen unbefahrbar wurden, Flussquerungen auf Flößen, die nur aus zusammengekoppelten Einbäumen bestanden, Waldstrecken, Gebirgspfade, Sümpfe und Alpenpässe. Wer mal mittelalterliche und frühneuzeitliche Karten gesehen hat, begreift sofort, dass die eher eine allgemeine, oft auch idealisierte Raumvorstellung vermittelten und keineswegs geeignet waren, im Gelände von Erfurt nach Antwerpen zu finden; das musste der Fuhrmann anders hinkriegen.

Gefahren wurde nicht immer, aber nach Möglichkeit im Konvoi, um Risiken zu minimieren, aber das wirft ein ganz anderes Problem auf: Ein Dutzend Fuhrwerke mit, sagen wir, vierzig oder fünfzig Pferden brauchen morgens und abends und auch unterwegs eine Menge Wasser, Heu und Hafer; sie brauchen Platz, Ruhepausen, und Unterkunft und Verpflegung für die Fuhrknechte. Zum Transportgewerbe gehört immer auch der Wirt, die Herberge; hier wurden Menschen und Tiere untergebracht und versorgt, aber hier wurden auch Waren angenommen und abgeliefert, zu-, um- und aufgeladen; die Fuhrleute mussten auch diesen Teil der Infrastruktur genau kennen (ich behaupte, die Institution der Fernfahrerkneipe hat spätmittelalterliche Wurzeln, mindestens. Belegen kann ich das allerdings nicht.).

Die Fuhrleute mussten gut in Warenkunde sein, also z.B. eine Lösung finden, wenn sie mit einer Ladung Weinfässer unterwegs waren und harter Frost einsetzte (Wein darf natürlich nicht gefrieren), sie mussten Pferde beurteilen können, sich zu helfen wissen, wenn eins sich verletzte oder krank wurde, sie mussten Reparaturen an Geschirr und Wagen ausführen können, ihre Strecken einschließlich der Zoll- und Geleitstellen im Kopf haben, das Heer der Transporthilfsarbeiter koordinieren (Auflader, Ballenbinder, Weinschröter und dergleichen),  und sie mussten – last not least – etwas können, was jeder Unternehmer beherrschen muss, wenn er nicht in kürzester Zeit pleite gehen will, nämlich: kalkulieren und rechnen und einen vernünftigen Preis für ihre Dienstleistung aushandeln. Dafür mussten sie Entfernungen und Streckenbeschaffenheit im Kopf haben, Rückfrachten organisieren, An- und Verkaufspreise für Pferde kennen und die Kosten für Wasser und Futter sowie Wetterbedingungen einkalkulieren…

Schwirrt euch jetzt der Kopf? Mir auch, und das sind bloß die Dinge, die mir unter Einsatz von Nachdenken, Phantasie und Recherche eingefallen sind; die tausend Notwendigkeiten und Gefahren, die ich mir im komfortablen 21. Jahrhundert gar nicht mehr vorstellen kann, tauchen hier natürlich nicht auf. Logistik ist heute noch kein Job für Leute, die „a weng langsam schauen“, wie man das bei uns in Franken ausdrückt – aber damals, liebe Leute – Hut ab vor dem Fuhrgewerbe!!

4 Gedanken zu “Trucker des Mittelalters

  1. Mir schwirrt der Kopf, weil es so heiß ist und ich bin froh, dass ich „daheim hock“ und keine Pferde über irgendwelche Pässe zerren? muss.
    Die Institution der Fernfahrerkneipe hat spätmittelalterliche Wurzeln – na klar, hundert pro – ich kenne aus Frankreich die Fernfahrerkneipen – von Radtouren (ein Rennrad neben einem Laster, das hat was!).
    Ich fühlte mich da wohl, Essen war einfach – aber (meistens) „tres bien“.
    Die „Bottle“ hätte gestaunt, wie wenig Französisch nötig ist, um in Frankreich klar zu kommen – aber für das Wenige war ich dankbar 🙂 – echt.

  2. Da bringst du mich auf eine weitere Frage: Sprachkenntnisse. Damals war ja selbst die deutsche Hochsprache noch nicht ausgebildet, das fängt erst mit der Lutherbibel an und hat sich bis heute nicht bis in jeden Winkel des Landes durchgesetzt, wie man aus Erfahrung weiß. Und unsere Frammersbacher z.B. sind zuhauf auch in Antwerpen nachweisbar. Also wie haben sie sich verständigt?
    Da man nirgends liest, Fuhrleute seien reihenweise mangels Sprachkenntnissen in den Gasthöfen verhungert, werden sie es gemacht haben wie du (leider schreibst du nicht, *wie*).
    Daraus ziehe ich den Schluss, dass der *accent aigu* und ähnliche Spitzfindigkeiten – damals wie heute – zur Völkerverständigung nicht wirklich essenziell sind.
    Und die Bottle hat uns zu Unrecht gequält. Der Misserfolg, jedenfalls was mich betrifft, hat ihr dann ja auch unrecht gegeben.

  3. Da sollte man echt viel Respekt zeigen, bei dem was die Fuhrmänner damals geleistet haben. Gerade der Transport über Wasser ist dort sicher sehr schwierig gewesen – bei Flößen anstatt Brücken o.Ä. .. und was es bei Bergen und die dazugehörigen Wetterlagen gab will ich mir garnicht ausmalen. So musste der Fuhrmann wirklich viel Wissen haben, gerade auch in dem Bereich der Sprache, wie in den Kommentaren erwähnt. Hut ab!

    • Danke für deinen Beitrag, Reff; ja, ich finde auch, diese Kerle haben Respekt verdient. Wie mühselig und gefährlich der Alltag damals war, können wir uns kaum mehr vorstellen. Ich habe diese Einbaum-Flöße gesehen, im Museum; und da dann mit nem Fuhrwerk drauffahren, dafür braucht man echt Nerven.

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