Von Buchhändlern und Pegnitzfischern

Vor einiger Zeit bin ich über eine Randbemerkung gestolpert, die mich seither sehr beschäftigt hat. In dem Aufsatz ging es um die Nürnberger Unterschichten der frühen Neuzeit, und der Autor erwähnte das Schicksal einer Familie, der – von heute auf morgen – ihr Geschäftsmodell weggebrochen war: Fischfang und Fischhandel.

Gehen wir zurück in die Zeit um 1500: Bei etwa 150 Fasttagen im Jahr sollte sich mit Fischerei und Fischhandel eigentlich eine wirtschaftlich tragfähige Existenz aufbauen lassen. Oder?

Auftritt Luther, 1525 wird Nürnberg protestantisch, und die Fastenregeln interessieren keinen Menschen mehr.

Ich habe immer gedacht, dass der Wandel *in unserer Zeit* rasch und rücksichtslos vonstatten geht („der Brockhaus erscheint jetzt bei Wikipedia“), dass Veränderungen in früheren Zeiten aber zu Fuß daherkamen und den Menschen Zeit ließen, sich zu sortieren.

Das ist wohl eine naive Vorstellung, jedenfalls bei so gründlichen Umwälzungen wie der Reformation. Die Reformation hat keineswegs nur den Glauben der Menschen verändert – sie hat außerdem auch Geschäftsmodelle obsolet gemacht und Lebenspläne durcheinandergewirbelt, und zwar nicht nur die von Mönchen und Nonnen (das hätte man ja erwartet, wir haben ein paar hochdramatische Berichte, wie Nürnberger Patrizierinnen ihre Töchter quasi an den Haaren aus den Nürnberger Frauenklöstern zerren).

Es gibt viele Berufsgruppen, für die die Reformation einen  existenziell bedrohlichen Wandel bedeutete: Bildende Künstler und Handwerker, hochspezialisierte und einfache: Glasmaler, Glockengießer, Goldschmiede, Paternostermacher oder Kerzenzieher, um nur einige zu nennen. Sie alle sahen sich von heute auf morgen einem radikal veränderten Markt ausgesetzt: Die Nachfrage nach religiöser Kunst und teilweise auch nach Luxusgütern war mit der Reformation faktisch zusammengebrochen. In einem sehr interessanten Beitrag auf der Website zur Lutherdekade könnt ihr Genaueres nachlesen, u.a. die groteske Geschichte des „gottlosen Malers“ Hans Sebald Beham, der sein Handwerk bei Dürer lernte, mit den Täufern sympathisierte, aus Nürnberg vertrieben wurde, sich auch für ein bisschen Schweinkram nicht zu schade war und am Ende seine Aufträge von einem der wichtigsten Gegner der Reformation bekam. Ein Künstlerleben in Umbruchszeiten.

Und wo bleiben die Buchhändler? Buchhändler, (Buch-)Verleger, Drucker, das sind Berufe und Tätigkeiten, die um 1500 gerade erst erfunden wurden.

Und nun ergeht es ihnen wie den Pegnitzfischern, oder vielleicht wie dem Sebald Beham, denn wer kann schon sagen, auf welche Ideen Menschen kommen, wenn Türen sich schließen und man sich etwas einfallen lassen muss. Und ich bin um eine Illusion ärmer, um die Vorstellung nämlich, dass der radikale Wandel ein Kennzeichen unserer Zeit sei. Es ist mal wieder alles nicht so ungewöhnlich, wie es einem scheint, wenn es einen (zufällig) selbst betrifft oder wenn man die Veränderungen aus nächster Nähe mitverfolgen kann.

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