Von den linten

Von all den Nürnbergerinnen und Nürnbergern des 15. Jahrhunderts, die ich aus Quellen „kenne“, ist mir einer ganz besonders ans Herz gewachsen: Endres Tucher, der Stadtbaumeister, über den ich hier und hier schon geschrieben habe.

Als Stadtbaumeister hat Endres Tucher ein bisschen Pech gehabt. Er hat sich das falsche Jahrzehnt für Nachruhm ausgesucht. Es war einer seiner Nachfolger, unter dessen Leitung die großen reichsstädtischen Bauten entstanden – das Unschlitthaus, die Mauthalle, die Kaiserstallung; was man halt so aus den Reiseführern kennt. Endres Tucher hat uns das Baumeisterbuch hinterlassen, ja – aber seine Amtsjahre hat er, wenn wir seinen Aufzeichnungen Glauben schenken, mit einer nicht enden wollenden Flut von Widrigkeiten verbracht. Straßengräben, Eichmaße, Feuerleitern,  Misthaufen, Wasserrechte, Lohnzuschläge, Abfallgruben, Schwarzbauten, Pfusch, Schlamperei, Lügen, Ausreden, Bußgelder, halsstarrige Mitbürger –  aber nirgendwo ein neuer Kornspeicher, kein Stadtmauerturm, kein Patrizierschlösschen, nichts. Nichts in Nürnberg erinnert noch an unseren Baumeister Endres Tucher. Dachte ich jedenfalls, bis gestern.

Über Pfingsten sind die Linden aufgeblüht, von einem Tag auf den andern. LindenblütenWir haben viele Linden in Nürnberg, auch an Ecken, wo man sie nicht vermutet. Übrigens, falls jemand nicht nicht so baumkundig sein sollte: Lindenblüten duften.

Dort und im Schatten also saß ich gestern und hab im Baumeisterbuch – gelesen wäre zu viel gesagt, herumgeblättert. Zum Lesen war es zu heiß.

„Von den linten“

steht da als Überschrift, und:

„ließ ich setzen auf die Schüt gegen dem Sant vierundviertzig linten [Vordere Insel Schütt], gegen sant Katherein zwuundviertzig, auf dem Sweinmarckt einundzweintzig [Trödelmarkt], auf die Hallerwisen ailf, (…), auf sant Seboltz kirchoff eine.“

Und das hat mich in die Stadt getrieben, eine Dreiviertelerinnerung verifizieren. Die Bäume vor dem Sebalder Westchor, das sind doch Linden, oder?

Linden vor St SebaldOb sie an der Stelle stehen, an der Endres Tucher seine gepflanzt hat? Und ob der neuzeitliche Bäumepflanzer von Tuchers Linde überhaupt wusste? Linden vor einer Kirche sind ja nicht gerade außergewöhnlich in Franken.

Aber sagen wir, ich habe sie gefunden, die Spur des Baumeisters Endres Tucher in Nürnberg. Und jetzt mal ehrlich: An Steinen haben wir in unserer Stadt keinen Mangel. Prachtbauten? Ich könnte euch ein Dutzend Fotostrecken schießen, „Perlen der Gotik“ undsoweiter, und das, obwohl wir 3000 historische Häuser im Krieg verloren haben. Wie viele Renaissancepaläste braucht der Mensch? Aber Linden.

SommerlindeLinden kann man niemals genug haben.

2 Gedanken zu “Von den linten

  1. …aber sicher keins, das 500 Jahre zurückreicht!
    Jedenfalls sind es Linden und irgendwo da stand im 15. Jahrhundert auch eine.
    Ich glaube, konkreter wird es nicht.

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